Mi, 18. Oktober 2017

krone.at-Interview

17.10.2017 22:43

Sarah Zadrazil: „Ich bin immer noch dieselbe!“

Noch vor einem halben Jahr war sie wohl nur ausgewiesenen Insidern bekannt, doch ein "Sommermärchen" später ist sie wohl nie wieder aus den Annalen der rot-weiß-roten Fußball-Geschichte zu verdrängen: Denn Sarah Zadrazil war ein Teil jenes Teams, das bei der Frauenfußball-EURO in den Niederlanden gleich beim ersten Antritt überhaupt ins Semifinale vorstoßen konnte. Kurz vor dem ersten Heim-Auftritt nach der EURO am kommenden Donnerstag (20.30 Uhr in der NV-Arena von St. Pölten) gegen Europameister Niederlande, traf sportkrone.at die 24-jährige Salzburgerin bei sich "daheim" in Potsdam, wo Zadrazil für den deutschen Spitzenklub Turbine Potsdam aktiv ist.

sportkrone.at: Wolfgang Amadeus Mozart hat in einem Brief an seine Frau einst gemeint: "Potsdam ist ein teurer Ort. [...] So musst Du Dich bei meiner Rückkehr mehr auf mich freuen als auf das Geld..." Hat sich seit Mozarts Zeiten etwas an Potsdams hohen Lebenshaltungskosten geändert, liebe Sarah Zadrazil?
Sarah Zadrazil: (überlegt kurz) Also im Vergleich zu Österreich ist‘s eigentlich relativ ähnlich - wenn nicht gar gleich. Nein, ich würde jetzt nicht sagen, dass es sehr teuer ist zum Leben.

Ganz oben sehen Sie einen kurzen "Wordrap" mit Sarah Zadrazil!

sportkrone.at: Potsdam, das ist die Stadt mit Berlin als Vorort - wie lebt es sich für das Mädl aus dem ruhig-beschaulichen Salzkammergut hier in der Metropolregion Deutschlands so?
Zadrazil: Sehr super! Weil Potsdam eben doch ein bisschen außerhalb an einem See mit Parks liegt, hier ist’s recht ländlich. Und dann hat man Berlin gleich in der Nähe, mit der Bahn oder mit dem Auto ist man in 20 Minuten dort. So gesehen hat man hier die Vorteile von Stadt und Land kombiniert. Ich bin ja nicht so ein Großstadt-Mensch, immerhin bin ich im kleinen St. Gilgen aufgewachsen.

sportkrone.at: Der 1. FFC Turbine Potsdam ist sechsfacher deutscher Meister, sechsfacher DDR-Meister und zweifacher Champions-League-Sieger. Wie fühlt es sich an, bei einem solchen Weltklub in Sachen Frauenfußball aktiv zu sein?
Zadrazil: Hier sind alle stolz auf den Klub, die ganze Stadt steht hinter uns. Das ist super! Ich bin richtig froh, dass ich hier spiele. Vor rund zehn Jahren war das mehr oder weniger die Nummer 1 der Welt - man hat praktisch alles gewonnen. Und Turbine ist ja noch dazu ein reiner Frauenverein, was ja doch etwas Besonderes ist in der deutschen Bundesliga. Gerade jetzt kommen einige Vereine durch die finanzielle Unterstützung ihrer Männer immer mehr auf…

sportkrone.at: Du sprichst Klubs wie Bayern München und VfL Wolfsburg an…
Zadrazil: … ja, genau! Diese Klubs können halt einfach viel mehr investieren - und das merkt man inzwischen auch.

sportkrone.at: Während deutsche Klubs in der Beletage des Frauenfußballs und damit über den österreichischen beheimatet sind, hat Rot-Weiß-Rot auf Nationalteam-Ebene Deutschland bei der jüngsten EM platzierungsmäßig überflügelt. Hat man das bei unserem Nachbarn im Allgemeinen bzw. speziell in Potsdam wahrgenommen?
Zadrazil: Doch, doch! Ich hab' schon einige Rückmeldungen von unseren Fans hier bekommen, dass es eine super EURO für Österreich gewesen ist und dass sie uns sehr gerne zugesehen haben. Die haben das schon wahrgenommen und natürlich auch uns unterstützt. Unsere Fans unterstützen uns "Turbinen" alle, egal aus welchem Land wir kommen…

sportkrone.at: Das rot-weiß-rote Sommermärchen ist seit knapp zwei Monaten fertigerzählt - was hat sich im Leben der Sarah Zadrazil inzwischen geändert?
Zadrazil: (überlegt kurz) Nicht viel, also ich bin immer noch dieselbe! Und hier in Deutschland werde ich jetzt auch nicht öfter erkannt als früher, in Österreich eher schon, da hab‘ ich den Hype schon ein bissi bemerkt. Etwa wenn man unterwegs ist und die Leute einen erkennen. Aber hier in Deutschland ist alles beim Alten - und jetzt liegt der Fokus sowieso wieder auf der Bundesliga-Saison.

sportkrone.at: Es gab auch nicht mehr Medienanfragen?
Zadrazil: Doch, teilweise schon! Was Social Media anbelangt, gibt’s jetzt natürlich schon mehr Follower, das muss ich schon sagen.

sportkrone.at: Rechnest du damit, dass die Begeisterung, die in Österreich während der EM und durch euren Erfolgslauf ausgebrochen ist, dauerhaft verfängt? Glaubst du, dass das zarte Pflänzchen des Frauenfußballs bei uns gedeihen wird?
Zadrazil: Ich denke, es wird sehr schwierig. Wir haben jetzt mal einen ersten Schritt gemacht - jetzt ich bin schon sehr gespannt aufs nächste Länderspiel gegen Holland. Und darauf, wie viele Zuschauer kommen…

sportkrone.at: Gespielt wird am 19. Oktober in der NV-Arena in St. Pölten…
Zadrazil: …ja, genau - in St. Pölten. Was das Fernsehen anbelangt, hat man beim letzten Spiel gegen Serbien wieder gesehen, dass es im ORF wieder Rekord-Einschaltquoten gegeben hat. Noch hält es also an, die Frage ist: Wie lange? Aber ich denke, je länger wir gut spielen und erfolgreich sind, umso länger hält dann auch dieser Hype an.

sportkrone.at: Profitum ist etwas, was im österreichischen Frauenfußball wohl noch lange Theorie bleiben wird - im Gegensatz zu Deutschland. Was verdient man so bei einem Topklub im deutschen Frauenfußball? Mehr oder weniger als eine angestellte Kindergarten-Pädagogin?
Zadrazil: Naja, das ist schwer zu sagen und unterschiedlich von Verein zu Verein. In meinem Fall ist es so, dass ich gut davon leben kann - aber auch nicht so viel, dass ich mir viel zusammensparen könnte für "die Zeit danach". Man braucht einfach ein zweites Standbein. Ich glaube schon, dass ich später einmal im Kindergarten arbeiten werde.

sportkrone.at: Du bist ausgebildete Kindergarten-Pädagogin und hast in den USA zudem einen Bachelor in Sportwissenschaft gemacht - auch wenn wir natürlich alle hoffen, dass du deine Karriere noch lange nicht beenden mögest: Wohin tendierst du für "die Zeit danach"?
Zadrazil: Im Moment überlege ich, hier in Potsdam meinen Master in Sportwissenschaft zu machen. Hier gibt’s ja eine super Universität. Vielleicht muss ich ein paar Kurse für meinen Bachelor nachholen, damit der hier in Deutschland anerkannt wird - zwischen den USA und Deutschland gibt’s ja doch auch Unterschiede. Eventuell könnte es bei mir also auch in die Richtung Athletiktrainer usw. gehen, das muss ich mir noch genauer anschauen. Grundsätzlich glaub‘ ich aber eher, dass ich im Kindergarten-Bereich bleibe, weil‘s doch ein Beruf ist, der mir sehr viel Spaß macht…

sportkrone.at: Mal grundsätzlich: Findest du es okay, wenn etwa ein Herr Neymar allein aus Gehältern 37 Millionen Euro im Jahr mehr kassiert als du? Mal bezogen auf den Unterschied zum Frauenfußball, aber auch allgemein - sind solche Summen überhaupt noch irgendwie nachvollziehbar?
Zadrazil: Im Prinzip ist es mir relativ egal! Im Frauenbereich ist es so, dass wir vor allem spielen, weil es Spaß macht. Auch wenn wir nicht solche Summen kassieren, geben wir am Platz immer alles und machen es einfach als unser Hobby. Ich denke, bei der EURO hat man das auch gesehen - und deswegen waren auch so viele vom Frauenfußball begeistert. Von dem her ist es mir egal, wenn einer so viel Geld bekommt, Millionen verdient: Schön für ihn…

sportkrone.at: Nur wenige Kilometer von hier entfernt, hat vor Kurzem Hertha BSC vor mehr als 71.000 Zuschauern gegen den FC Bayern München gespielt. Blickt man da nicht etwas neidisch bzw. enttäuscht hinüber, wenn euch in der eigenen Liga durchschnittlich nur rund 1000 Leute anfeuern?
Zadrazil: Nein, das kann man nicht wirklich vergleichen. Ich würd‘ sagen, Männerfußball ist ein eigenes Thema und Frauenfußball ist ein eigenes Thema. Natürlich wär's cool, vor ein bisschen mehr Zuschauern zu spielen - bei der Europameisterschaft war's ja auch echt super! Aber es ist jetzt nicht so, dass ich sag': Ich bin neidisch! Und es wird ja eh besser und besser. So viele wie bei Hertha BSC gegen Bayern werden's zwar wohl nie werden, aber mal schauen...

sportkrone.at: Zum Abschluss ein Blick die nahe Zukunft: Demnächst trefft ihr einem freundschaftlichen Länderspiel auf den frischgebackenen Europameister Niederlande. Mit den "Oranje-Löwinnen" habt ihr ja vom vergangenen Juni noch eine Rechnung offen, oder?
Zadrazil: Allerdings! Ich glaub', da sind wir extrem schlecht in das Spiel gestartet. Nach drei Minuten stand's 0:2 und natürlich ist's dann schwierig gegen so einen Gegner. Aber natürlich freuen wir uns jetzt schon alle, immerhin ist es das erste Heimspiel nach der EURO. Und jetzt bin ich gespannt, ob wirklich viele Zuschauer kommen und ob dieser Hype weitergeht! Es ist eine super Herausforderung und wir spielen gerne gegen gute Mannschaften.

Hannes Maierhofer (in Potsdam)

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