Di, 16. Jänner 2018

Fahrkultur pur

30.07.2017 20:43

Mercedes E 400 Coupé: Die bessere E-Klasse?

Bei einem Coupé bekommt man weniger Auto für mehr Geld, heißt es immer. Ha! Geschwätz! Was interessiert mich das Platzangebot in der zweiten Reihe oder die dort nicht vorhandenen Türen, wenn ich vor meinem E-Klasse-Coupé stehe, oder gar am Steuer sitze und die anderen stehen davor, mit großen Haben-wollen-Augen. Es ist einfach eine Klasse schöner, eleganter, stilvoller, also mehr statt weniger Auto. Und das um nur 3000 Euro Aufpreis.

Aufs Geld darf man hier grundsätzlich nicht schauen. Klar gibt es den Wagen ab 56.000 Euro mit Vierzylinder-Diesel, aber der an höherer Fahrkultur interessierte Connaisseur tut gut daran, zum Topmodell E 400 4matic zu greifen. Basispreis (81.000 Euro) und Extras summieren sich beim Testwagen auf knapp 118.000 Euro. Mitgerechnet? Ja, das ist weit mehr als das Doppelte vom E 220d. Wird langsam klar, warum der Aufpreis sekundär ist? Immerhin kann man gratis das Typkennzeichen weglassen.

Beim Anblick der Karosserie, wenn mein Auge sanft vom Diamantgrill, vorbei an den Multibeam-LED-Scheinwerfern (die mich nachts mit blauen Leuchtstreifen begrüßen) über die beiden Powerdomes auf der Motorhaube, das sich seitlich verjüngende Greenhouse und das flach auslaufende Dach bis zu den muskulösen hinteren Kotflügeln und über die Spoilerlippe hinaus gleitet, kann ich richtig spüren, mit wie viel Genuss die Designer rund um Gordon Wagener während der Entwicklung die Tonmodelle geformt haben. Am meisten liebe ich aber etwas, das es am Tonmodell nicht gibt: die nicht von einer B-Säule unterbrochenen Fensteröffnungen. So muss Coupé!

Genau dieser Blick von schräg hinten hinein in den Innenraum, das ist Eleganz. Auch bei näherer Betrachtung setzt das verfeinert aus der Limousine übernommene Interieur den Maßstab in der Klasse. Blickfang sind die eigens fürs Coupé gestalteten Lüftungsdüsen in der Mitte, die so stilvoll im serienmäßigen Holz in der Armaturenkonsole sitzen, die wiederum elegant in die Türverkleidungen übergeht.

Beeindruckend ist das riesige Display, das sich vom Tacho-Bereich bis ins Navitainment zieht. Es besteht zwar aus zwei getrennten 12,3-Zoll-Bildschirmen, wirkt aber wie eine Einheit. Mancher Beifahrer kann sich an der Navigationskarte kaum sattsehen.

Die aufwendige Grafik fordert aber auch ihren Preis, so dauert es richtig lang, das Bild zu zoomen. Wobei: Das ist nicht das einzige Manko des Bedienkonzepts. Der Aufbau ist nicht wirklich logisch, wenig ist intuitiv, das Eingeben eines Navigationsziels wird zur Herausforderung, die vom Verkehr ablenkt. Erst recht, wenn man versucht, Buchstaben über das Touchpad einzugeben: Die Handschrifterkennung funktioniert bestenfalls mäßig und das Hin- und Herwechseln zwischen Drehregler und Touchpad-Überbau ist umständlich. Hier ist BMW noch immer das unerreichte Maß der Dinge.

Dabei haben sie sich bei Daimler richtig bemüht, kreativ zu sein. Die ganze Grafik des Comand-Systems wirkt jetzt gut integriert statt gezwungen adaptiert und vor allem haben sie am Lenkrad zwei Blackberry-artige Touchflächen zum Drüberstreichen platziert. Der linke Daumen steuert das Menü am Tacho-Display, der rechte ergänzt die Drehregler-/Touchpad-Kombi. Klingt innovativ, ist aber absolut unnötig und in keiner Weise hilfreich. Vielleicht spart man sich den Aufpreis besser.

Der Motor macht den Unterschied
Bisher haben wir noch nichts vom V6-Motor gehört, doch der ist der wahre Genuss des Mercedes E 400 Coupé und vollendet das herrliche Design zum Gesamtkunstwerk. So seidig, so kraftvoll, so souverän und in seiner Arbeit seinerseits elegant findet er seine Bestimmung im Motorraum des zweitürigen Stuttgarters. 333 PS leistet er, doch es sind die entspannten 480 Nm ab 1600/min., die ihn so unwiderstehlich machen. Über die Neungangautomatik, die man nur hin und wieder spürt (viel seltener als die früher verwendete 7-G-tronic) treibt die 2996-ccm-Maschine alle Viere an. Das ganze Fahrerlebnis ist wie Wellness, nicht zuletzt wegen der "Air Body Control"-Fahrwerks (solange die optionalen AMG-20-Zöller nicht in kantige Kanaldeckel krachen).

Doch damit ist Schluss, sobald man den Fahrmodusschalter zweimal nach vorn, auf Sport+ tippt. Dann wird der galante Gleiter zur bösen Bestie, die jedes sanfte Streicheln des Gaspedals mit einem ungestümen Satz nach vorne quittiert. Sogar die Leerlaufdrehzahl liegt 250/min. höher. Die Automatik ist sowieso auf Alarm. Ganz ehrlich? Das ist alles too much und wird dem Fahrzeug nicht gerecht. Idealstellung ist "Normal", man könnte die Position auch "souverän" nennen. Das trifft in jeder Hinsicht, sogar die Lenkung ist gefühlvoll und verbindet den Fahrer gut mit der Straße.

Wer es ambitionierter angehen will, kann auf Sport schalten. Da schärfen sich die Systeme, ohne halbstark zu wirken. Und dynamisch kann der Benz schließlich auch gut: 5,3 Sekunden vergehen, bis Tempo 100 erreicht ist. Haken schlagen wie ein Hase auf der Flucht ist nicht das Metier des komfortablen Knapp-1,8-Tonners, aber von träge kann nicht die Rede sein.

Der Testverbrauch pendelte sich übrigens bei 10,5 l/100 km ein, ohne dass jemals der Eco-Modus aktiviert war.

Verhaltenskreative Assistenten
Das Top-Fahrassistenzpaket des Testwagens zeigt sich im Vergleich zu meinen ersten Versuchen mit der damals neuen E-Klasse leicht verbessert, aber weit entfernt von perfekt. Der Wagen folgt selbsttätig den Fahrbahnmarkierungen auf der Autobahn, solange es nicht regnet, ist dabei aber nicht immer zuverlässig (manchmal schert er einfach aus). Hält man den Blinker, wechselt er brav die Spur, wenn keiner von hinten kommt. Wenn doch, wechselt er nicht, schaltet dann aber unvermittelt ab. Der Unterschied zu früher: Das System warnt, als hätte man das Lenkrad losgelassen.

Ebenso kreativ sind die Parksensoren, die gerne mal anschlagen, wenn man allein an der Ampel steht, oder auch der Radartempomat, der sich hin und wieder allein auf weiter Flur einbremst. Der freundliche Gurtbringer hat mehrmals im Test die Gurtsperre ausgelöst, sodass sich weder Gurt noch Bringarm bewegen ließ. Zu viel bewegen sich hingegen die Türen, die sogar auf ebenem Untergrund von selbst zufallen. Ob bei Mercedes irgendwann jemand draufkommt, wie man eine offene Tür am Zufallen hindern kann? Vielleicht sogar wenn man bergauf steht?

Unterm Strich
Das aktuelle E-Coupé ist genaugenommen das erste echte E-Coupé seit Langem, die Vorgänger basierten auf der C-Klasse. Deshalb hat die aktuelle Baureihe atmosphärisch einen riesigen Sprung gemacht. Wer es sich leisten kann, der kann mit dem Mercedes E 400 Coupé richtig Geld sparen - denn er ersetzt problemlos das S-Klasse-Coupé und wirkt, weil er schlanker ist, auch noch eleganter. Schon der Grundpreis des S-Coupés liegt auf dem Niveau des vollausgestatteten Testwagens. Wenn sie in Stuttgart jetzt noch aufhören würden, rundum Plastikblenden anzubringen, die Lufteinlässe vortäuschen, und das Navitainment weiter verbessern, dann wird alles gut.

Warum?

  • Er ist einfach wunderschön.
  • Der Motor ist ein Gedicht.

Warum nicht?

  • Komplizierte Bedienung

Oder vielleicht …

… S-Klasse-Coupé, BMW 6er

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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