So, 19. November 2017

Wählerstromanalyse

16.10.2017 16:24

Filzmaier: Wer zu wem gewandert ist

Nach jeder Wahl fragt man sich, wer von wem die meisten Stimmen gewonnen hat. Oder wohin umgekehrt die abtrünnigen Wähler einer Partei gewandert sind. Die Antwort darauf liefern Wählerstromanalysen.

In internationalen Medien wird das Wahlergebnis in Österreich unter dem Schlagwort "Rechtsruck" zusammengefasst. Das ist eine Halbwahrheit. Es stimmt, dass mit der ÖVP und der FPÖ zwei Mitte-rechts-Parteien um in Summe rund 13 Prozentpunkte zulegten. Doch waren ja nach dem Rückzug von Team Stronach und BZÖ zugleich jede Menge Wählerstimmen frei verfügbar.

Stronach- und BZÖ-Wähler für Kurz und Strache
Vor vier Jahren hatten fast zehn Prozent eine dieser beiden - zweifellos ebenfalls eher rechts orientierten - Parteien gewählt, die nun nicht mehr auf den Stimmzetteln standen. Wer 2013 ein Fan von Frank Stronach oder BZÖ-Chef Josef Bucher gewesen war, entschied sich nun fast ausschließlich für die Parteien von Sebastian Kurz oder Heinz-Christian Strache. In Wirklichkeit macht der angeblich so große Ruck nach rechts also nur wenige Prozente aus.

Stimmenzuwächse durch höhere Wahlbeteiligung
Allerdings ist die Wahlbeteiligung gestiegen, und ÖVP sowie FPÖ haben zusätzlich fast 250.000 Stimmen aus dem Lager der früheren Nichtwähler geholt. Doch gab es von ebenda auch Stimmenzuwächse für die SPÖ und die Liste Pilz, also mehr links angesiedelt. Die Wählerzahl ist schlicht und einfach insgesamt viel höher als zuletzt.

Nur Grüne ohne Stimmenzuwachs
Was übrigens sämtlichen Parteien eine Chance zu Übertreibungen gibt: Mit Ausnahme der Grünen haben sie logischerweise allesamt mehr Wähler. Wenn eine viel höhere Zahl von Leuten zur Wahl geht, bekommt eben fast jeder Stimmen dazu. Das ändert freilich nichts daran, dass die SPÖ prozentuell so oder so im Bereich des schlechtesten Ergebnisses ihrer Wahlgeschichte seit 1945 liegt.

Pilz nicht alleine schuld an grüner Niederlage
Peter Pilz wird von den Grünen als Mythos gepflegt: Ulrike Lunacek & Co. machen sich etwas vor, wenn sie in einer Art Dolchstoßlegende behaupten, Pilz allein wäre an ihrem Katastrophenergebnis schuld. Ja, man hat an ihn fast 70.000 Stimmen abgegeben. Doch an die NEOS waren es kaum weniger, an die ÖVP mehr, und an die SPÖ waren es sogar zweieinhalbmal so viel. Das kann teilweise den Grund haben, dass mögliche Grün-Wähler strategisch das schwarz-rot-blaue Rennen an der Spitze beeinflussen wollten. Es bedeutet aber zugleich, dass die grüne Partei bei den Wählerströmen in alle Richtungen wie eine auf den Kopf gestellte Gießkanne ausgeronnen ist.

Die Wählerstromanalysen des SORA-Instituts haben übrigens nichts mit Umfragen zu tun, sondern werden statistisch durch den Vergleich aller Teilergebnisse von 2013 und 2017 berechnet. Man weiß nicht, wie einzelne Personen abgestimmt haben. Doch Trends zu den Wanderwegen der Wählermassen zwischen den Parteien sind klar erkennbar.

Peter Filzmaier, Kronen Zeitung

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