Fr, 24. November 2017

Schlepper-Prozess

23.06.2017 09:48

„Wir sitzen hier, weil einer gierig geworden ist“

"Wir sitzen alle hier, weil Samsooryamal gierig geworden ist" - diese Aussage des Bulgaren Metodi G., einem der Angeklagten, die sich im Schlepperprozess rund um die 71 Todesopfer auf der A4 verantworten müssen, wirkt wie eine Bombe. Denn sie wischt dem Hauptangeklagten Samsooryamal Lahoo (30) endgültig jenes Grinsen aus dem Gesicht, das er bisher bei der Verhandlung aufgesetzt hatte. Aber dennoch: Angesichts der Tragödie bleiben die Angeklagten völlig ungerührt und eiskalt. Am Freitag wird der drittangeklagte 39-jährige Bulgare Vencislav T. einvernommen. Er soll als Vorfahrer agiert haben.

Auch T. bejahte die Frage des Richters, ob er ein Geständnis ablegen wolle - doch auch der Bulgare erklärte, zuerst noch die anderen Angeklagten hören zu wollen. Am Vormittag verlas daher Richter Janos Jadi die Polizeiverhörprotokolle der letzten Jahre nach der Verhaftung T.s.

In diesen behauptet der 39-Jährige, dass er von den schrecklichen Geschehnissen in der Nacht auf den 26. August keinerlei Kenntnisse habe. Er sei bei drei Fahrten stets als Vorfahrer ohne Kontakt mit Migranten in Erscheinung getreten. Auch dem 39-Jährigen droht lebenslange Haft. Ihm wird organisierte Schlepperei und mehrfacher Mord unter besonders grausamen Umständen vorgeworfen.

Betroffenheitsmiene bei Bandenchef
Am zweiten Tag im Prozess im ungarischen Kecskemettrat trat Samsooryamal Lahoo erstmals mit einer Betroffenheitsmiene vor den Richter, die aber eher aufgesetzt denn reumütig wirkte. Ebenso sein Stellvertreter in der Schlepperbande, Metodi G. (31). Letzterer musste - nachdem der mutmaßliche Bandenboss mit einem zunächst angekündigten Geständnis doch warten will - diesmal Rede und Antwort stehen.

Geldgier als Motiv für Horrorfahrt
Zunächst wollte Metodi G. (31) "nichts vor dem Richter sagen". Daher las der Richter aus den knapp ein Dutzend Verhörprotokollen nach G.s Festnahme in Budapest vor. Im Zuge des Verhörs sagte G., dass er Fahrzeuge besorgt habe. Im Laufe der Zeit wurden bis zu 20 davon für Schleppungen verwendet. Es sei nie etwas schiefgegangen, will G. damit offenbar vermitteln.

Doch dann platzte es aus G. in Richtung des Erstangeklagten heraus: "Wir sitzen heute alle hier, weil Samsooryamal gierig geworden ist." Er habe offenbar nicht genug vom dreckigen Geld kriegen können. Dabei habe er den Afghanen mehrmals davor gewarnt, den Volvo mit dem gekühlten Frachtraum für eine Schleppung von so vielen Leuten zu verwenden. Damit belastet G. nun seinen Boss schwer.

"Du hast mich in diese Lage gebracht"
Ein weiteres brisantes Beweisstück brachte die Staatsanwaltschaft am Ende des Verhandlungstages ins Spiel, das wohl auch noch am Freitag Gegenstand der Verhandlung sein wird. Es handelt sich um einen Brief von G. an Schlepper-Chef Lahoo - damals saßen schon beide in Haft. In diesem Schreiben bittet der Bulgare den Afghanen, seine Kontakte zu nützen, um ihm und seiner in finanzieller Not steckenden Familie zu helfen.

"Wir haben Schulden und mein Haus ist weg. Du hast mich und all die anderen in diese Lage gebracht. Du musst uns helfen", heißt es in dem Schriftstück. G. spricht Lahoo mit "mein Bruder" an. Auf die vom Schlepper-Chef lancierten Gerüchte, er würde G.s Anwalt zahlen, reagiert der Bulgare wütend und schreibt: "Ich zahle meinen Anwalt."

Video: Richter verbietet Bandenboss Aussage

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