Fr, 24. November 2017

Häupl im Interview:

03.09.2017 07:32

„Ob eine Klage vor der Wahl so gescheit ist?“

Er will nicht mehr über seine Nachfolge sprechen. Wir fragen ihn trotzdem. Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) im Interview mit der "Krone" - über Michael Ludwig, Marathonläufer Christian Kern, Ausländer in der U6 und das neue Wiener Team im kommenden Jahr.

"Krone": Herr Bürgermeister, Sie haben in einem APA-Interview über Ihre Nachfolge gesprochen, nur um kurz darauf zu sagen, dass Sie sich darüber wundern, dass alle über Ihre Nachfolge sprechen, um dann zu sagen, dass Sie bis zur Nationalratswahl sicher nicht über Ihre Nachfolge sprechen werden. Ist das nicht kurios?
Michael Häupl: Das ist überhaupt nicht kurios. Ich habe auf eine Frage eines Journalisten dasselbe gesagt wie fünf Monate zuvor beim Landesparteitag. Ich finde es eher kurios, dass man etwas, das man längst weiß, auf einmal hochzieht zu einem besonderen Ereignis.

Mit dieser Nachfolgediskussion haben Sie Christian Kern aber keinen großen Gefallen getan, oder?
Man kann mir schon empfehlen, ich soll Journalisten anlügen. Dann nehme ich das zur Kenntnis, aber ich werde es nicht tun. Wieso soll ich jetzt, weil es nicht opportun ist, etwas anderes sagen als vor fünf Monaten?

Im Jänner 2018 geben Sie also den Parteivorsitz ab. Wann das Bürgermeisteramt?
Das werde ich mit dem neuen Parteiobmann besprechen. Wien hat im ersten Halbjahr den Vorsitz bei der Landeshauptleutekonferenz, und im zweiten Halbjahr hat Österreich den Vorsitz in der Europäischen Union. Das muss man sich alles überlegen.

Was schätzen Sie denn an Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, der ein Nachfolgekandidat ist, besonders?
Michael Ludwig ist sicher kein Rechter, das ist lächerlich. Er ist zweifelsohne einer, der die Politik sehr gut kennt, man weiß, was man bekommt. Und jetzt stellen Sie mir nicht die Folgefrage, was ich nicht an ihm schätze, die werde ich nicht beantworten.

Was schätzen Sie denn an Bundeskanzler Christian Kern?
Er ist ein hochintelligenter Mensch, der nicht nur über inhaltliches Wissen, sondern auch über Manager- und hohe rhetorische Fähigkeiten verfügt. Er ist eine extrem gute Wahl für die SPÖ und in der Folge auch für Österreich.

Gibt es Eigenschaften von Christian Kern, von denen Sie froh sind, dass Sie sie nicht haben?
Ein Wahlkampf ist ein Marathonlauf, und da kommt es nicht darauf an, wie schnell man wegläuft, sondern wie viel Kraft man noch für die letzten Kilometer hat. Das muss man sich einteilen. Das ist ein Punkt, über den werden wir reden müssen.

Wäre Gerhard Zeiler der bessere Kanzler gewesen?
Es ist nicht so, daher stellt sich die Frage nicht.

Wäre er ein guter Bürgermeister?
Ja, aber auch das ist eine müßige Diskussion.

Ich habe einen Blick ins Archiv geworfen.
Die Rache am Politiker ist das Archiv.

Im Jahr 1996 plädierten Sie in der "Presse" für eine "anständige Ausländerpolitik". Zitat: "Und die anständige Ausländerpolitik heißt, dass wir den Zuzug und die Zuwanderung rigide begrenzen." Wieso ist es in Ordnung, wenn Sie es sagen, aber wenn ÖVP-Chef Sebastian Kurz es sagt, ist es skandalös?
Das ist nicht skandalös. Ich habe vor Kurzem auch wieder gesagt, unser SPÖ-Slogan "Humanität und Ordnung" heißt, dass wir natürlich für jene Hilfe zu bieten haben, die aus Sorge um Leib und Leben flüchten müssen. Auf der anderen Seite wollen wir wissen, wer zu uns kommt. So etwas wie im Jahr 2015 darf nicht mehr passieren. Genauso ist das gemeint. Es ist auch kein Skandal, wenn Herr Kurz sagt, er will die Mittelmeerroute schließen. Dann soll er es tun. Niemand von uns wird ihn daran hindern.

"In der U6 hört man kein deutsches Wort mehr." Ist diese Aussage übertrieben, rassistisch oder wahr?
Sie ist nicht rassistisch, aber es ist auch nicht die Wahrheit. Wenn ich mit der Straßenbahn fahre, dann höre ich dort auch viele Sprachen. Wer regt sich darüber auf, dass im 1. Bezirk mindestens 30 verschiedene Sprachen auf der Straße gesprochen werden? Das eine sind halt Migranten, und das andere sind Touristen. Entscheidend ist doch, dass alle, die hier leben, Deutsch sprechen können.

Wann sind Sie das letzte Mal mit der U6 gefahren?
Länger nicht, aber ich fahre gelegentlich mit der U-Bahn oder der Bim nach Ottakring. Mich stört mehr, wenn einer laut telefoniert oder in der Straßenbahn isst.

Hat die SPÖ bei der Migration versagt, und, wenn nein, zumindest Fehler gemacht?
Versagt definitiv nicht. Wenn wir Fehler gemacht haben, dann, weil wir den Fake News und den sehr bewusst in die Welt gestreuten Unwahrheiten zu wenig offensiv entgegengetreten sind. Fake News etwa über die Burkaträgerinnen. Es tun ja alle so, als ob massenhaft Burkaträgerinnen durch die Stadt laufen würden. Aber ich sehe sie eher in der Wiener Innenstadt. Nicht umsonst kommen Vertreter anderer Städte nach Wien, um zu schauen, wie wir das in Wien machen.

Nach einer Aussage von Sebastian Kurz bei den ORF-"Sommergesprächen" zu Spenden verklagt die SPÖ ihn nun. Wird das die zukünftigen Koalitionsgespräche erleichtern?
Ich weiß nicht, ob das Einbringen einer Klage vor der Wahl generell so gescheit ist. Das muss man politisch austragen. Ich halte von solchen Klagen nicht viel.

Die SPÖ kann nicht mit der ÖVP wegen Sebastian Kurz, sie kann auch nicht mit der FPÖ wegen Heinz-Christian Strache. Andere Koalitionen gehen sich laut Umfragen momentan kaum aus, nicht einmal mit Roland Düringer. Also was tun nach der Wahl?
Kein Mensch weiß, wie es nach dem 15. Oktober aussieht. Was ist, wenn bei der FPÖ ein kräftiges Minus davorsteht, was, wenn Sebastian Kurz nicht Erster wird? Schauen wir einmal! Koalitionsdiskussionen führt man dann, wenn sich der Pulverschmauch des Wahlkampfes gelegt hat und man wieder eine klare Sicht auf die Dinge hat.

Wer auch immer Ihr Nachfolger wird, baut wohl das komplette SPÖ-Team in Wien um. Um wen wäre es denn da besonders schade?
Aus meiner Sicht um alle. Ich stelle nicht eine Sekunde in Zweifel, dass sich ein neuer Bürgermeister auch ein neues Team sucht. Was ich mir selbst zugebilligt habe, muss ich auch anderen zubilligen.

Michael Pommer, Kronen Zeitung

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