Mi, 13. Dezember 2017

Das Schwarze Loch

25.06.2017 20:01

BMW M760Li: Zwölf Messer zwischen den Zähnen

"Ist das wirklich ihr Ernst?!" durchfährt es mich, als ich den Testwagen sehe. Mattschwarz und so mächtig, dass ein Schwarzes Loch nicht viel mehr Licht schlucken könnte, steht diese Skulptur von einem Auto vor mir. BMW. M760Li. Und auf den C-Säulen prangt ein ganz und gar undezenter V12-Schriftzug. Sagen wir: Wörthersee-Feeling für richtig Reiche.

Ich steige ein, nein, ich gleite auf den weißen Leder-Fauteuil, bevor sich die Tür zusaugt. Schschscht. Ssssssssrt. Die Seitenscheibe muss sofort runter und der Arm raus. Wenn schon, denn schon. Was ist cooler: den Ellbogen auf die Tür legen oder den Arm runterhängen lassen? Die Option "Musik aufdrehen und den Takt auf der Tür außen mitklopfen" lassen wir jetzt mal weg.

Nicht weil es mir peinlich wäre (in einem mattschwarzen BMW M760Li kann einem nix peinlich sein), sondern weil jetzt erstmal die 6,6 Liter große Orgel unter der Haube dran ist. Ein Druck auf den Startknopf, ein Anlasser, der sicher auch ein Elektroauto antreiben könnte, bringt die Kolben in den zwölf Zylindern in Bewegung, ein leichtes Schütteln fährt durch den Wagen und der erste heisere Trompetenstoß dringt an mein Ohr. Orgel oder Trompeten, egal, mit jedem Gasstoß im Stand schüttelt sich alles ein wenig. Fast so wie auf einem BMW-Motorrad mit Boxermotor. Das unterstützt das Sound-Erlebnis, welches dieses faszinierende Triebwerk bietet.

Und dann presst es mich in den Sitz
Vor dem ersten Tritt aufs Gaspedal sollte man wissen, dass man im stärksten Serien-BMW aller Zeiten sitzt. 610 PS gab es bei den Münchner noch nie, hungrige 800 Nm werfen sich ab 1550/min. auf die Kurbelwelle, die sicher aus einem Ozeandampfer stammt. 3,7 Sekunden von 0 auf 100! In einem 2,2 Tonnen schweren 7er-BMW! Das ist Sportwagen-Niveau, und auch die stärkste S-Klasse kann mangels Allradantrieb hier nicht mithalten. Erst bei 305 km/h legt die Elektronik ein Veto ein (mit "Driver's Package", sonst bei 250 km/h).

Das Schöne ist: Nicht nur geradeaus ist hier Freude angesagt, nein, trotz der Masse geht der Münchner auch um die Kurve, Technik macht's möglich: adaptive Luftfederung mit kamerabasierter Vorausschau (Executive Drive Pro), elektromechanische Wankstabilisierung, Integral-Aktivlenkung und mitlenkende Hinterachse gaukeln fahrdynamisch ein kleineres, leichteres Fahrzeug vor, mit dem man gefühlvoll ums Eck rauscht. Natürlich fühlt sich das nicht wie ein BMW M3 an, aber eben auch nicht wie ein Schiff auf Schlingerkurs.

Matt wird irgendwann höchstens der Fahrer, dann stellt er den Fahrerlebnisschalter wieder auf Komfort, die Seitenwangen des Sitzes atmen aus, der Beifahrer auf und der BMW nimmt die zwölf Messer wieder zwischen den Zähnen raus. Dann gleitet man einfach souverän und entspannt dahin. Auch das kann er, der Zwölfender-Siebener.

An den Spritverbrauch darf man im BMW M760Li nicht denken - es wird seinen Grund haben, dass der Bordcomputer nicht mehr als 20 l/100 km anzeigen kann (Normverbrauch: 12,8 l/100 km; Stadtverbrauch: 18,4 l/100 km). Wer jetzt die Umweltkeule schwingt, dem sei gesagt, dass es sich hier nicht um ein Massenprodukt handelt.

Einige Details sind so gar nicht perfekt
Bei aller Freude über die ganze Komfort-Sportlichkeit: Ich würde mir vor allem im Relax-Modus ein feineres Ansprechen des Motors wünschen. Die Gasannahme erfolgt teilweise leicht verzögert, daher ist es schwierig, so weich zu fahren, wie es vor allem für Passagiere angenehm ist. Dazu kommt, dass die Stopp-Start-Automatik (wie zurzeit auch in anderen aktuellen BMWs) nicht ideal programmiert ist: Wenn man im Moment des Anhaltens den Fuß auf dem Bremspedal leicht werden lässt, um den Anhalteruck zu vermeiden, geht der Motor nur ganz kurz aus, springt aber sofort wieder an.

Und dann müssen wir noch über den Fahrerplatz sprechen. Ja, er ist bequem, auf Wunsch kann man sich sogar vom Sessel massieren lassen, aber: Das passiert häufig auch ohne expliziten Wunsch, sogar auf höchster Stufe, weil nämlich das Fahrerknie genau auf den Startknopf in der Tür drückt, wenn man etwas ambitionierter fährt, und außerdem den Sitz verstellt. Dazu kommt, dass der Platz im Fußraum links wie rechts zu knapp bemessen ist.

Und der Preis? Ist für einen Zwölfzylinder relativ günstig. In der Liste steht der BMW M760Li mit 218.500 Euro, inklusive 20 Prozent Mehrwertsteuer und 32 Prozent Normverbrauchsabgabe. Der Testwagen kommt mit Extras auf über eine Viertelmillion, inklusive der "Individual Lackierung Frozen Dark Brown metallic" um knapp 4000 Euro und dem "Individual Vollleder 'Merino' Feinnarbe Rauchweiß". Laserlicht ist übrigens serienmäßig. Ebenso die autonomen Fahrfunktionen, d.h. der V12 sollte auf der Autobahn selbstständig den Linien nachschnüffeln, was aber nur mäßig zuverlässig funktioniert. Und man kann ihn über den fast Smartphone-großen Autoschlüssel von außen starten und bewegen.

Unterm Strich
An diesem Auto werden Scheichs und Oligarchen ihre Freude haben, wobei die aufdringliche Optik nicht zwangsweise sein muss. Die V12-Schriftzüge sind immer drauf, aber schon mit einem normalen Metalliclack wirkt das alles dezenter. Dick auftragen kann man dann noch genug mit dem Triebwerk. Nicht zwingend am Wörthersee, jedenfalls nicht unbedingt zur Zeit des GTI-Treffens, wo die meisten Boliden nicht mehr kosten als die NoVA für den BMW M760Li.

Warum?

  • Der Motor ist ein Hammer.
  • Für einen Zwölfzylinder ist er gar nicht mal so teuer.

Warum nicht?

  • Kann man denn um eine Viertelmillion nicht totale Vollkommenheit erwarten?

Oder vielleicht …

… den Chauffeur entlassen. Fahren will man diesen Wagen sowieso selbst, und man hat die Anschaffungskosten (je nach Gehalt) relativ schnell wieder herin.

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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