So, 19. November 2017

System droht Kollaps

09.08.2017 05:00

Oberösterreich: Keine Nachfolger für 17 Hausärzte!

Oberösterreichs Gesundheitspolitik steuert auf einen gewaltigen Engpass zu: Immer weniger Ärzte entscheiden sich, eine Praxis für Allgemeinmedizin zu übernehmen. Derzeit werden Nachfolger für 17 Hausarzt-Stellen gesucht - und das zum Teil seit Jahren! Ärzte warnen jetzt vor einem Zusammenbruch des Systems.

Die "Krone" hatte groß darüber berichtet: Österreichweit stehen 67 Kassen-Ordinationen für Allgemeinmediziner leer - wobei es in unserem Bundesland einen Rekord gibt. Mit 17 leeren Praxen "führt" Oberösterreich im bundesweiten Vergleich. Drei Beispiele, wie dramatisch die Lage ist: In Mattighofen wurde eine Stelle 15-mal ausgeschrieben - einen Nachfolger gibt es keinen. In Molln und Braunau wurden fünf Anläufe genommen. "Ebenfalls ohne Ergebnis", heißt es aus der Zentrale der oö. Ärztekammer in Linz. Ebenfalls vakant sind Stellen in Linz (4), Wels (2), Ansfelden (2), Schärding (1), Raab (1), Traun (1), Mattighofen (1), Freistadt (1), Reichraming (1), Molln (1), Schlüßlberg (1) und Braunau (1).

"Ein Blumenstrauß an Ursachen"
Wolfgang Ziegler, seit 30 Jahren praktischer Arzt in Kremsmünster und Sprecher der Praktiker in Oberösterreich, sagt: "Es ist ein ganzer Blumenstrauß an Ursachen. Die Bezahlung liegt sicher nicht an erster Stelle" - siehe dazu auch unser Interview weiter unten.

Nur 87 Euro für verpflichtenden Einsatz
Ein Detail: Jeder Praktiker ist dazu verpflichtet, so genannte Einweisungen auszusprechen. Heißt: Hat ein Patient etwa psychische Probleme und will sich nicht helfen lassen, ruft die Polizei einen Arzt, der dann handeln muss - bei Tag und bei Nacht. In Oberösterreich kann ein Praktiker dafür 87 € in Rechnung stellen. Ob der Einsatz 20 Minuten oder zwei Stunden dauert, ist unerheblich. Und: Gültig ist dieser Tarif seit dem Jahr 1992. Eine Indexanpassung hat es nie gegeben. Andere Bundesländer, etwa Vorarlberg, zahlen deshalb dazu, sodass der Arzt 150 €   erhält - Oberösterreich nicht. Weswegen nicht wenige Ärzte toben: "Uns gegenüber ist das ein eindringliches Beispiel, dass es keine Wertschätzung gibt." Was die Politik jetzt versucht,  um diese Misere zu beenden - siehe Artikel rechts unten.

Interview mit Dr. Wolfgang Ziegler:
"Wer lässt sich das gefallen?"

"Krone":
Was ist der Grund dafür, dass immer weniger junge Ärzte Ordinationen auf dem Land übernehmen wollen?
Wolfgang Ziegler: Das Problem betrifft ja nicht nur den ländlichen Bereich, sondern auch die Städte. In Wels sind derzeit zwei, in Linz gleich vier Stellen nicht besetzt. Die Verrechnungssysteme werden immer komplizierter, es gibt Limits bei den Honoraren - und es fehlt einfach an Wertschätzung. Die Leistungen in den Spitälern werden immer herausgehoben, was im praktischen Bereich geleistet wird, hört man nie.

"Krone": Sie sind davon überzeugt, dass die Spitze des Eisberges noch nicht erreicht ist.
Ziegler: Es sind 17 Stellen unbesetzt, in zwei Jahren wird sich das um ein vielfaches erhöhen. Die Pensionierungswelle wird uns mit voller Wucht treffen.

"Krone": Sie kritisieren auch die Untätigkeit der Politik.
Ziegler: Sehen Sie sich die ÖVP-Liste zur Nationalratswahl an. LH Thomas Stelzer hat zwei Ärzte auf die Liste gesetzt - das sind aber Angestellte aus dem Spitalsbereich. Das hat mit dem niedergelassenen Bereich nichts zu tun. Solange es keinen Aufschrei der Bevölkerung gibt, wird die Politik sicher nicht handeln.

Politikalarm um Ärztemangel
Die FPÖ in Oberösterreich zeigt sich aufgerüttelt vom "Hilfeschrei der Ärztekammer" über den zunehmenden Mangel an Hausärzten (siehe auch oben). FPÖ-Klubobmann Herwig Mahr kündigt Beratungen mit der Landes-ÖVP über Gegenmaßnahmen an.

Ein Bündel an Maßnahmen
Mahr spricht von "einem Bündel an Maßnahmen", um Studienabsolventen dazu zu bringen, sich als Hausärzte niederzulassen - möglichst auch am Land: "Klar ist, dass es mehr Anreize für Praxiseröffnungen braucht - höchstwahrscheinlich finanzieller Natur. Da darf es keine  Denkverbote geben", sagt der FPÖ-Klubobmann. Zwar sei das vor allem ein bundespolitisches Thema, das die FPÖ daher im Nationalratswahlkampf vorbringen werde. Aber: "Dort, wo wir in Oberösterreich unmittelbar handeln können, werden wir  mit unserem Arbeitspartner ÖVP Lösungen finden müssen", so Mahr. Dazu gehören das schon länger angedachte Förderstipendium für Jungmediziner, die für gewisse Zeit in Oberösterreich bleiben, mehr Anreize für Landärzte bei den Hausapotheken und gewisse Zuschläge oder Förderungen für Landärzte in strukturarmen Gebieten zu ihren Verdiensten.

Kommentar von Christian Kitzmüller:
Ein wesentlicher Faktor!

Die Nachwuchsprobleme am Ärztesektor sind schon zu spüren - und sie werden in den nächsten Jahren noch viel schlimmer. Die Med-Uni in Linz ist zwar ein toller wichtiger Schritt in die richtige Richtung, sie wird das Problem aber nicht (allein) lösen. Landärzte sind ein wesentlicher Faktor, um die medizinische Versorgung auf Top-Niveau zu halten. Deshalb müssen Anreize (zum Beispiel Hausapotheken) geschaffen werden, um die Posten attraktiv(er) zu machen. Am Geld kann’s angesichts des vollen Geldspeichers der OÖGKK ja nicht scheitern. Vielleicht kann sie ja auch "unterstützend" eingreifen, um Allgemeinmediziner wieder aufs Land zu locken?

Robert Loy, Werner Pöchinger und Christian Kitzmüller, Kronen Zeitung

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