Mo, 11. Dezember 2017

"Krone"-Interview

01.10.2017 12:33

Dee Dee Bridgewater: Zu 100 Prozent Memphis

Im Juli begeisterte die mehrfach Grammy-geadelte Dee Dee Bridgewater im Zuge des Jazzfests in der Wiener Staatsoper - nun hat sie auch das heiß ersehnte Studioalbum "Memphis... Yes, I'm Ready" zu den dort bereits angespielten Songs veröffentlicht. Darauf huldigt die 67-jährige Ikone ihrer Heimat und all den Erinnerungen. Wie stark sie dort verwurzelt ist, machte sie uns im ausführlichen Interview klar.

"Krone": Dee Dee, unlängst erschien mit etwas Verspätung dein brandneues Album "Memphis... Yes, I'm Ready", auf dem du deiner Heimat huldigst, in der du geboren wurdest. Nach dem vorletzten Werk, dass sich grob um New Orleans drehte, also wieder ein Album, das sich um eine bestimmte Stadt dreht.
Dee Dee Bridgewater: Memphis, Tennessee war mein Geburtstort und vor etwa drei Jahren verspürte ich den Drang, dorthin zurückzukehren, um diesen kurzen Teil meines Lebens verstehen zu können. Dort wurde ich Mensch und mein allererster Musikgeschmack und alles was damit zu tun hat, liegen in diesem Teil meiner Vergangenheit. Für mich war das wichtig, um mich als Künstler und auch als Mensch komplett zu fühlen und um mir gewisse Fragen wie "warum mag ich diese oder jene Musik oder weshalb schmeckt mir genau dieses Essen?" zu beantworten.

Gab es einen bestimmten Moment, eine zündende Begebenheit, die dich dazu inspiriert hat?
Die Idee wurde aus dem Wunsch geboren, meine Vergangenheit verstehen zu lernen. Begonnen hat diese Suche 2007, als ich mit dem Album "Red Earth" auf meine afrikanischen Ursprünge zurückblickte und dort recherchierte. Danach habe ich mich auf meine amerikanischen Wurzeln und meine Familienhistorie konzentriert. Vor allem väterlicherseits, denn er kann sich leider an nichts mehr erinnern. Die Seite meiner Mutter konnte ich nachverfolgen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Das ist wirklich eine große Ehre für afroamerikanische Menschen, weil es in unserer Kultur nicht Usus war, solcherlei Aufzeichnungen zu führen. Die meisten afroamerikanischen Familien stammen aus dem Süden der Staaten, wo die Sklaverei üblich war, meine Familie aber kam aus dem Norden. Meine Urgroßeltern sind aus Mississippi und meine Großeltern genauso. Wir konnten nicht herausfinden, wo die Verwandten meiner Cousins herkommen, aber zur direkten Verwandtschaft habe ich Aufzeichnungen. Jedenfalls zogen meine Großeltern in den späten 1920er-Jahren um. Meine Eltern graduierten auf einer der berühmtesten schwarzen Unis in West Virginia und mein Vater bekam den Job, in Memphis auf einer High School zu unterrichten. Dann wurde ich geboren. Meine Eltern waren ein Teil der Migrationswelle, die aufgrund besserer Jobmöglichkeiten in den Norden, nach Michigan zog, wo ich aufwuchs. Auch die Lebensbedingungen waren dort besser, deshalb gab es zwischen den 1920er- und 1960er-Jahren eine große Umsiedelungswelle, deren Teil wir waren. In Michigan wurde auch meine Mutter geboren.

Würdest du Memphis als deine Heimatstadt bezeichnen, obwohl du nur sehr kurz und sehr jung dort gelebt hast?
Auf jeden Fall, denn es ist mein Geburtsort und wir waren dort, bis ich dreieinhalb Jahre alt war. Zwischen 2014 und jetzt bin ich dorthin zurückgekehrt, um zu recherchieren und zu arbeiten und jetzt verstehe ich, warum ich bestimmte Geschmäcker verspüre, Gerüche durch meine Nase ziehen und warum ich mich immer sofort zuhause fühle, wenn ich irgendwo in einem südlichen Staat unterwegs bin. Nach Memphis zurückzukehren war eine unglaubliche Erleichterung für mich und meine Seele. Dort begann alles, dort bin ich ich selbst. In jeder Gegend, in der ich dort unterwegs war, kamen plötzlich Erinnerungen hoch, alles war mit der Vergangenheit konnotiert. Einfach wundervoll.

Gab es so viele Dinge, die dir sofort wieder in Erinnerung gekommen sind, als du an den Plätzen deiner Kindheit recherchiert hast?
Nichts wirklich Spezielles, sondern eher Alltägliches oder einfach nur das Odeur der Stadt. Ich habe zum Beispiel eine unheimlich intensive Erinnerungen an den Fluss Mississippi. Ich weiß auch nicht warum, aber das ging nie weg. Wir sind ein paar Mal umgezogen, aber an einem Ort, an dem wir einst lebten, sahen wir vom Küchenfenster aus den Fluss. Ich kann mich nicht genau erinnern, aber das kam wieder in mir hoch.

Außerdem hast du dort auch musikalische Ursprünge, die als Ursuppe für deine Karriere dienten.
Mein Vater war Direktor einer der zwei High Schools in Memphis. Seine war die kreativere und musikalischere. Ich bin dann draufgekommen, dass er mit dem Mann zusammenarbeitete, in dessen Studio ich "Memphis... Yes, I'm Ready" aufgenommen habe. Sein Enkel Lawrence "Boo" Mitchell ist der Inhaber des Studios. Mein Vater hat mit Willie Mitchell in Bands gespielt. Seine Töchter haben sich an meinen Vater erinnert und seine älteste Tochter ist gleich alt wie ich. Ich habe also Carla Thomas getroffen, die wiederum im Kopf hatte, dass mein Vater mit ihrem Vater Rufus Thomas arbeitete. Es war wundervoll, all diese Verbindungen zu erfahren, denn mein Vater hatte mir nie davon erzählt. Es gibt in Memphis eine Radiostation namens WDIA, die konnte ich in Michigan spätnachts hören. Ich hörte damals also Musik von Stax Records und all den großartigen Künstlern, als ich ein Teenager war. Ganz geheim in meinem Kinderzimmer, nach 23 Uhr, als ich eine Decke über die Tür streifte, damit der Sound gedämpft war. Das war damals noch via Transistorradio. All die Musik, die auf dem Album vorkommt, habe ich dort auf diesem Sender gehört. Ich wusste aber nicht, dass mein Vater dort DJ war. Charles Lloyd hat mir das erzählt und dann rief ich meinen Vater an und beschwerte mich, warum er nie davon erzählte. Sein On-Air-Name war "Matt, The Platter Cat" und er war dort mit Leuten wie Rufus Thomas oder B.B. King. Solche Infos kann man ruhig mit seinen Kindern teilen, aber ich kam eher zufällig darauf. (lacht)

Ebenso wichtig war es dir, auf diesem Album mit in Memphis ansässigen und wohnhaften Musikern zu spielen, um die richtige Authentizität auszustrahlen.
Absolut, das war sogar essenziell für mich. Es war wichtig, das Album in Memphis in den Royal Studios aufzunehmen, denn dieses Studio ist ein Synonym für diese bestimmte musikalische Periode der späten 1950er- bis zu den 1960er-Jahren. Ich wollte auch unbedingt mit Boo Mitchell aufnehmen, weil er all seine Fertigkeiten von Willie Mitchell hat und es war auch wichtig, mit Musikern aus Memphis zusammenzuspielen, weil sie diese Musik besser kennen als alle anderen. Wenn ich diese Musik um die ganze Welt trage, dann muss dort auch zu 100 Prozent Memphis drinstecken - da gibt es keinen Platz für Mogelpackungen. Viele Jazzmusiker könnten diese Blues- und Soulmusik problemlos spielen, aber es würden das Herz und die Seele der Stadt fehlen. Auch die Sängerinnen mussten ihren Ursprung in Memphis haben. "Try A Little Tenderness" haben wir anfangs ganz dem Original nachempfunden, aber ein junger musikalischer Leiter erklärte mir, dass ich loslassen und dem Song ein Eigenleben gestatten sollte. Also habe ich ihn ziehen lassen und das Ergebnis hat mich positiv überrascht. Wir haben Tradition mit Moderne vermischt, genau das wollte ich haben. Ein Jazzmusiker könnte das nicht verstehen, dafür musst du im Memphis-Blues verankert sein.

Waren die reine Umgebung, das Gefühl und die Beschaffenheit dieser Stadt elementare Teile, um Inspiration für das Album zu erlangen? Also Dinge, die außerhalb deiner persönlichen Vergangenheit liegen?
Auf jeden Fall. Im Studio fühlte es sich so an, als würde ich direkt auf den Schultern all dieser großen Musiker sitzen. Ein wundervolles Gefühl. Welche Größen dort ihre Songs aufgenommen haben, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es fühlte sich so an, als ob die Seelen und die Geschichte dieser Musiker und ihrer Produkte durch mich durchgeflossen wären. Es überraschte mich wirklich, wie natürlich ich mich fühlte, diese Musik zu singen. Das war ein Teil von mir, den ich nicht kannte. Ich bin die gleiche Person und habe die gleiche Stimme, wusste aber bis dorthin nicht, dass ich mein Timbre so verändern könnte - es war ein ungelöstes Geheimnis. Ich habe diesen Teil von mir umarmt und meine musikalischen Geschmäcker erweitert. Ich habe meiner Mutter immer versprochen, dass ich niemals Blues singen würde. Ich bin eine gute Tochter und meine Mutter verstarb leider am 1. März. Als ich letztes Jahr beschloss, hie und da erkannte, aber sich nicht mehr darüber beschweren konnte, dass ich in den Blues doch singe. (lacht) Sie konnte mich nicht mehr dafür schimpfen, also habe ich es am Ende gemacht. Ich bin mir sicher, sie wäre stolz auf mich und das Ergebnis. Auch wenn sie nie wollte, dass ich Blues singe, mochte sie ihn immer. Sie war auch nicht begeistert davon, dass ich nach Afrika ging für das Projekt. Als sie das dann aber erstmals hörte, tanzte sie auf dem Sessel und war begeistert. (lacht)

Ich widme "Memphis... Yes, I'm Ready" meiner Mutter, denn sie begann ihr Leben dort. Sie lernte dort kochen und wenn ich dort esse, dann schmeckt es, als ob es von meiner Mutter wäre. Auf der Hauptstraße in Memphis gibt es seit den 1960er-Jahren einen Burgerladen namens "Sam's". Du gehst hinein, sie machen alles per Hand, der Koch gibt nur Salz und Pfeffer rein und das Gemüse musst du dir als Gast selbst zusammenstellen. Das roch und schmeckte exakt gleich wie bei meiner Mutter. Dort lernte sie also zu kochen und dieses Vermächtnis meines Geschmacks meiner Kindheit lebt hier weiter. Das war für mich eine riesige Entdeckung. Viele erinnern sich an alles seit der Geburt, bei mir ist das ganz anders. Das bewusste Alter beginnt mit vier und jetzt hier zurückzukehren, diese Gerüche aufzusaugen und mich damit in die eigene Kindheit zu beamen - das ist so besonders, dass ich es mit Worten gar nicht beschreiben kann. Ich überlege mir seither sogar, nach Memphis zu ziehen. Vielleichte mache ich das in zwei, drei Jahren wirklich. Dieser Ort hat mich auch künstlerisch inspiriert. Ich will jetzt wieder schreiben und mit anderem Songschreibern hier arbeiten.

Kann man "Sam's Burger" auch als Metapher für deine Kunst heranziehen. Dass du auch auf Echtheit setzt und deinen Hörern und Fans niemals etwas Gekünsteltes vorsetzen willst?
Das ist ohnehin der Anspruch an all meine Musik, diese Echtheit zu verinnerlichen und die Menschen damit berühren zu können. Was ich damit eigentlich sagen will ist, dass das Zurückkehren mir einen inneren Frieden beschert hat. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, aber ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Sein aufgegangen bin. Ich habe plötzlich das Verlangen zu schreiben und zu kollaborieren, was ich im Jazz niemals so verspürte. Dazu haben mich Memphis und der Blues geführt. Als ich im Studio mixte und nur Boo und ich dort waren, lehnte ich gerade an der Kanzel und hatte eine Eingebung, dass ich irgendwann wieder hier stehen würde. Er stimmte mir zu und meinte nur, dass er dieselbe Vision hatte. Es fühlte sich für uns beide so echt an. Ich habe keine Erklärungen für das Gefühl, dass ich in Memphis verspüre. Ich bin angekommen, und das war ich in der Form noch nie zuvor.

Möchtest du diese Emotionen vielleicht auch mit deiner Tochter China Moses teilen, mit der du selbst oft auf Tour bist?
Natürlich würde ich das mit meinen Töchtern gerne machen, denn meine älteste Tochter begleitete mich auf diese Reise. China und mein Sohn leben in Paris, für sie ist das schwierig. Aber das ist meine persönliche Erfahrung, die ich machen musste. Meine Schwester, die zwei Jahre jünger ist, ist überhaupt nicht davon berührt. Sie war nur ein Jahr alt, als wir nach Michigan zogen, also hat sie wirklich keinen Bezug zu Memphis. Das Haus, in dem meine Eltern lebten als ich geboren wurde, steht noch immer da. 576 Walker Avenue. Das Haus, in dem meine Schwester geboren wurde gibt es nicht mehr und die ganze Nachbarschaft wurde abgerissen und neu aufgebaut. Das ist doch total interessant. All das, was mich berührt und meine Vergangenheit ausstrahlt, ist immer noch da. Der Ursprung meiner Schwester nicht - was wohl der Hauptgrund für die unterschiedliche Wahrnehmung von uns ist. Ich habe meiner Schwester Artikel darüber gesendet und sie fand es ganz nett. Ich hingegen war komplett aus dem Häuschen. Das ist der große Unterschied. (lacht)

Könntest du dir auch vorstellen, Flint in Michigan ein ähnliches Tribut zukommen zu lassen wie deinem Geburtsort Memphis?
Ich glaube eher nicht, für mich ist diese Sache erledigt. Natürlich hat Michigan eine Motown-Geschichte, aber es trifft mich nicht persönlich. Ich wuchs in Flint auf und ich war auch dort, als Motown Records starteten und die Musik dort florierte, aber mir ging es um das Nachhausekommen und das war in Memphis. Mich hat Memphis magisch angezogen und das kann kein anderer Ort der Welt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich Flint in Michigan so ein Album schulde.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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