Fr, 24. November 2017

95.000 in Spielberg

17.09.2017 00:37

Rolling Stones: Ihre große Schlammschlacht

Vor rund 95.000 Fans spielten die britischen Rock-Urgesteine The Rolling Stones Samstagabend neben dem Red-Bull-Ring im steirischen Spielberg das größte Rockkonzert des Jahres. Während Mick Jagger, Keith Richards & Co. dem steigenden Alter trotzten, versanken die Fans in den Matschmulden. Der guten Stimmung tat dies freilich keinen Abbruch.

Mit gut 15 Minuten Verspätung begann das große Wiedersehen mit den Rolling Stones Samstagabend neben dem Red-Bull-Ring im steirischen Spielberg. Die sonst so pünktliche Band musste erst noch die zahlreichen Besucher abwarten, die selbst um diese Zeit noch in Scharen aufs Konzertgelände strömten. Die Organisation und die Shuttlebus-Transfers von den Busbahnhöfen in den Regionen zogen sich stundenlang in die Länge, den Frust mancher Fans konnte man auf den gängigen Social-Media-Plattformen detailliert nachverfolgen. Wichtig war neben einer frühen Anreise zudem die richtige Ausrüstung. Durch heftige Regenschauer am Nachmittag und den Vortagen war das Konzertgelände von Matsch durchzogen. Hackschnitzel oder Sägespäne waren nicht ausreichend vorhanden und wer sich ohne Gummistiefel in die Schlammfelder wagte, der konnte unfreiwillig zwischen ausrutschen oder versinken wählen.

Steirisches Woodstock
Doch die landschaftliche Beschaffenheit barg auch ihre Vorteile. So konnten die rund 95.000 Besucher aus allen Altersklassen einen Hauch von Woodstock erschnuppern. Für so manchen war das pompöse Ein-Tages-Festival eine nostalgische Rückschau auf vergangen geglaubte Tage, andere wiederum konnten sich bei Sonne und milden Temperaturen (vom Regen blieben die Fans ab ca. 16 Uhr völlig verschont) frontal ins Festival-Feeling katapultieren. Dafür sorgten übrigens nicht nur Matsch und Fastfood-Essensstände, sondern auch mehr als passable Supportbands. John Lee Hooker jr. brillierte am frühen Nachmittag mit Delta Blues, Gospel und viel Soul in der Stimme, die isländischen Rocker Kaleo, hierzulande mit der Single "Way Down We Go" bereits goldveredelt, gingen mehr in Richtung Kings Of Leon oder Mumford & Sons, bekamen durch viel Spielfreude aber mehr als bloßen Achtungsapplaus.

Für die Rolling Stones war der Auftritt in Spielberg der bereits 15. in Österreich, wie Frontmann Mick Jagger während der Show in (fast) lupenreinem Deutsch bekannte. Mit den knapp 100.000 Besuchern war er nicht nur der größte in der Österreich-Historie, sondern auch auf dieser Tour. Dass die Kultrocker auf ihrer aktuellen "No Filter Tour" in absoluter Topform sind, ließen die ersten Kritiken der Shows in Hamburg und München bereits erahnen. Den aus aller Herren Länder angereisten Fans wurde in der Steiermark ein zweistündiger Querschnitt aus mehr als fünf Dekaden Rockgeschichte in Aussicht gestellt, der so manchen Oldie und diverse Überraschungen beinhalten sollte. Die Strahlkraft der Rock-Opas ist jedenfalls ungebrochen. Dass Mittvierziger im Publikum "Ronny Wood, ich will ein Kind von dir" grölen oder Keith Richards liebevoll als unbeugsamen Indianer-Häuptling titulieren, lässt sich nicht nur durch die ansteigende Promillezahl erklären, sondern ist vielmehr eine tiefgehende Ehrerbietung an großen Helden, die so manches Leben von klein auf begleiteten.

Startschwierigkeiten
Gerade solche Helden werden oft nett gemeint verklärt, was jüngeren Künstlern gegenüber nicht immer fair ist. Dass die Stones trotz allen Kultes und der unendlich scheinenden Heldenverehrung bei Livekonzerten gerne mit Inbrunst aneinander vorbeimusizieren, geben hinter vorgehaltener Hand auch die größten Hardliner zu. Die vier überdimensionalen, gut 20 Meter hohen Videowalls konnten beim Opener "Sympathy For The Devil" nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzig und allein Drummer und Band-Oldie Charlie Watts (76) den Rhythmus hielt. Ansonsten klang der heiß ersehnte Opener wie ein dürftig zusammengestoppeltes Cover von bemühten Kopisten. Auch bei "It's Only Rock'n'Roll (But I Like It)" und "Tumbling Dice" musste man beide Augen zudrücken und die Stones-Fanbrille scharfstellen, um hohe Qualität zu erkennen, aber spätestens mit den Blues-Songs "Just Your Fool" und "Ride 'Em On Down" fanden Band und auch Soundtechniker in die Spur. Manchmal rollen Steine eben sehr langsam an.

Durch die ungewollte Verzögerung mussten die Stones die Setlist verändern. Auf das in Deutschland abgefeierte "Dancing With Mr. D" mussten die Fans ebenso verzichten wie auf "Out Of Control", dafür brillierte die Band mit dem Publikumswunschsieger "She's A Rainbow", bei dem sich Jagger erstmals die Gitarre umschnallte und der seit 35 Jahren in der Band befindliche Chuck Leavell die Melodie am Keyboard vorgab. Den Song kommentierte Jagger launisch mit "im Oktober müsst ihr wählen, aber heute habt ihr schon gewählt." Der charismatische Frontmann hatte seine Hausaufgaben gemacht, zog das Publikum mit extravaganten Jacketts und schlangenartigen Tanzbewegungen auf seine Seite und spulte während des mehr als zweistündigen Sets unzählige Kilometer auf der bombastischen, aber keinesfalls effektüberladenen Bühne ab. Die Briten haben ihre Blues-Wurzeln nie verlassen und verzichten bis auf das obligatorische Feuerwerk am Showende völlig auf Pyrotechnik oder sonstigen Firlefanz.

Spielrausch in Spielberg
Je länger das Konzert in Spielberg dauerte, umso mehr spielten sich die Stones in einen Rausch. "Under My Thumb" überzeugte mit flotter Rhythmik, "You Can't Always Get What You Want" intonierte Jagger mit den Fans und die ausufernde Jam-Version von "Midnight Rambler" befriedigte auch die Hobbymusiker unter den Anwesenden. Ins Straucheln kamen die Oldies nur mehr beim etwas zerhackten "Paint It Black" und einer durchschnittlichen Wiedergabe des Radiohits "Start Me Up", ansonsten spielten die Stones souverän und routiniert. Jagger kommunizierte immer wieder sympathisch mit seinen Fans, Richards sorgte mit bloßem Zigarettenanzünden für ohrenbetäubenden Jubel, Ron Wood zeigte sich nach überstandener Krebserkrankung gut gelaunt und in Topform und Gentleman Charlie Watts war der gewohnte Ruhepol und Sir im Hintergrund - zugleich aber auch der instrumentale Kitt für die charakterlich so unterschiedlichen Individuen.

Das Schlussfurioso mit "(I Can't Get No) Satisfaction", "Gimme Shelter" und "Jumpin' Jack Flash" bewies bei immer kühler werdenden Temperaturen noch einmal eindrucksvoll, warum die Stones durchaus als größte Rockband der Welt gelten. Hier sitzen Melodien und Gesten gleichermaßen, ein wirbelnder Jagger zeigt sich unermüdlich und gibt noch einmal alles im hautengen "Rolling Stones"-Shirt. Wie schon seit mindestens zwei Jahrzehnten gibt es auch nach dieser Vorstellung die ewige Diskussion, ob dies nun wirklich die allerletzte Chance gewesen sei, die Rolling Stones livehaftig auf österreichischem Boden musizieren zu sehen - in dieser körperlichen Verfassung wäre in weiteren zwei bis vier Jahren aber sicher noch eine Welttournee möglich. Das "bis bald", das am Ende von den Videowänden prangte, kann wohl als Wiedersehenshinweis gedeutet werden ...

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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