Mi, 22. November 2017

Alpenverein

01.10.2017 00:01

Mit GPS auf dem Gletscher

Weder Schnee und Eis, noch verborgene Spalten, halten die Profis des Alpenvereins davon ab, Österreichs Gletscher zu erforschen.

Wintereinbruch im Hochgebirge! Das bedeutet schlechte Karten für die Wissenschafter rund um Gerhard Lieb und Andreas Kellerer-Pirklbauer, die beiden Leiter des Gletschermessdienstes des Alpenvereines sowie ihre "Gletscherknechte", wie ehrenamtliche Helfer genannt werden. Denn statt den Rückgang der Pasterze zu dokumentieren, heißt’s auf der Franz-Josefs-Höhe den Schneesturm abzuwettern. "Die Chancen, die markierten Felsen zu finden, um den Gletscherfluss zu messen, stehen bei diesen Bedingungen trotz GPS nicht gut", erklärt Gerhard Lieb vom Institut für Geografie und Raumforschung der Universität Graz. Also heißt’s warten. Doch statt Tee zu trinken, führen die beiden Gletscher-Spezialisten durch die Gletscher-Ausstellung, wo auch ein in zwei Teile zerbrochener 7,9 Meter langer und 1700 Kilogramm schwerer Zirben-Baumstamm zu sehen ist, den der größte Gletscher der Ostalpen freigegeben hat.

"Dieser ,Pasterzenbaum‘ wuchs hier vor mehr als 9000 Jahren und war selbst 300 Jahre alt", erklärt Gerhard Lieb. Seit Beginn der Nacheiszeit vor 11.500 Jahren war die Pasterze nie größer als beim letzten Hochstand von 1852 bis 1856, jedoch oftmals deutlich kleiner als heute. Seit 1879 wird der Rückgang der Pasterze genau dokumentiert. Am 29. September jährte es sich zum 138sten Mal, dass der Klagenfurter Bergbaudirektor Ferdinand Seeland erstmals den Eisrand der Pasterze markierte. Heute ist die daraus entstandene Datenreihe weltweit einzigartig und gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Ein Reich aus Eis und SchneeBlickt man nun von der Aussichtsplattform der Franz-Josefs-Höhe hinunter Richtung Gletscher, dann ist’s für viele ein Trauerspiel. Steht man jedoch weiter im Westen unterhalb des 3453 Meter hohen Johannisbergs, erscheinen die Eismassen der Pasterze noch immer sehr gewaltig und eindrucksvoll. Immerhin hat die Pasterze noch immer eine Länge von 8,4 Kilometern, eine Fläche von 18,5 Quadratkilometern und ein Eisvolumen von 1,8 Kubikkilometern.

Auch heuer rückten die Wissenschafter - wie alljährlich im September - aus, um die Längen- und Höhenveränderungen der Pasterze zu dokumentieren und die "Berg Krone" begleitete die "Gletscherknechte" heuer einen Tag nach dem Wintereinbruch bei ihrer nicht ganz ungefährlichen Arbeit. Das Team ist bestens dafür vorbereitet und die Daten, die dabei gewonnen werden, sind von großer Bedeutung. Ist doch das Schrumpfen der Gletscher wohl die auffälligste Auswirkung des globalen Klimawandels.

Ziel der Forscher ist die "Firnlinie" in 3100 Meter Seehöhe zwischen dem Nähr- und Zehrgebiet des Gletschers. Ausgerüstet mit Steigeisen und Eispickeln geht’s über das Wasserfallwinkel Kees zur Oberwalderhütte (2973 m) in das noch ewige Pasterzen-Eis. Mit dabei ein hochmodernes GPS-Messsystem. "Noch bis vor vier Jahren haben wir einen Theodoliten, ein schweres Winkelmessgerät, mitgeschleppt", so Andreas Kellerer-Pirklbauer: "Das zentimetergenau messende GPS-System ist viel leichter und bei jedem Wetter einsetzbar."

Obwohl Neuschnee die Gletscherlandschaft weiß gefärbt hat, ist der Eisrückgang sichtbar. "Im Vorjahr verlor die Pasterze 44 Meter", weiß Gerhard Lieb. Und auch für heuer sind die bisherigen Anzeichen alarmierend: "Nach den bisherigen Messungen gibt es bereits erste Signale, dass die Werte die Rekordschmelze von 2003 erreichen werden. Das wäre dramatisch." Endgültig lassen sich die Verluste aber erst nach der Auswertung aller Werte inklusive Massenbilanz sagen. Übrigens: Nicht schneereiche Winter sind ausschlaggebend für Österreichs Gletscher, sondern die Sommermonate. "Je weiter polwärts ein Gletscher liegt, desto wichtiger sind die Wintereinnahmen, also der Schneezuwachs. Weil wir aber näher am Äquator liegen, ist bei uns die Sonneneinstrahlung entscheidender." Und weil’s wärmer wird, schrumpfen die Gletscher weiter.

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