Do, 23. November 2017

Zeitlos schön

19.10.2017 14:49

Gardasee: Bunte Sinfonie der Sinne

Weinberge in roten Nuancen, Olivenbäume in intensiven Silbertönen gefärbt, der Duft und Geschmack von Maroni, zu den Füßen liegt der Gardasee wie ein zauberhafter blauer Teppich.

Verführerisch duftet es zu dieser Jahreszeit aus so manchem Restaurant nach frischen Kastanien, Käse oder Pilzen. Das Risotto schmeckt himmlisch - cremig und doch mit dem richtigen Biss. Ich lasse mir jede Gabel davon auf der Zunge zergehen, während das Wasser des Gardasees die Farben des Sonnenuntergangs widerspiegelt.

Am grössten See Italiens treffen Trentino, Veneto und Lombardei zusammen. Klima und Landschaft sind geprägt von den Breta-Dolomiten im Norden, dem Monte Baldo im Osten und der Poebene im Süden. Mediterranes Flair verbindet sich hier mit alpinem Relief, das kaum Wünsche für Bergfreunde offenlässt. Mountainbiker finden ihr ganz persönliches Eldorado von Trails, Wanderer eine grenzenlose Auswahl an angenehmen Bergspaziergängen bis hin zu eindrucksvollen Überschreitungen. Höhe und Herausforderung im Fitnessstudio unter freiem Himmel findet man im nördlichen Teil des Gardasees. Hier eröffnet sich ein Paradies für Klettersteigfans. Fast könnte man meinen, in dem kleinen Städtchen Arco im Sarcatal gäbe es mehr Läden für Kletterbedarf als Restaurants.

In der Region am Fuße des Colodri finden Kraxel-Freunde jedenfalls geeignete Routen - von der Via Ferrata dei Colodri für Einsteiger bis hin zur Via attrezzata Monte Albano für Fortgeschrittene. Einer der wohl bekanntesten Klettersteige ist die Via Ferrata dell’Amicizia (Freundschaftsweg) auf den Cima SAT (1246 m). Ein steiler, herausfordernder Weg schlängelt sich entlang der Wand der Rocchetta. Oben angekommen, genießt man auf dem Gipfel einen 1000 Meter tiefen Blick auf Riva del Garda, Torbole, Malcesine, Nago und den Gardasee - ein absolut unvergessliches Panorama!

Im Sonnenschein auf dem Hochplateau in der frischen, kühlen Luft erscheinen die Umrisse der umliegenden Berge scharf wie Scherenschnitte. Im Herbst soll es von hier aus die beste Sicht des Jahres geben. Was es jetzt auf jeden Fall gibt, ist eine wohltuende Ruhe, die auf dem Gipfel bei klarer Fernsicht den Alltagsstress rasch vergessen lässt und Endorphine in Schwung bringt.

Am See unten ist etwas mehr los. Die mittelstarke Brise in Malcesine bietet die perfekten Konditionen zum Wind- und Kitesurfen wie auch zum Segeln. Für den starken Luftzug - den berühmten Peler - sollte man morgens früh genug aufstehen.

Genuss beginnt in Malcesine zweifellos schon beim Städtchen selbst. Mit seinem alten Hafen, den engen Gassen, über denen die Scaligerburg thront, und dem Monte Baldo im Rücken ist der romantische Ort ein wahrer Augenschmaus. Bevor man allerdings in die Geschichte Malcesines und in das Labyrinth der verträumten Altstadt eintaucht, sollte ein "Aperitivo" zum Einstieg nicht fehlen. Immerhin gehört diese Kultur zum italienischen Lebensgefühl dazu. Am Gardasee genießt man allerorts Chiare - ein zartrosa Getränk aus der lokalen Rebsorte Bardolino, gemixt mit etwas Holundersirup, einem Schuss Mineral, Eiswürfeln und ein paar Blättern Pfefferminze.

Malcesine ist untrennbar mit Johann Wolfgang von Goethes italienischer Reise verknüpft. 1786 erreichte der kulturbegeisterte Dichter das Städtchen und wurde dort erst einmal verhaftet. Als er vom imposanten Castello Skizzen fertigte, landete er beinahe im Gefängnis, weil ihn Einheimische für einen Spion des österreichischen Kaisers hielten. Der Gardasee war schon immer ein Ort der Inspiration für so manchen Künstler, gestern wie heute. Thomas Mann war vom Varone-Wasserfall (Grotta Cascata) nachhaltig beeindruckt und beschrieb seine Erlebnisse im "Zauberberg". Kafka und Nietzsche gaben sich im noblen Riva del Garda die Ehre, und Gustav Klimt zog es ins malerische Malcesine. Im September 1913 wohnte der Wiener Künstler in der Pension Villa Gruber und malte dort seine beiden berühmtesten Landschaftsbilder: "Veduta di Malcesine" und "La Chiesa di Cassone".

Herbstzeit ist Kastanienzeit. Rund um den Gardasee galt die Kastanie jahrhundertelang als verlässliches Nahrungsmittel und als Überlebenssicherung auch bei Missernten. Esskastanien gedeihen am besten in Gebieten mit Weinbau-Klima, weshalb sie am Gardasee optimale Lebensbedingungen finden. Die Kastanienbäume wachsen hier auf Höhen von 100 bis 1000 Metern. Erntezeit ist zwischen September und Dezember. Dann beginnt auch die Zeit des eifrigen Kastaniensammelns und des unwiderstehlichen Dufts von Holzfeuern und gerösteten Maronen. An den Wochenenden und den Feiertagen zwischen 21. Oktober und 5. November 2017 wird am Südhang des Monte Baldo im kleinen Örtchen San Zeno di Montagna ein Fest für die Esskastanie gefeiert. Von einfach und traditionell bis verwegen und exquisit findet man nun die Kastaniengerichte zu allerlei Köstlichkeiten verarbeitet auf der Speisekarte.

Italiens größter Binnensee punktet mit alpenländischem Flair und mediterranem Ambiente. Rasch wechselnd lege ich die heiße Maroni von meiner linken Hand in die rechte und wieder retour, bevor sie schließlich eine angenehm essbare Temperatur erreicht. Dann kurz die Augen schließen: Ein Hauch des rauchigen Dufts gegrillter Maroni umhüllt mich - und ich träume mich vom Maronibrater in Wien wieder an das Ufer des zeitlos schönen Gardasees.

Diana Zwickl, Kronen Zeitung

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