Fr, 17. November 2017

Interview

21.07.2017 19:26

Frau starb, weil eine Stunde kein Notarzt kam

Mit 140.914 Menschen ist der Flachgau das am stärksten wachsende Siedlungsgebiet. Doch hier gibt es nachts keinen Notarzt mehr - eingespart! Eine Stunde wartete eine 29-Jährige aus Straßwalchen vergeblich auf einen Arzt. "Sie hätte nicht sterben müssen", kritisiert Michael Perkmann, Vize-Bgm. von Neumarkt.

Herr Vizebürgermeister Perkmann, Sie fordern wie praktisch alle Bürgermeister im Flachgau, dass endlich ein Notarzt im Flachgau stationiert wird?

"Ich bin selbst seit neun Jahren bei der Feuerwehr und wir hören häufig von den Sanitätern, die sich wirklich aufopfern: ,Wir arbeiten im Flachgau mit Standards der 70er Jahre.‘"

Wo liegt das Problem?

"Wir haben zwischen 23 Uhr bis sechs Uhr früh keinen Sprengelarzt mehr, der für uns rasch und vor Ort einsetzbar ist. Der kommt aus der Stadt und ist von Golling bis Bürmoos und Straßwalchen unterwegs. Ist der Arzt bei einem Unfall im Süden, kannst du im nördlichen Flachgau nur mehr beten, dass du überlebst."

Sowohl das Land Oberösterreich aber auch Salzburg lehnen die Installierung eines Notarztes im Flachgau aber ab und behaupten, dass die ärztliche Versorgung hier angemessen sei …

"Das sollen sie bitte den Hinterbliebenen jener 29-jährigen, zweifachen Mutter erzählen, die am 12. Dezember 2016 in Straßwalchen gestorben ist, nachdem sie vermutlich einen anaphylaktischen Schock hatte. Das Rote Kreuz wurde um 2.30 Uhr alarmiert. Der Sanitäter tat alles, um die Frau am Leben zu halten. Doch der Notarzt traf erst um 3.30 Uhr ein. Die Frau ist vor den Augen ihrer zwei Kinder gestorben."

Auch die Feuerwehr hat bei ihren Einsätzen Probleme mit einem fehlenden Notarzt?

"Ja, wir haben die tollste Ausrüstung, können sie aber manchmal nicht einsetzen, weil eine Person fehlt: Der Arzt! Es ist heuer im Frühjahr bei der Umfahrung Neumarkt passiert, dass eine Frau nach einem Unfall schwer verletzt im Auto eingeklemmt war. Überspitzt gesagt, dürfen ihr die Sanitäter inzwischen die Hand halten und wir können vor Ort eine Zigarettenpause einlegen. Aber bergen dürfen wir die Betroffenen nicht, bevor nicht ein Arzt anwesend ist. Die Frau ist verstorben."

Nun hat das Land Salzburg in Mittersill wieder einen Notarzt installiert und auch für das Lammertal eine Regelung gefunden.

"Ja, dafür braucht sich aber niemand feiern lassen. Das ist nur die Reparatur eines unhaltbaren Zustandes. Der Flachgau ist nach wie vor nachts eine medizinische Versorgungswüste."

Was wäre ein Ausweg?

"In Straßwalchen wird gerade ein neuer Rot-Kreuz-Stützpunkt gebaut. Dort muss man einen Notarzt installieren, der auch Mondsee mit versorgen kann."

Woran scheitert es Ihrer Meinung nach?

"Es geht schlicht und einfach ums Geld. Die Kosten für einen Arzt würden sich auf 500 Euro pro Nacht belaufen."

Wie viele Notarzt-Einsätze gab es im Flachgau?

"2016 haben wir 87 dokumentierte Fälle gehabt. Für 2017 werden wir vielleicht auf 40 kommen. Und zwar deshalb, weil ja kein Notarzt mehr anrückt oder verfügbar ist. Und mit diesen sinkenden Zahlen verteidigt die Politik den momentanen unhaltbaren Zustand."

Wolfgang Weber, Kronen Zeitung

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