So, 19. November 2017

Korean Turismo

09.10.2017 16:42

Kia Stinger: Der Stachel des Volksaufstands

"Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen", soll Marie Antoinette angeblich gestichelt haben. Heute würde sie vielleicht sagen: "Wenn sie sich keinen VW Golf leisten können, sollen sie doch Porsche fahren." Damals kam es zur französischen Revolution, heute zur koreanischen: Kia steigt zum Brot-und-Butter-Preis in die noble Gran-Turismo-Klasse ein. Das bedeutet: Brot zahlen, Kuchen essen. Bzw. Kia Stinger fahren.

Es ist das erste koreanische Auto, das voll auf Emotionen setzt: klassische Coupé-Linie (allerdings mit vier Türen) und prächtige Proportionen - Chefdesigner Peter Schreyer hatte wohl Maserati im Kopf, das im Detail aber dann doch nicht ganz durchgezogen: Die Heckleuchtenpartie erinnert zwar entfernt an einen Maserati GT, aber viel mehr an einen Ford Mondeo.

Auch der in die Seite gezogene Reflektorstreifen wirkt etwas unmotiviert.

Die selbstbewusste, Kia-typische "Tiger-Schnauze" als Kühlergrill passt da schon besser, vor allem wenn daneben LED-Scheinwerfer gleißen.

Sportlich-elegant geht es im Innenraum zu. Drei zentrale Luftdüsen im Jet-Design sowie echte Aluminium-Blenden auf der Mittelkonsole und an den Türverkleidungen vermitteln einen Hauch von Oberklasse; die Plastik-Bedienknöpfe in Alu-Dekor können zwar das Auge, aber nicht die Fingerspitzen täuschen. Klar sind die Materialien nicht Super-Premium, aber alles, inklusive Navitainment, ist problemlos zu bedienen und steht dahingehend der teuren Konkurrenz nicht nach.

Platz ist reichlich. Auf den Vordersitzen sowieso, aber auch dahinter fühlen sich sogar 1,90 m große Mitfahrer wohl. Weder Knie- noch Kopffreiheit sind eingeschränkt. Lediglich die Füße würde man gerne unter den Vordersitz stellen. In den Kofferraum passen 406 Liter.

Drei Motoren zur Auswahl
Unter der Haube überzeugt vor allem der 3,3-Liter-V6, der 370 PS leistet und schon bei 1300/min. mächtige 510 Nm über die serienmäßige, eigenentwickelte Achtgangautomatik an alle vier Räder schickt. In 5,1 Sekunden ist Tempo 100 erreicht, erst bei 270 km/h wird abgeregelt. Schaltpaddles sind serienmäßig, ein dezidierter Manuellmodus ist nicht vorhanden, d.h. auch wenn man selbst schaltet, springt nach kurzer Zeit der Automatikmodus wieder an.

Alternativ gibt es einen stets heckgetriebenen Zweiliter-Vierzylinder-Benziner mit 256 PS sowie einen 2,2 Liter großen Turbodiesel mit 200 PS, der wahlweise nur die Hinterräder oder alle viere antreibt. Schade, dass bei allen Motorvarianten je nach Fahrmodus mehr oder weniger künstlicher Motorklang aus den Lautsprechern tönt. Sogar beim V6.

Sensationelles Fahrwerk
Der Stinger liegt weitgehend neutral und zeigte sich bei Testfahrten auf dem Circuito Mallorca ebenso jederzeit gut beherrschbar wie auf kurvigen mallorquinischen Landstraßen. Die Dämpfer sind in der Top-Version adaptiv, die Lenkung nahe dran an der des großen Vorbilds, des BMW 4er Gran Coupé.

Schon die Basisversion (43.290 Euro) kommt mit Navi, Zweizonenklima, Spurhalteassistent und elektrisch verstellbaren Sitzen, das Topmodell "GT" hat um 62.790 Euro alles drin, was das Buffet hergibt. Vollausstattung. Einziges Extra: ein Glasschiebedach um 1200 Euro. Ein Stachel im Fleisch der etablierten Konkurrenz.

Warum?

  • Ein GT zum Koreanerpreis - top!
  • Toller Sechszylinder

Warum nicht?

  • Im Detail sieht man ihm den günstigen Preis dann doch an.

Oder vielleicht …

… BMW 4er Gran Coupé, Audi A5 Sportback

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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