Mo, 20. November 2017

Gerichtsmedizin

26.07.2017 09:43

Salzburger Forensiker löste Traunsee-Mord

In so manchen Fällen liefert der Forensiker dem Kriminalisten den fehlenden Beweis zur Lösung eines Verbrechens: So geschehen beim aufsehenerregenden Traunseer Mordfall. Dank einer von der Salzburger Gerichtsmedizin entwickelten Methode konnte das Rätsel um ein totes deutsches Senioren-Paar geklärt werden.

Am 4. Jänner 2016 fischte ein Passant einen Koffer aus dem Ostufer des Traunsee, im oberösterreichischen Bezirk Gmunden. Ein Schreckensfund, wie sich herausstellte: Die Arme und Beine von Hildegard Sch. (71) lagen, eingewickelt in Plastik, in dem Trolley. Später fanden Ermittler im See den in Beton gegossenen Kopf der Frau in einem weiteren Koffer und auch ihren toten Ehemann, Anton Sch. (72).

Die Leichenteile sind nach Salzburg gebracht worden und landeten hier auf dem Seziertisch von Fabio Monticelli: Der Chef der Gerichtsmedizin führte mit seinem Team die Obduktion durch und lieferte letztlich auch den entscheidenden Hinweis zum Tathergang - und das dank einer neuen und von ihm selbst entwickelten Methode.

Gerichtsmediziner entdeckte neuen Weg um Todeszeitpunkt einzugrenzen
Mit dieser lasse sich nämlich der Todeszeitpunkt präziser eingrenzen. Genauer gesagt: Durch den Abbauprozess von Proteinen in den Skelettmuskeln der leblosen Körperteile fand Monticelli heraus, dass die Frau deutlich länger tot war als der Mann. Durch diese Entdeckung konnten Polizisten den Fall aufklären: Anton Sch. hat seine Frau nach 50 Ehejahren bereits in der deutschen Heimat - in Kelsterbach bei Frankfurt am Main - getötet und zerstückelt. Daraufhin reiste der Karnevalspräsident mit den zwei Koffern mehr als 500 Kilometer weit zum Traunsee, band sich zwei mit Steinen gefüllte Taschen um die Handgelenke und sprang mitsamt den zwei Leichen-Koffern ins Wasser. Anton Sch. ertrank. Das Motiv waren Spielschulden.

Monticelli veröffentlichte den Fall in einem wissenschaftlichen Fachmagazin: "Es war eine Premiere, dass wir mit dieser hier entwickelten Methode zur Aufklärung des Traunseer Falles beitragen konnten." Sechs Jahre tüftelte der gebürtige Italiener - der bereits seit 14 Jahren in Salzburg lebt - mit den beiden Zellbiologen Peter Steinbacher und Stefan Pittner an der neuen Proteine-Methode zur Eingrenzung des Todeszeitraums.

Ziel ist es, die neue Methode zu etablieren
Diese ist auch schon bei anderen Verbrechen zur Anwendung gekommen: "Aber bisher nur dann, wenn zwei Leichen bei gleichen Lagerungsbedingungen gefunden wurden", erklärt Monticelli. Um diese neu entwickelte Methode in der Gerichtsmedizin dauerhaft und künftig auch bei einzelnen Leichen einsetzen zu können, seien aber noch weitere Forschungsarbeiten notwendig, weiß Monticelli. Denn: Anders als im Fernsehen oft dargestellt ist der Todeszeitpunkt nicht auf die Minute genau eruierbar. "Wir wollen damit eine methodische Lücke schließen, die es im Moment gibt", so Monticelli. Mit dem derzeitigen Wissensstand können die Mediziner den ungefähren Todeszeitpunkt entweder erst ganz früh durch Abkühlung des Körpers bzw. Untersuchungen der Körperreaktionen oder erst spät nach dem Tod durch den Befall von Insekten eingrenzen.

Auch deshalb arbeitet das Trio nun mit Forschern der National Forensic Service in Seoul - dem größten gerichtsmedizinischen Institut Südkoreas - zusammen: "Wir erwarten uns große Fortschritte für unser Projekt." Nicht nur im fernen Asien stolperte man auf die Arbeit der Salzburger: Die Publizierung der neuen Methode löste überhaupt international eine "große Resonanz" aus, erklärt der sportbegeisterte Familienvater: "Viele Wissenschaftler haben sich bereits bei uns gemeldet." Ein besonderer Erfolg für den jungen Chef der Gerichtsmedizin Salzburg.

Antonio Lovric, Kronen Zeitung

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