Sa, 18. November 2017

Staunen in Afrika

31.10.2017 07:27

Äthiopien: Land voller Eindrücke

"Was, du fährst nach Äthiopien? Traust du dir das wirklich zu?" - als die Kollegen von dieser Rundreise erfuhren, gab es etliche, die nicht mit mir tauschen wollten. Doch das Image des bitterarmen 100-Millionen-Landes ist viel schlechter als die Realität.

Um 23 Uhr hebt der Dreamliner 787 der Ethiopian Air von Wien ab. Mit einer Stunde Zeitverschiebung landen wir nach dem komfortablen Nachtflug um sechs Uhr Früh in Addis Abeba - und schnell wird’s kompliziert, denn die afrikanische Bürokratie ist mindestens doppelt so umständlich wie die unsrige. Nach einer halben Stunde ist die erste Hürde geschafft, wir gehen in die Wartehalle für den Transit. Dort empfangen uns Kaffeedüfte und Weihrauchschwaden. Äthiopien ist ein Fest für die Nase. Und fürs Auge, denn es gibt wohl kaum ein anderes Land, wo es so von wunderschönen Frauen wimmelt.

Bahir Dar am Tana-See
Einen Inlandsflug später landen wir in Bahir Dar am Tana-See. Dieser ist sechsmal so groß wie der Bodensee. Auf zwanzig der dreißig Inseln befinden sich Klöster, die teilweise im 14. Jahrhundert gegründet wurden. Wir tuckern 40 Minuten über den spiegelglatten blaugrauen See. Der Weg zum Kloster Kibran Gebriel führt durch viele Stände mit reizvollen Souvenirs, Metallkreuzen, mit religiösen Szenen bemalten Ziegenfellbildern und Kalebassen.

Die Klosterkirchen sehen für uns wie riesige Rundhütten aus. Sie sind aus Holz und Lehm und mit wunderbar bunten, wenn auch ziemlich drastischen religiösen Szenen bemalt. Im Hintergrund hört man das monotone Gemurmel der Klosterschüler, die auf dem Boden hocken, während der Lehrer in einem Stuhl liegt und schlummert.

Gondar und Simien-Gebirge
Wir wechseln nach Gondar, dem "Camelot Afrikas", wo eine beeindruckende mittelalterliche Burganlage vor Augen führt, dass in dieser Ecke des Kontinents eine dreitausend Jahre alte Hochkultur bestand. Doch bevor wir Gondar erkunden, geht es in dreistündiger Fahrt hoch zum Simien-Gebirge. Von 2500 Metern - das äthiopische Hochland ist wirklich hoch - auf 4000 Meter. Nebel verhindert, dass wir die gewaltige tausend Meter hohe Steilstufe angemessen bewundern können. Doch dafür stehen wir schweigend und staunend vor einer riesigen Affenherde, den Blutbrustpavianen. Unsere Verwandten aus der Vergangenheit wenden uns demonstrativ den Rücken zu. Wie von Zauberhand tauchen aber auch in dieser Einöde schon die ersten Kinder auf, um selbst gebastelte Untersätze aus Bast und diverse andere Kleinigkeiten zu verkaufen. Die massive Konfrontation mit der Armut gehört in Äthiopien zum Alltag, auch wenn wir im Nordteil dieses Landes eigentlich quasi die bessere Hälfte erlebten.

Lalibela
Nach Gondar reisen wir in den "Vatikan" Ostafrikas, nach Lalibela. Agernesh Mekete hat einen seltsamen Job, den sie mit Würde und Gelassenheit ausübt. Die alte Äthiopierin trägt nämlich den Touristen in Lalibela ihre Schuhe nach. Denn wer die elf uralten Steinkirchen besucht, ist bald buchstäblich von den Socken. Äthiopische Gotteshäuser darf man nicht mit Schuhen betreten. Und Frau Mekete kümmert sich als "Assistant Nr. 52" um das Schuhwerk der Besucher, trägt es von Eingang zu Ausgang und wartet dort geduldig, bis die Gäste von Staunen erfüllt aus dem heiligen Dunkel auftauchen und in die afrikanische Sonne blinzeln.

Der Wallfahrtsort Lalibela ist einer der Gründe, warum man die gar nicht sonderlich gefährliche Reise in das äthiopische Hochland wagen sollte. Im 12. und 13. Jahrhundert ließ Kaiser Lalibela die unterirdischen Kirchen aus Basaltlava meißeln. Als "zweites Jerusalem", weil damals laut Überlieferung die Moslems die christlichen Pilger aus Äthiopien töteten. Lalibela - eine Symphonie aus Rosa und Grau, ein steinernes Gebet für die Ewigkeit.

In diesen fantastischen Kirchen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Bunt bemalte Bilder zeigen Bibelszenen, im Halbdunkel sitzen schweigend und meditierend Priester in ihren weißen Gewändern. Unvergesslich bleibt der Gang durch die "Hölle", einen 15 Meter langen, völlig lichtlosen Tunnel, der für die Gläubigen eine Herausforderung darstellt. Langsam tasten wir uns Schritt für Schritt nach vorn. Bis plötzlich iPad-Leuchten, Gekichere und Geschrei losgehen. Eine chinesische Touristengruppe kommt aus der Gegenrichtung und denkt nicht daran, die besondere Stimmung dieses heiligen Ortes zu würdigen.

Äthiopien und China, das ist keine große Liebe. Die Chinesen treten mehr als nur selbstbewusst auf. Sie bauen Bahnen und Straßen, betreiben Kolonisation durch Geld und Technik. Doch der Ameisenfleiß der Herren aus dem Reich der Mitte verheißt wenig Gutes. Dabei ist Infrastruktur genau das, was das chaotische ostafrikanische Land am dringendsten braucht. Auch auf der Baustelle nach Lalibela steht ein Lkw mit der Aufschrift "Sinotruck" und Chinesen leiten die einheimischen Arbeiter an.

Was war das Eindrücklichste dieser Reise?
Neben den wunderschönen Landschaften und den Kirchen von Lalibela der tiefe Glaube der urchristlichen Äthiopier. Und die Erkenntnis, dass unsere europäische Schnelligkeit oftmals nur Quantität, aber keine Qualität bedeutet. In Äthiopien dauert die Kaffeezeremonie zwei Stunden, aber man bekommt einen köstlichen Trank. Wieder zu Hause, drückte ich mir einen Kapselkaffee herunter, der in 30 Sekunden die Tasse füllte. Beim ersten Schluck musste ich wehmütig an die Zeremonie denken.

Christoph Gantner, Kronen Zeitung

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