Fr, 24. November 2017

Thema zum Tag

27.07.2017 23:30

Recht gegen die Macht

Wer hielt denn nun die eigentliche philosophische Festspielrede? Wilfried Haslauer über "Schönheit in unserem Leben" oder Ferdinand von Schirach über "Das Recht gegen die Macht stellen"? Beide waren großartig und tiefgängig. Die Gespräche der Eröffnungsgäste drehten sich um den Finanzprozess.

"Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer und Bürgermeister Dr. Heinz Schaden erlauben sich im Anschluss an die Eröffnung zu einem Mittagessen in die Residenz einzuladen."

Die gedruckte Einladung, verziert mit den Wappen von Stadt und Land, wurde durch die Realität überholt: Vize Dipl. Ing. Harald Preuner begrüßte im Namen der Landeshauptstadt. Schon seit Tagen war festgestanden, dass Schaden in dieser Situation - 24 Stunden vor dem Urteilsspruch im Finanzprozess - nicht am Eröffnungsakt teilnehmen wollte.

24 Stunden vor dem Urteil im Finanzprozess drehten
sich die Gespräche der Eröffnungsgäste um
das Schicksal von Heinz Schaden

Hektische Nervosität bei den sozialdemokratischen Funktionären, diskrete Zurückhaltung bei den ÖVP-Gästen, viele Fragen aus der Bundes-Politik rund um Sebastian Kurz und Stefan Schnöll, vor dem Beginn der Feier Diskussionen in den Bankreihen. Ob es denn nicht ein Fehler des Anwalts gewesen sei, die Richterin so abzuqualifizieren? Und die Brandrede des Staatsanwalts? So eine rhetorische Anklage gegen die Politik habe es noch nie gegeben.

Das Szenario für den Ernstfall wurde überlegt: Bei einem Schuldspruch werde er sofort zurück treten. Oder bis Montag warten. Und bei einem Freispruch doch nicht weiter machen, so angeschlagen sei der Bürgermeister, das habe man gesehen und das habe er sich nach Jahrzehnten einer tadellosen Amtszeit nicht verdient.

Anwalt Schirach über Recht und Macht

"Gerade in diesen aufgeregten Zeiten müssen wir also das Recht gegen die Macht stellen. Sonst werden wir eines Tages aufsehen, weil die Musik mitten im Takt abbricht, die heiteren Spaziergänger werden verschwinden, die leichten Sommerkleider und die hellblauen Tage."

Strafverteidiger und Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach zitiert in der Festspiel-Rede Stefan Zweigs Schilderung, als die Nachricht vom Attentat auf Kronprinz Ferdinand in der beschaulichen Kurstadt Baden bei Wien eintrifft und alle erstarren lässt.

Haslauer: "Vermassung der Schönheit"

Beim Gang durch die Philharmonikergasse mit den durch Tirolerhüte und Mozart-Destillaten überfrachteten Läden an der Kollegienkirche werden Haslauers Gedanken über "Kitsch und Banalität" und seine Forderung nach einer neuen Betrachtung der Schönheit hochaktuell.

Ändert sich etwas? Lernen wir daraus?

Die BESTEN ZITATE AUS HASLAUERS FESTSPIELREDE

"Wie schwer wiegt Schönheit in unserem Leben? Unsere Gegenwart misstraut dem Schönen, schreibt Walter Kappacher, ja, wir schämen uns beinahe für sie. Was hat uns denn die Schönheit angetan, dass sie uns verdächtig geworden ist, wir mit ihr nichts mehr zu tun haben wollen? Warum ist Schönheit im Geruch, oberflächlich, dumm, kitschig, banal, hohl zu sein? Hat Schönheit in unserer Zeit überhaupt noch einen Platz zu beanspruchen?"

"Die Schönheit macht uns aus. Sie ist mehr als bloßes Leben, mehr als Nahrung, Verdauung, Behausung. Sie stiftet Sinn, sie wurzelt tief in uns und will sich äußern, wie der Gesang der Vögel ist sie die pure Lust, wenn wir sie zulassen oder aufnehmen. Sie bewusst zu erkennen, ihr Stellenwert in unserem Leben zu geben, sie zu sehen, wahrzunehmen, vorsichtig wie leicht zerbrechliches Glas in die Hände zu nehmen und weiterzureichen, obwohl sie nur aus sich heraus besteht, für sich schön ist, ohne Nutzen, macht uns menschlich, erhebt uns über andere Lebewesen."

"Schönheit findet im Auge des Betrachters statt, heißt es. Unsere Gesellschaft aber hat die Schönheit kommerzialisiert, vermasst, vielleicht sogar vermasselt, sie wird gleichgesetzt mit Schönheitsköniginnen, dem Nachdruck von Werken der klassischen Moderne bis zum Erbrechen, Klimt und Schiele als Dekor auf Gläseruntersetzern und auf Unterhosen. ,Der Schrei’ von Edvard Munch, hunderttausendfach als Billigwandschmuck, verwirklicht sich in einem Schrei der Fassungslosigkeit, dass gerade er den röhrenden Hirschen am Gemälde im ehelichen Gemach ersetzen muss.

Mozart als Restauranthintergrundmusik, geniale Meisterwerke pervertieren durch penetrante Dauerberieselung in Abgeschmacktheit und Trivialität. Niemand kann sich der Schönheitsflut entziehen. Die Menschheit ist längst auf der Flucht vor der selbstgeschaffenen Schönheits-Zwangsbeglückung. Diese Flucht führt in das Abwegige und erhöht das Hässliche, das Widerwärtige zieht an, das Scheitern, Menschen am Abgrund."

Vielleicht ist es die Entgeistigung des Schönen und seine permanente Reizüberflutung, die uns die Schönheit verdächtig gemacht haben, ihr Verlust an Kostbarkeit. Schönheit entsteht aus Widerspruch, aus Einmaligkeit, aus dem nicht Alltäglichen, Schönheit verlangt nach Stille, nach Wahrnehmung, sie muss wahr sein und angenommen werden."

"Schönheit hat keine Funktion für sich, ihre Erhabenheit besteht im Sein - und sie findet in uns statt."

"Wir müssen die Schönheit wieder bewusst suchen und solange diese Suche andauert, ist die Schönheit nicht verloren, sie wird uns finden, lassen wir sie zu - vielleicht sogar in kindlicher Freude -, stellen wir sie gleichberechtigt neben Notwendiges und geben wir ihr gezielt Platz, auch im Alltag und nicht nur im Museum und Konzertsaal."

"Erziehen wir unsere Kinder, aber auch uns selbst wieder zur Schönheit, der Suche nach ihr, ihrem Erkennen, ihrer schöpferischen Gestaltung und sie wird uns reich beschenken und unsere Seele berühren."

Hans Peter Hasenöhrl, Kronen Zeitung

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