Mi, 13. Dezember 2017

"Krone"-Interview

27.06.2017 14:49

Touché Amoré: Tragik führt zum Angriff

Mit ihrer Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und Indie-Versatzstücken sind die Amerikaner Touché Amoré schon seit einigen Jahren ein Garant für starke Alben und intensive Liveshows. Das liegt mitunter auch an der ehrlichen und offenen Haltung von Frontmann und Sänger Jeremy Bolm, der auf dem aktuellen Album "Stage Four" den tragischen Tod seiner Mutter verarbeitete. Im Zuge des Nova Rock Festivals nahm sich der 34-Jährige für uns Zeit, um über diese tragische Phase seines Lebens, Missverständnisse zwischen Band und Publikum und veränderte Sichtweisen im Dasein zu sprechen.

"Krone": Jeremy, ihr tourt derzeit mit vielen interessanten Bands wie Against Me!, Swain, Gojira oder Code Orange durch Europa. Was verbindet euch miteinander?
Jeremy Bolm: Über Gojira kann ich wenig sagen, weil ich sie nicht wirklich kenne. Aber sie haben wohl ähnliche Einflüsse wie wir. Die Code Orange-Kids kennen wir schon seit vielen Jahren, da wir schon 2012 mit ihnen durch die USA getourt sind. Auch mit Against Me! haben wir eine gute Beziehung. Es tut gut, mit diesen Bands auch so weit von zuhause entfernt unterwegs zu sein.

Ihr seid bekannt für eure intensiven, ausladenden Shows, in die eure Fans live sehr gut eintauchen können. Fällt es euch schwer, diese Shows auf ein Festivalpublikum umzulegen, das nicht wirklich nur für euch da ist?
Festivals sind generell ziemlich schwierig zu bespielen. Wir tun für gewöhnlich unser Bestes, um unsere Shows in kleinen Venues möglichst intensiv zu gestalten, was auch nicht immer einfach ist. Oft werden wir durch Fotogräben oder Barrieren von den Leuten getrennt. Für mich ist ein Auftritt mehr eine Performance, denn eine Show, aber ich versuche immer das Beste daraus zu machen, auch wenn es nicht immer leicht ist, Augenkontakt oder eine Nähe zum Publikum aufzubauen. Ein Festival wie das Graspop ist sehr metallastig und dort tun wir uns ohnehin schwer. Wir sind bei Festivals oft die härteste oder die weichste Band, irgendwie passen wir nie so richtig rein. (lacht) In den USA haben wir auch Hipster-Festivals mit Indie-Bands bespielt, in Europa sind wir auf dem Brutal Assault aufgetreten. Irgendwie sind wir immer etwas aus dem Tritt, aber man kann das nicht ändern.

Ist es nicht auch schwierig über tiefergehende Themen vor einem Publikum zu singen, dass eigentlich nur auf Party und die nächste Ladung Bier aus ist?
Ich will das negativ nehmen und versuche das erwachsen zu sehen, aber das kann manchmal wirklich ärgerlich sein. Es gibt auch oft eine Sprachbarriere, weil die englische Sprache nicht in allen europäischen Ländern gleich gut funktioniert. Die Musik ist zudem ziemlich intensiv und kann nicht so einfach nebenbei gehört werden. Code Orange haben diesen Teil übersprungen, denn sie haben immer brutale Breakdowns in der Musik, die man weltweit kennt. Bei uns gibt es große Soundsprünge und Melodien kreuzen sich mit dissonanten Stellen, das ist nicht für jeden bekömmlich. Wenn du uns nicht kennst, glaubst du, wir würden einen langen Song spielen, während wir eigentlich schon fünf absolviert haben. Ich muss das aber so hinnehmen, denn ich bin in erster Linie froh, dass sie uns sehen wollen oder neugierig sind. Unser letztes Album "Stage Four" drehte sich um den Krebstod meiner Mutter und wenn ich so einen Song singe und jemand steht in einem Peniskostüm vor der Bühne, um mit seinen Freunden wirres Zeug zu grölen, weil er unsere Songs und Inhalte eben nicht kennt, dann fühle ich mich schon etwas beschämt. Es ist nicht immer einfach, darüber hinwegzusehen.

Das Album war nicht nur ein schwerer, sondern auch sehr gut gelungener und von der Öffentlichkeit und den Kritikern gefeierter Brocken. Wann hast du dich dazu entschieden, dich mit diesem Thema nach außen hin so stark zu öffnen?
Jedes unserer Alben hat immer schon die Dinge abgehandelt, die ich erlebt habe. Unser Debütalbum drehte sich um die Alltagsprobleme, die jeder 20-Jährige so durchlebt, der Nachfolger handelte von den ewig andauernden Touren, die Kämpfe, die man mit durch die weiten Entfernungen von Zuhause mit sich austrägt und die Leute, die man liebt, aber als Musiker immer wieder zurücklässt. Auf "Is Survived By" haben wir unsere Probleme mit dem Älterwerden und den Schwierigkeiten unseres Lebens abgehandelt und dann starb meine Mutter. Ich konnte an nichts anderes denken, ich musste einfach über dieses Thema schreiben. Selbst als ich an andere Dinge dachte, konnte ich sie nicht zu Papier bringen. Ich war schon immer so ehrlich wie möglich zu unseren Hörern und wenn sich jemand die Zeit für unsere Band nimmt, dann sollte er auch etwas wirklich Echtes kriegen. Jeden Tag kommen Hunderttausend neue Bands ans Tageslicht und du kannst mehrere Leben auf Spotify verbringen - wenn also jemand wirklich seine Zeit für uns opfert, dann fühle ich mich dafür verantwortlich, ihm alles zu geben.

Fällt es dir heute etwas leichter, diese schweren Songs mit einer gewissen Distanz zum Erlebten vorzutragen?
Um ehrlich zu sein, wird man irgendwann abgestumpft, wenn man das jeden Tag macht. Die ersten paar Konzerte waren wirklich schwierig und vor allem sehr intim. Du bist sehr verletzlich, wenn du diese Texte singst und euphorischen Menschen im Publikum in die Augen siehst. Die Leute bei unseren Konzerten wussten ja Bescheid und sahen mich mit den neuen Songs aus einem komplett neuen Blickwinkel. Das war auch für mich eine neue Erfahrung. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran, was ganz normal und menschlich ist. Ich habe mich zudem jeden Tag mit Leuten unterhalten, die ähnliches erlebt hatten, oder die mir Zuspruch gaben und von ihren Erfahrungen berichteten. Am Ende ist es einfach eine brutale Sache, durch die fast jeder irgendwann in seinem Leben gehen muss, aber darüber zu singen, war die für mich beste Lösung, damit klarzukommen.

Ich denke, dass "Stage Four" auch unheimlich vielen Menschen Trost bietet und ihnen bei der eigenen Trauerbewältigung helfen kann.
Wenn das tatsächlich so ist, dann bin ich verdammt glücklich darüber. Bei der ersten US-Tour zum Album hat mir ein Mädchen gesagt, dass ihr dieses Album durch persönliche Probleme helfen konnte. Anfangs war ich etwas verwirrt, weil der Inhalt des Albums nichts mit dem von ihr angesprochenen Thema zu tun hat, aber ich realisierte immer mehr, dass das Album den Menschen in vielerlei Hinsicht hilft. Ich könnte hier auch ein unendlich langes Mixtape mit Songs zusammenstellen, die mir vielleicht etwas zum Thema Liebe bedeuten, dir aber vielleicht zum Thema Gott. Jeder Song ist ein Gedicht für sich selbst und jeder zieht etwas für sich raus, was seinem Leben zuträglich sein kann. Ich musste aber erst lernen, dass die Leute meine Texte anders interpretieren. In meinem Alter, so rund um 30, verlierst du für gewöhnlich deine Großeltern und nicht deine Mutter. Es ist auch wirklich hart, jeden einzelnen Tag über dieses Thema zu reden, aber die Leute teilen einfach gerne ihre Erfahrungen und ich habe das Album ja auch so geschrieben. Ich weiß nur oft nicht, wie ich damit umgehen soll. Ein "danke" ist oft die falsche Antwort, weil das Thema zu persönlich ist.

Hat der tragische Tod deiner Mutter deine Sicht auf dein eigenes Leben oder auch deine Sterblichkeit nachhaltig verändert?
Nicht so wirklich den Blick auf meine Sterblichkeit, aber es entsteht einfach ein ganz neues Verständnis für Menschen in meinem Leben. Wenn etwa jemand davon redet, dass er seine Mutter und seinen Vater nicht oft genug anruft, berührt mich das. Ich bin da wohl noch immer zu nachlässig, versuche meinen Vater aber viel öfter anzurufen. Ich versuche die Menschen in meiner kleinen Familie besser zu behandeln. Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, lebt nur zwei Blocks von mir entfernt und ich besuche sie zumindest einmal im Monat. Sie war die beste Freundin meiner Mutter und hat selber Kinder, aber die sind in ihren 40ern und haben Familien, Karrieren und gefestigte Leben. Sie besuchen sie nicht so oft, also mache ich das verstärkt. Ich will den Leuten in meinem Umkreis einfach mehr Anerkennung und Respekt zollen.

"Stage Four" folgt einem Konzert, bei dem es ja schwierig ist, die Songs auseinanderzureißen. Fühlt sich das bei Konzerten manchmal unpassend an, wenn du nicht das ganze Album spielen kannst?
Interessanterweise haben wir die meiste Zeit fast das ganze Album gespielt - zumindest auf unseren Club-Touren ging sich das ganz gut aus, aber es schmerzt natürlich, wenn du ein Kapitel der ganzen Story weglassen musst. Normalerweise spielen wir anfangs davon am Stück gespielt. Es zeigt einerseits, wie sehr wir dieses Album mögen und es uns prägte, aber auch, dass die Leute das Material annehmen und zu schätzen wissen. Es gibt noch ein paar Songs, die wir noch gar nicht gespielt haben - zumindest "Skyscraper" fehlte bislang. Dieser Song hat auf dem Album eine weibliche Stimme und ich bin nicht gerade mit Selbstbewusstsein überschüttet, weiß nicht genau, wie ich diese Nummer selbst gut genug singen kann. "Softer Spoken" haben wir auch noch weggelassen. Bei diesem Song habe ich das Gefühl, dass er live einfach nicht funktioniert - es ist ein klassischer Albumsong, aber wir sollten es einmal probieren.

Dass du als Sänger nicht selbstbewusst bist, kriegt man bei euren Shows nicht mit. Musst du vor jedem Konzert mit dir selbst kämpfen, um deine besten Leistungen abrufen zu können?
Ich kann den ganzen Tag schreien wie am Spieß, aber das klare Singen macht mich nervös. Ich habe in letzter Zeit auf gewissen Compilations angefangen Songs zu schreiben, bei dem einfach mehr normaler Gesang vorhanden ist. Es ist so anders, weil ich mein ganzes Leben lang schon schreie. Ich kenne so viele hervorragende Sänger aus meinem Freundeskreis, dass ich mich dafür fast schäme. Ich mache es einfach, kann aber nicht sagen, ob es gut genug ist oder nicht. Ich gebe einfach mein Bestes.

Ihr habt euch auf jedem Album immer neu definiert, aber "Stage Four" ist die bislang deutlichste Abkehr vom Posthardcore hin zu mehr Indie- und Alternative-Klängen. Ist es das erste erwachsene Album von Touché Amoré?
Ich denke, das ist eine natürliche Entwicklung, wie man sie auch bei anderen Bands hören oder beobachten kann. Wir touren extrem viel gemeinsam und mit jedem einzelnen Konzert wird das Zusammenspiel besser und irgendwann weißt du schon, was der andere gerade denkt. Einmal ist es dann wieder Zeit für ein neues Album und jeder ist total heiß drauf, weil wir die alten Songs einfach schon zu oft live gespielt haben. Als Drummer kannst du dich im Studio auch mal etwas zurücklehnen und musst dich nicht so reinwerfen wie bei den Konzerten. Außerdem ist es immer besonders spannend, sich selbst herauszufordern und neue Dinge auszuprobieren. Ich glaube, wir könnten gar kein Album schreiben, dass nach einem gewissen Stil klingen soll. Es kommt ohnehin immer so raus, wie man gerade fühlt. Ich weiß, dass sich viele unserer Fans "Stage Four" klanglich anders erwartet hatten und wir viele damit überrascht haben. Es gibt aber kein typisches Touché Amoré-Album und das ist gut so. Wir werden niemals eine Shoegaze-Band sein, weil wir im Endeffekt immer zu 95 Prozent auf dem Album herumschreien und musikalisch ordentlich aufs Gaspedal drücken.

"Stage Four" hatte auch kommerziellen Erfolg und landete in vielen Charts relativ weit vorne. Ist euch das wichtig, dass ein Album nicht nur künstlerisch, sondern auch verkaufstechnisch derart einschlägt?
Es wäre gelogen, würde ich sagen, dass mir das völlig egal wäre. Natürlich ist es aufregend, wenn man den Geschmack vieler Menschen trifft mit einer Kunst, die tief aus dem Inneren kommt. Nach dem dritten Album hast du als Band für gewöhnlich eine Fanbase, die dich schon kennt und bei dir bleibt. Das Problem, dass es zu überwinden gilt, gibt es vor allem im Vorfeld. Es ist für Hardcore-Bands extrem schwierig, überhaupt ein zweites oder drittes Album zu schreiben, denn die meisten schaffen es schon gar nicht bis dorthin. Dass die Leute uns jetzt auch noch beim vierten Album hören, das weiß ich wirklich zu schätzen.

Hast du dich als Persönlichkeit verändert, nachdem du schon so viele Jahre mit deinen engsten Freunden und Bandkollegen auf der ganzen Welt unterwegs bist?
Es ist schwierig über mich selbst zu sprechen, weil das andere wohl besser beurteilen könnten. Ich kann dir nur sagen, wie die anderen sich verändert haben. Aber klar, das Leben und das fortschreitende Alter verändert alle. Da passiert es auch, dass aus einem Burger-Liebhaber und Schmutzfink eine gesund lebende, total reinliche Person wird. (lacht) Früher haben wir auch viel stärker gesoffen, heute leben wir ziemlich gesund auf Tour. Man wird einfach selbstsicherer und ist sich gewahr, was man tun will und was nicht. Am Wichtigsten ist aber, dass du genau lernst, welche Knöpfe du bei den anderen nicht drücken wirst, wenn du über Jahre in einem klapprigen Van über kaputte Straßen fährst. Reifer sind wir wohl alle geworden - mehr oder weniger. (lacht)

Welche Gedanken schießen in dir hoch, wenn du an den zehnten Geburtstag der Band in diesem Jahr denkst?
Es ist lustig, denn in meinem Kopf würde ich diese Statistik gerne auf 2008 umändern. Wir sind Ende 2007 als Band zusammengekommen, aber die erste Show spielten wir erst am 16. Februar 2008 - in meinem Kopf ist also das die wahre Geburtsstunde. Wir hoffen, dass wir genau an diesem Tag 2018 zum zehnjährigen Jubiläum unsere 1000. Liveshow spielen können. Am Ende dieses Jahres werden wir bei 979 stehen, also müssen wir uns jetzt noch spontan ein paar Pub-Shows oder so etwas für Jänner 2018 zusammenstellen. Aber dieses Jubiläum verbunden mit dieser Zahl wäre einfach perfekt.

Wird daraus auch eine DVD oder ein schönes Live-Album entstehen?
Das ist das Ziel, aber wir werden sehen, ob wir das hinkriegen. Ich will da noch nicht zu viel versprechen.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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