Di, 21. November 2017

Pompöse Werkschau

02.10.2017 21:48

David Bowies „Berliner Jahre“ nun komplett

Offiziell waren es drei Jahre, die David Bowie in Berlin lebte: 1976 bis 1978. Wegen längerer Konzerttourneen und Filmprojekte wohnte der britische Weltstar dort alles in allem aber wohl gerade mal 18 Monate als echter Wahl-Berliner. Dennoch umweht die "Berliner Jahre" ein großer Pop-Mythos, sind damals doch einige der prägendsten Arbeiten des Künstlers entstanden. Nun werden sie neu aufgelegt.

Die Sieben-Zimmer-Wohnung in der Schöneberger Hauptstraße 155 war nur sparsam möbliert - eine Übergangszeit für den stets rastlosen Bowie in der düsteren Frontstadt des Kalten Krieges, mehr nicht. Auf durchaus sympathische Weise wird heute mit Bustouren und Spaziergängen der Mythos weiter gepflegt: Ach, waren das Zeiten, als der just dem Kokain-Strudel entkommene Bowie ausgerechnet mit dem Junkie Iggy Pop in einer Musiker-WG abhing, dennoch gesund wurde, auf dem Fahrrad durch Kreuzberg fuhr, sich im Brücke-Museum von den Expressionisten inspirieren ließ - und in den Hansa Studios wenige Meter entfernt von der Mauer geniale Musik schuf.

Avantgardistischer Prunk
Den künstlerischen Ertrag dieser Karrierephase dokumentiert - akribisch, aufwendig und großzügig erweitert auch auf allerletzte Ausläufer bis 1982 - ein Boxset mit elf CDs oder 13 Vinylplatten ("David Bowie: A New Career In A New Town"). Und dieser Ertrag war riesig, vergleichbar vielleicht nur mit den besten Jahren der Beatles von 1966 bis 1969. Denn Bowie erfand sich nach den Glamrock-und Soul-Experimenten der frühen und mittleren 70er-Jahre mit einem futuristischen, auch an deutschen Pop-Avantgardisten orientierten Sound wieder einmal neu. Die künstlerische Energie von fantastischen Musikern wie Brian Eno, Robert Fripp, Carlos Alomar und Dennis Davis bündelte er in kühnen, bahnbrechenden Sessions.

"Berlin war für David 1976 wie ein sicherer Hafen", erzählte der Gitarrist Alomar (66) bei der offiziellen Präsentation der Bowie-Box im Meistersaal am Potsdamer Platz. Zuvor ging es ihm mies: die Drogensucht, eine scheiternde Ehe, Probleme mit Management und Plattenfirma. In unmittelbarer Nähe des Todesstreifens ließ Bowie die Krise hinter sich, zumal der Popstar in der damals weit abgelegenen Stadt relativ privat bleiben konnte. Alomar: "Es wurde mächtig gefeiert zu dieser Zeit." Im Studio sei aber immer allen klar gewesen, wie wichtig die dort entstehende Musik war: "Wir wussten, dass hier Geschichte gemacht wurde."

Zahlreiche Raritäten
Zwar entstand nur das zentrale Album "Heroes" (1977) komplett in der deutschen Metropole. Dessen Titelsong, eine der ewigen Hymnen des Pop, taucht im Boxset in mehreren Versionen auf, auch auf Deutsch und Französisch. "Low" (1977) und "Lodger" (1979) - von Top-Produzent Tony Visconti hier ganz neu abgemischt - werden gleichfalls zur Berlin-Trilogie gezählt. Hochinteressant sind das CD-Debüt der "Baal"-Theatersongs, zahlreiche andere Raritäten, Live-Aufnahmen jener Jahre und ein Buch mit seltenen Fotos.

Mit dem 1980 veröffentlichten "Scary Monsters (And Super Creeps)" endet die akustische Werkschau "A New Career...". Da hatte Bowie Berlin schon hinter sich gelassen und kehrte bis zu seinem Krebstod mit 69 Jahren lediglich für einige Konzerte zurück. Dennoch hob auch die große Präsentation seines künstlerischen Oeuvres im Londoner Victoria & Albert Museum (2013) die "Berliner Jahre" als kreativen Höhepunkt einer 50-jährigen Laufbahn hervor. Der Sänger selbst widmete dieser Zeit am Ende die wunderschöne, nostalgische Ballade "Where Are We Now?" (2013).

Besondere Beziehung
Die wechselseitige Beziehung Bowie/Berlin ist in der Tat faszinierend. Für den Journalisten und Popexperten Tobias Rüther ist der Brite "der berühmteste Zugezogene Berlins". Dessen Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte voriges Jahr anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel in Schöneberg: "David Bowie gehört zu Berlin, David Bowie gehört zu uns."

Nach Bowies Tod am 10. Jänner 2016 legten Tausende Fans vor dem unscheinbaren Berliner Mietshaus Blumen und Geschenke ab. Für viele Berliner sei "die kurze Ära Bowie eine identitätsstiftende Geschichte", erläuterte Rüther im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Er kam in einer sehr grauen Zeit, als diese Stadt im Kalten Krieg quasi eingekeilt war, und er hat gezeigt, was man aus Berlin machen kann. Dieses Erbe ist hier bis heute sehr lebendig." Für Bowies Musik der späten 70er-Jahre gilt dies ebenfalls - sie klingt immer noch hochmodern.

AG/Griessner

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