So, 19. November 2017

Kanzlerduell im ORF

10.10.2017 21:05

Kurz: „Der Herr Strache hat auch einen guten Lauf“

Nach ihrem eher kuscheligen Schlagabtausch auf Puls4 am Sonntag sind ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache am Dienstagabend unter der Leitung von Tarek Leitner im ORF zum Rückspiel aufeinandergetroffen - mit härteren Bandagen. Bereits wenige Minuten nach dem Start schien die SPÖ - zumindest in der Kanzlerfrage - abgeschrieben, als der ÖVP-Chef ganz klar das Duell Kurz gegen Strache ausrief. Straches Konter: "Das ist eine Nationalratswahl, keine Kanzlerwahl." Insgesamt hatte Leitner alle Mühe mit den Kontrahenten, die sich äußerst ungern unterbrechen ließen und streckenweise wild und quasi ununterbrochen diskutierten. Beide warnten am Ende vor einer Koalition des jeweils anderen mit der SPÖ.

Das erste Duell am Sonntagabend auf Puls 4 war recht harmonisch verlaufen. Kurz hatte aber auch da schon von einem Kanzlerduell gesprochen: "Entweder Sie werden Bundeskanzler oder ich", so der ÖVP-Chef. Bei der mittlerweile neunten Wahlkonfrontation des ORF kam es nun zum schwarz-blauen Rückspiel - bei dem durchaus härtere Bandagen ergriffen wurden als noch am Sonntag. Interessantes Detail: Über das den Wahlkampf dominierende Thema debattierten Kurz und Strache am Dienstagabend nicht. Das Wort "Silberstein" fiel nur einmal kurz zu Beginn.

ORF-Moderator Tarek Leitner wollte Gemeinsamkeiten und allfällige Unterschiede zwischen den Spitzenkandidaten von ÖVP und FPÖ herausarbeiten, sagte er in der Ankündigung des TV-Duells. "Sitzt hier die neue Große Koalition am Tisch?", fragte er dann zu Beginn der Konfrontation.

Kurz: "Nationalratswahl ist auch eine Kanzlerentscheidung"
"Diese Nationalratswahl ist auch eine Kanzlerentscheidung", antwortete Kurz, der sich zufrieden über den bisherigen Run seiner Partei im Wahlkampf zeigte. Er kenne Strache seit Längerem, es gebe auch im Wahlkampf eine ordentliche Gesprächsbasis mit ihm wie auch mit den anderen Parteichefs. Der Wahlkampf laufe für die ÖVP sehr gut, "der Herr Strache hat auch einen guten Lauf", so Kurz. Die SPÖ hatte der schwarz-türkise Spitzenkandidat wohl nicht mehr auf seiner Kanzler-Rechnung, als er feststellte, dass die Frage nun sei, ob "Herr Strache Bundeskanzler wird, oder ob ich das Land führen darf".

Strache zeigte sich vom anschmiegsamen Einstieg des "jungen sympathischen Mannes" aber unbeeindruckt und konterte, dass es sich hier um eine Nationalratswahl und keine Kanzlerwahl handle. Blaue Kritik hagelte es wenig überraschend beim Thema Integration. Als Integrationsminister habe Kurz Gegengesellschaften nicht verhindern können, so Strache.

Es folgte ein Geplänkel um die Großspender der ÖVP. Hinter der ÖVP stünden Großspender, wie etwa KTM-Chef Stefan Pierer und Georg Muzicant, kritisierte der FPÖ-Chef. Strache sprach von "Verstrickungen", man sollte sich von diesen Spendern fernhalten. Kurz entgegnete, er sei es gewohnt, mit "abstrusen Verschwörungstheorien" wie dieser konfrontiert zu werden. "Den Herrn Muzicant herauszugreifen, nur weil er einen jüdischen Background hat, halte ich für unredlich." Und, so Kurz: Muzicant unterstützte ihn, "weil er nicht möchte, dass er am 16. Oktober mit Rot-Blau aufwacht". Ein Entgegenkommen an die Spender sei jedenfalls an den Haaren herbeigezogen. Er pflege einen neuen Stil, den er als Bundeskanzler weiter pflegen wolle. Straches Gegenfrage: "Das ist ein neuer Stil?"

Nach dem kurzen Streit um "Stilfragen" kam die Debatte beim Thema Migration in Fahrt: Was Probleme zu erkennen betreffe, sei Strache "ganz gut", wiederholte Kurz seine Aussagen aus den früheren Diskussionen. Strache kritisierte Kurz wiederum für die Versäumnisse der letzten Jahre im Bereich Migration und wies einmal mehr darauf hin: "Nein, der Islam gehört nicht zu Österreich."

Auch die Taferln wieder im Einsatz
Minutenlang drehte sich in der Debatte alles um die Vergangenheit. Nach knapp 20 Minuten kamen endlich auch die beliebten Taferln zum Einsatz: Strache warf Kurz Sätze vor, die er öffentlich gesagt hat. Der ÖVP-Chef sei in der Vergangenheit viel offener gegenüber dem Islam gewesen, als er jetzt vorgebe. Kurz' Konter: "Wenn Sie so viele Taferl mithaben, zeig ich Ihnen einen Zettel." Der ÖVP-Spitzenkandidat zitierte Norbert Hofer, der Kurz gelobt habe, und unterstellte Strache, ihn nur aus Angst um ein schlechtes Wahlergebnis anzugreifen. Das sei aber unbegründet, er werde schon gut abschneiden, tröstete ihn Kurz.

Als Strache die Schließung der Balkanroute auf den Tisch brachte und erklärte, dass dies der Verdienst von Ungarns Premier Viktor Orban gewesen sei, erwiderte Kurz trocken: "Herr Strache, Sie streben ein Regierungsamt an, da sollten Sie es mit den Fakten genauer nehmen, damit Sie sich auf europäischer Ebene nicht lächerlich machen."

Auf die Frage Leitners, was nach dem Ende der Grenzkontrollen passieren werde, versprach Kurz, er werde sich auf europäischer Ebene für eine Verlängerung der Grenzkontrollen einsetzen. Auch wenn Moderator Leitner hier wie auch an anderer Stelle während der Debatte das Thema wechseln wollte - an den beiden Kandidaten biss er sich fast die Zähne aus. Weder Kurz noch Strache wollten vom Thema Migration ablassen. Als Strache Orban erneut erwähnte, erwiderte Kurz: "Der (Orban) gibt ihnen nicht einmal einen Termin." Süffisanter Nachsatz: "Ich kann Ihnen helfen, dass Sie einen Termin bekommen."

Kurz und Strache brachten Leitner zum Verzweifeln
Recht gab Kurz dem FPÖ-Chef nur in dessen Kritik am Vorgehen von Kanzler Christian Kern in Sachen "Anti-Terror-Mauer" am Ballhausplatz. Und die Mindestsicherung würde er gerne gemeinsam mit der FPÖ nach dem oberösterreichischen Modell kürzen - wobei Strache sagte, er hätte lieber mehr Sachleistungen. Nach den weiteren angeschnittenen Themen Brexit, CETA und EU sowie Pensionen drohte die Konfrontation nach knapp 45 Minuten endgültig aus dem Ruder zu laufen.

Mehrere Minuten lang redeten Strache und Kurz wild durcheinander - und ließen sich von Moderator Leitner nicht dabei unterbrechen. Vorübergehend redeten alle drei Männer gleichzeitig, was nicht unbedingt zur Verständlichkeit des Gesagten beitrug. Ein doch schon etwas verzweifelter und grantelnder Leitner schlug Kurz und Strache gar eine "private Unterhaltung" vor, denn das Gespräch arte allmählich aus.

Kurz wirbt mit Warnung vor Rot-Blau um Stimmen
Kurz' Ansage an den FPÖ-Chef am Ende: "Ich werde teamfähig, aber klar führen. Darauf können Sie sich verlassen, Herr Strache!" Ein Taferl hatte der ÖVP-Spitzenkandidat auch noch dabei - mit einem Strache-Zitat, wo er den "rot-blauen Erfolgsweg" im Burgenland hervorhob. Kurz will damit vor Rot-Blau warnen. Er gehe nämlich davon aus, dass Rot und Blau eine Koalition bilden werden, wenn er nicht so stark wird, dass er den Regierungsanspruch stellen kann. Mit einer Stimme für die ÖVP könne man dem entgegenarbeiten.

Letztlich warfen sich die beiden zum Schluss gegenseitig vor, lieber mit der SPÖ als miteinander in eine Koalition gehen zu wollen. Strache betonte dazu unter Berufung auf den Parteibeschluss der SPÖ, der dies ohnehin unmöglich mache, abschließend: "Blau-Rot ist auszuschließen." Kurz konnte darüber nur lachen.

Letztes ORF-Duell Kern gegen Kurz
Nach dem nun absolvierten Kurz-Strache-Duell kommt es am Mittwoch zum letzten ORF-Duell Kurz gegen SPÖ-Chef Christian Kern, bevor dann am Donnerstag bei der Elefantenrunde noch einmal alle Spitzenkandidaten zum TV-Showdown dieses Wahlkampfs aufeinandertreffen werden.

Harald Dragan
Redakteur
Harald Dragan
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