Do, 23. November 2017

Geheime Wunderwelt

18.10.2017 07:04

Vietnam: Drache im Steigflug

Die geheimnisvollen Wunderwelten Vietnams sind nicht länger nur tollkühnen Abenteurern vorbehalten. Eine Entdeckungsreise zwischen Naturwundern, Perlenzauber und einem "Neunköpfigen Drachen".

Es ist ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ein eineinhalb Meter enger, versteckter Eingang zwischen zwei Häusern führt nach oben. Es geht über Hinterhöfe, vorbei an Hühnerställen und Hundezwingern. Nur wer den Bewohnern einen kleinen Wegezoll bezahlt, darf passieren. Der Weg führt weiter über einen schmalen, zugewachsenen Trampelpfad, der in einen Klettersteig mündet, auf den Berg.

Ha Long
Dann plötzlich sind sie da: Die weltberühmten Kalkfelsen von Ha Long liegen einem zu Füßen. Senkrecht ragen die knapp 2000 Berge bis zu hundert Meter hoch aus dem Golf von Tonkin im Norden Vietnams. Eine bizarre Laune der Natur, wie man sie sich nur in einer anderen Welt vorstellen kann. Ein Naturwunder, das zwar als UNESCO-Weltnaturerbe zu den beliebtesten Stationen Vietnam-Reisender zählt. Der Aussichtspunkt hoch oben über den Dächern Ha Longs ist aber eines dieser Geheimnisse Vietnams, die es zu entdecken gilt.

Benannt ist die Ha-Long-Bucht nach der Legende vom "Herabsteigenden Drachen". Auch wir wagen den Abstieg, denn bequemer lassen sich die Kalkfelsen aus einer anderen Welt, zu Wasser, entdecken. Mit Sonnenaufgang laufen Dutzende Ausflugsschiffe aus dem Hafen, um Interessierte im Slalom um die Felsen zu führen. Mittlerweile mit jeder Menge Auflagen. Denn das Naturwunder ist durch Kohle-, Fischereiindustrie und den Tourismus gefährdet.

Hanoi
Auf der Straße geht das Abenteuer weiter. Im öffentlichen Bus hat das Rennen um die freien Sitzplätze begonnen. Letztendlich entscheidet der Chauffeur, wer mitdarf und wer wieder aussteigen muss. Wir dürfen mit, und so geht es stundenlang über holprige Straßen durch kleine Orte und vorbei an riesigen Produktionsstätten ausländischer Unternehmen nach Hanoi. Im großen Stil lassen Elektronikkonzerne hier ihre Produkte fertigen.

Die "Stadt zwischen den Flüssen", wie Hanoi genannt wird, hat trotz einiger Neuerungen nichts von ihrem Charme eingebüßt. Hier gibt es keine U-Bahn, keine großen Reklametafeln oder Wolkenkratzer, wie man es von der Hauptstadt eines knapp 90-Millionen-Einwohner-Landes erwartet hätte. In Hanoi scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein. Vor allem im Old Quarter hat die Stadt ihre Identität bewahrt: Bambus-Gerüstebauer klettern Hausfassaden auf und ab, kleine Werkstätten und Händlerstände säumen die Gehsteige - Fußgänger müssen auf die Straßen ausweichen.

Von Riesenschnecken und Wasserschlangen
Auf den zahllosen Märkten gibt es neben exotischen Früchten und duftenden Gewürzen vor allem Schätze des Meeres zu entdecken. Lebende Muränen und Katzenhaie, Riesenschnecken und Wasserschlangen werden neben Fröschen, Gänsen und Hühnern zum Kauf angeboten. Es riecht nach einer Mischung aus Meeresküste, Garküche und Motorrädern, die hin- und herflitzen.

Charme von anno dazumal
Internationale Ketten für Fast Food und Markenkleidung sind hier, im Norden der sozialistischen Republik, eine Seltenheit. Auch das ist es, was Vietnam-Reisende suchen. Plätze mit dem Charme von anno dazumal. "Die Sprache ist mit ein Grund, warum der Tourismus noch nicht so richtig auf Touren gekommen ist", sagt eine junge Pädagogin aus Manila. Die Philippinin ist eine von etlichen Englisch-Lehrerinnen aus dem Ausland, die dem Drachen zum touristischen Höhenflug verhelfen sollen. Die Politik will, dass bis 2020 alle Schulkinder Englisch-Unterricht erhalten.

Ein gelber Stern auf rotem Hintergrund
Wenige Kilometer von Hanois Altstadt entfernt, wehen die Fahnen der kommunistischen Partei über Relikten des Vietnamkrieges. Russische Luftabwehr-Raketen und MIG-Kampfjets sind hier ausgestellt. Gleich daneben am Boden: Die Überbleibsel eines US-Bombers, abgeschossen 1972. Er soll an den erfolgreichen Abwehrkampf gegen die USA erinnern, die versucht hatten, den Vietcong aus seinen Verstecken zu locken. "Die Leiden des Krieges sind nicht vergessen", erzählt unser 28-jähriger Reiseführer.

Perlenfarmen, Pfeffer und Karibik-Charme
Auf Puh Quoc, der Sonneninsel im Süden, hat die Kriegsgeschichte keinen Platz. Mit Palmen gesäumte Traumstrände, idyllische Wasserfälle locken Urlauber, um hier die Seele baumeln zu lassen. Der vietnamesische Drache, in der Mythologie verantwortlich für die Naturwunder des Landes, hat ganze Arbeit geleistet. Besonders bekannt ist die Insel für ihre Perlenfarmen und den angeblich besten Pfeffer, der hier angebaut wird. Auf Phu Quoc hat der Steigflug des Drachen längst begonnen. Jetzt haben auch internationale Hotelketten diesen schönen Flecken Erde für sich entdeckt und wollen ihre Gäste mit einem Standard verwöhnen, den man eher von noblen Karibik-Inseln oder den Seychellen denn von Vietnam gewohnt ist.

Ho Chi Minh - das neue Saigon
Einen kurzen Inlandsflug weiter östlich liegt die insgeheime Hauptstadt des Drachenlandes, Ho Chi Minh. Die 6,5-Millionen-Einwohner-Stadt nördlich des Mekong-Deltas hieß noch bis 1976 Saigon, wurde dann aber nach dem vietnamesischen Revolutionshelden und Unabhängigkeitskämpfer Ho Chi Minh benannt. Die pulsierende Metropole ist das absolute Gegenteil des ursprünglichen Hanoi im Norden. Das einstige "Paris des Ostens" ist eine Mischung aus französischen Kolonialbauten, modernen Hochhäusern, Luxusboutiquen, gepflegten Parkanlagen und Plätzen sowie alten Tempeln. Der Fortschritt ist kaum aufzuhalten. Um das Verkehrschaos durch die zehn Millionen Mopeds der Stadt zu bändigen, wird derzeit an einer U-Bahn gebaut.

Vom Trubel der Großstadt geht es weiter, die "Reisstraße" entlang, ins Naturidyll des Mekong-Deltas im äußersten Süden des Landes. Der geschichtsträchtige Fluss entspringt in Tibet und passiert auf 4500 Kilometern China, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha, bevor er sich südlich von Saigon seinen Weg in das Südchinesische Meer bahnt. Wegen seiner neun Mündungsarme wird er hier als "Neunköpfiger Drache" bezeichnet.

"Der Fluss galt immer schon als Lebensader. Heute werden im Delta vor allem Reis, Zuckerrohr, Bananen, Orangen, Gemüse, aber auch Nüsse angebaut", verrät Führer Long Nguyen bei einer Fahrt durch die Kanäle auf einem traditionellen Holzboot. Dort, wo der Mekong mit seinen Fischern, schwimmenden Märkten und sympathischen Bewohnern das Land verlässt, ist auch für uns der letzte Stopp auf der Reise durch die vietnamesischen Wunderwelten.

Thomas Leitner, Kronen Zeitung

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