Mi, 13. Dezember 2017

Pop aus Österreich

02.11.2017 17:00

Oberst Stern: Synthiepop mit Lokalkolorit

Hinter dem mysteriösen Oberst Stern steckt ein leidenschaftlicher und zugänglicher Musiker aus Fleisch und Blut. Mit einer Mischung aus synthetischen Electro-Beats und Dialektgesang versucht der Oberst eine neue Facette in die heimische Indiepop-Landschaft zu bringen. Wir bekamen Audienz, um Wesen und Wirken des Interpreten genauer zu erforschen.

Zugegeben - der Gag war gelungen. Der Plattenfirmenriese Universal Music kam zu Herbstbeginn mit einem mysteriösen neuen Projekt namens Oberst Stern auf die Medienvertreter zu und ließ dabei bewusst alle Infos im Nebulösen. Wer steckt dahinter? Was darf man sich erwarten? Wie klingt das überhaupt? Zumindest letztere Frage löste sich durch das Übermitteln der ersten drei Songs - und konnte überzeugen. Elektronische Indie-Beats verqueren sich dabei mit einem burgenländisch-wienerischen Dialekt. Also irgendetwas, das wie ein Hybrid aus Attwenger und Bilderbuch klingt. Natürlich nur sehr grob umrissen. Vor seiner livehaftigen Entmystifizierung im Wiener B72 klärte der Oberst uns im Interview auf. "Es ist eine musikalische Symbiose, die mir selbst noch nicht untergekommen ist. Die Mischung aus tanzbaren, anspruchsvollen, aber niemals sperrigen Beats mit Dialektgesang erschien mir unheimlich spannend."

Mit der nötigen Distanz
Der Oberst heißt eigentlich Christoph Jarmer, war einst bei der heimischen Indiepop-Kapelle Garish aktiv und hat sich in den letzten Jahren darauf konzentriert, nicht nur musikalisch, sondern auch optisch eine neue Identität zu finden. "Natürlich war es uns wichtig, die Vermarktung vor diesem ersten Konzert möglichst spannend zu machen. Es gibt im großen Indie-Kosmos in Österreich schon so viele gute Sachen, dass wir bewusst versucht haben, auffällig und markant zu starten. Und als Oberst ist es mir auch wichtig, eine gewisse Distanz zu wahren. Ich werde bei meinen Konzerten in Zukunft weder stagediven, noch wird es private Bettfotos von mir im Internet zu sehen geben."

Die Identität des Oberst ist Jarmer quasi zugeflogen. "Ich lebe in einer Militärsiedlung, wo es früher Offiziershäuser gab. Jedes Haus war einem Rang zugeteilt und wir leben eben im Obersthaus. Ich fühle mich dort wunderbar, bin mitten im Grünen und der Stern im Namen bewahrt einerseits Distanz und fördert andererseits das Sympathisch-Überhebliche. Ein bisschen Narzissmus gehört in diesem Geschäft einfach dazu." An den Songs für das voraussichtlich im Frühjahr 2018 erscheinende Debütalbum schraubt der Oberst seit etwa zwei Jahren. Von Anfang an war das Ziel, die Nummern nicht nur für die eigenen vier Wände, sondern für ein Publikum zu erschaffen. "Die Richtung ergab sich irgendwann von selbst. Fernab von akustischen Instrumenten habe ich eine synthetische Geschichte erschaffen, die nicht synthetisch klingen soll. Der Gesang ergab sich dadurch, dass ich selbst im Dialekt lebe. Englischsprachig zu singen fand ich schon immer herausfordernd und fremd, manchmal sogar absurd. Jetzt fühle ich mich wohl - Oberst Stern ist das Authentischste, das ich in meinem Leben machte."

Augenzwinkernde Provokation
Mit Songs wie "Puppenspüla" (Videopremiere hier in diesem Artikel), "Moch zua die Augn" oder "Da Noa' red uns drein" befasst sich der Oberst mit Alltagsproblemen, zu denen jeder einen Bezug findet. "Beim 'Puppenspüla' kannst du viel in die 'ich glaube an etwas'-Schiene hineininterpretieren. Ich bin der Ansicht, dass man nicht bei allem mitreden oder zu allem eine Meinung haben muss, sondern jeder das machen soll, was er am besten kann. Im Nachsatz greife ich zu den Fäden und spiele mit den Puppen. Es ist eine Art extrem überschätzte Ironie. Ich präsentiere etwas mit einem Augenzwinkern und jeder kann sich dazu seine Gedanken machen - natürlich steckt da eine gewisse Provokation mit drin." Privates oder Persönliches hat in Jarmers Texten keinen Platz, dazu ist die Rolle des Oberst zu sehr auf Distanz angelegt.

"Manchmal muss man sich vielleicht länger Gedanken zu einem Text machen, aber ich versuche all diese Wortspiele und Reimereien, die mir so wichtig sind, am Ende auf den Punkt zu bringen. Ich will weder ein politisches Statement, noch eine wichtige Botschaft von mir geben. Oberst Stern ist und bleibt ein Kunstprojekt, bei dem ich weder viel erklären will, noch muss." Im Großen und Ganzen drehen sich Jarmers Songs um Gier, die er als Brut des Neides sieht. "Ich will mich da nicht rausnehmen, weil ich genauso Fehltritte mache und die mir oft sogar bewusst sind. Ein Bewusstsein für etwas zu haben ist wichtiger als blindlings Dinge zu machen, die die Gesellschaft gerade verlangt, weil es wichtig erscheint." Oberst Stern geht es primär darum, den Menschen mit einer Beobachtungsgabe und viel Gespür für Ironie den Spiegel vorzuhalten - ideologische Ähnlichkeiten zu Helmut Qualtinger sind dabei nicht zu übersehen.

Alles ist möglich
Ob es zum großen Erfolg reichen wird, das vermag der Oberst noch nicht zu deuten. "Ich habe keinen Schimmer, wie das Ganze schlussendlich ankommen wird. Ich hätte auch Bilderbuch diesen Riesenerfolg nie zugetraut, bin ein furchtbares Orakel. In der heimischen Musikszene ist aber gerade sehr viel in Bewegung und von dem her ist alles möglich." Neben dem kommenden Album sind dafür vor allem Livekonzerte wichtig. "Ich hoffe, dass ich bald eine Tour ankündigen kann. Es gibt viele Ideen, wie wir dieses Projekt weiterziehen können, aber im Endeffekt ist es eine Frage des öffentlichen Interesses. Ich bin gespannt wie ein Pfitschipfeil." Die mysteriöse Werbeschiene ist damit auch fürs Erste beendet, denn selbst wird der Oberst dahingehend nichts forcieren. "Wenn ich es nicht beruflich brauchen würde, hätte ich keinen einzigen Social-Media-Account. Mich widert das dort manchmal richtiggehend an." Wie gut, dass uns der Oberst lieber live besucht.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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