Sa, 16. Dezember 2017

Die Opfer von London

05.06.2017 15:46

Australierin: "A****loch stach mir in den Hals"

Nach der blutigen Terror-Nacht von London mit sieben Todesopfern kämpfen zahlreiche noch Menschen um ihr Leben. 21 Schwerverletzte befinden sich in kritischem Zustand, teilten die Gesundheitsbehörden am Sonntag mit. Die Australierin Candice Hedge (31) wurde nach ihrer Schicht als Kellnerin von den Terroristen schwer verletzt. Auf Facebook schrieb sie: "Ich kann nicht wirklich reden. Dieses A***loch hat mir in den Hals gestochen." Unterdessen konnte die Polizei die Attentäter identifizieren, deren Namen gab sie aus ermittlungstaktischen Gründen jedoch noch nicht bekannt.

Hedge hatte gerade ihren Dienst als Kellnerin in einem Lokal an der London Bridge beendet und wollte sich noch einen Drink genehmigen, als die Terroristen ihren blutigen Angriff starteten. Die gebürtige Australierin hatte zumindest insofern Glück, als die Attentäter sie zwar verletzten, aber lebenswichtige Organe um Haaresbreite verfehlten.

"Sie war komplett zugerichtet, konnte nicht reden"
Ihr Freund brachte sie sofort ins Spital und rief Hedges Mutter Kim Del Toro via Skype an. "Sie war komplett zugerichtet und konnte nicht reden", erzählte Del Toro der australischen Nachrichtenagentur Fairfax Media. "Aber sie hielt den Daumen hoch und ich wusste, sie wird okay." Hedge selbst gibt sich nach der Horror-Nacht kämpferisch. "Mir geht es gut. Zwar immer noch im Spital, aber über dem Berg", schrieb die 31-Jährige auf Facebook. "Ich kann nicht wirklich reden. Dieses A***loch hat mir in den Hals gestochen." Glücklicherweise wurden weder ihre Hauptarterien noch die Luftröhre verletzt. "Macht euch nicht zu viele Sorgen. Ich liebe euch alle."

Kanadierin starb in den Armen ihres Verlobten
Der 32-jährige neuseeländische Tourist Oliver Dowling befindet sich hingegen im Koma, weil ihm mehrmals mit dem Messer ins Gesicht gestochen wurde. Brett Freeman wurde von einem der Angreifer mit vier Messerstichen verletzt. Die Kanadierin Christine Archibald (30) starb in den Armen ihres Verlobten, nachdem sie auf der London Bridge von den Terroristen mit einem Transporter überfahren worden war. Sie war erst vor Kurzem nach Großbritannien gezogen, um mit ihrer großen Liebe zusammenzuleben. Archibald hatte in einem Heim für Obdachlose gearbeitet. "Sie hatte in ihrem Herzen Platz für jeden", schrieb ihre Familie auf Facebook.

Unter den Opfern befinden sich Einheimische ebenso wie Touristen.

Partystimmung schlug in Horror um
Zur Zeit des Anschlags am Samstagabend waren zahlreiche Touristen und Nachtschwärmer auf der London Bridge und im angrenzenden Kneipenviertel rund um den Borough Market unterwegs, als die Partystimmung abrupt in Horror umschlug. Ein weißer Lieferwagen raste gegen 22 Uhr auf der belebten London Bridge auf einem Bürgersteig in die Menschenmenge. Drei Männer stiegen aus und setzen ihren Angriff mit Messern fort. Der Terror dauerte wenige, ewige Minuten, mindestens sieben Menschen starben, Dutzende weitere wurden verletzt. Dann erschossen Polizisten die drei Angreifer.

"Ich habe diesen Transporter gesehen, der nach links und rechts fuhr, nach links und rechts, um so viele Leute zu erwischen wie möglich", schilderte Augenzeuge Alessandro später dem Sender BBC. "Die Leute haben versucht zu entkommen." Mit hoher Geschwindigkeit fuhr der Wagen - etwa 80 Stundenkilometer schnell, schätzte BBC-Reporterin Holly Jones, die zufällig am Tatort war.

Attentäter teils wie Actionhelden gekleidet
Der Lieferwagen kam schließlich laut einer weiteren Augenzeugin am Geländer der Brücke zum Stehen, anschließend sei ein Mann mit einem Messer herausgekommen und in Richtung einer nahe gelegenen Bar gerannt. Mehrere weitere Zeugen berichteten von einem oder gar mehreren mit Messern bewaffneten Männern, die nahe dem Borough Market wahllos Menschen angegriffen hätten. Am Ende wurden drei Angreifer erschossen. Wie auf Fotos zu sehen ist, hatten sie sich zum Teil wie Actionhelden gekleidet - mit falschen Sprengstoffwesten. Einer der Täter trug ein Trikot des Londoner Fußballklubs FC Arsenal.

"Ein Koch mit Blut auf der Schulter hat mir erzählt, dass drei Leute sein Restaurant mit Messern und Macheten angegriffen haben", berichtete Anwohner Gerard Kavanar. Das Ehepaar Ben und Natalie stand vor dem Lebensmittelmarkt Borough Market nahe der Brücke: "Wir haben Leute wegrennen sehen, und dann habe ich einen rot gekleideten Mann mit einer langen Klinge - schätzungsweise 30 Zentimeter lang - gesehen, der mehrmals auf einen Mann eingestochen hat", schilderte Ben dem Sender BBC. Das Opfer sei zu Boden gesunken. "Dann haben wir drei Schüsse gehört und sind gerannt."

Ausnahmezustand im Ausgehviertel
Binnen kürzester Zeit herrschte in dem Ausgehviertel Ausnahmezustand. Polizeiautos rasten mit heulenden Sirenen vorbei, Straßen wurden gesperrt, in der Luft kreisten zwei Polizeihubschrauber. Auf der Themse nahe der London Bridge lag ein Polizeiboot und suchte das Wasser mit Scheinwerfern ab. In den Bars und Restaurants riefen Polizisten die Besucher auf, sich so gut es geht zu schützen. Freunde stützten sich gegenseitig, viele weinten, während Beamte riefen, sie sollen rennen. Nach dem ersten Notruf dauerte die Hölle weitere acht Minuten - dann waren die Angreifer tot.

Polizei: Attentäter sind identifiziert
Unterdessen hat die Polizei nach eigenen Angaben die drei Attentäter identifiziert. Die Namen würden veröffentlicht, "sobald es die Ermittlungen erlauben", teilte sie am Montag mit. Jetzt gehe es darum herauszufinden, ob die Männer weitere Helfer bei der Planung des Anschlags gehabt hätten. Bei Razzien in den frühen Morgenstunden seien im Osten von London "mehrere Menschen" festgenommen worden. Anti-Terror-Einheiten hätten dort zwei Immobilien durchsucht. Die Ermittlungen würden weiterlaufen. Zuletzt hatte die Polizei von bisher zwölf Festnahmen gesprochen. Mehrere Menschen würden noch verhört, hieß es.

May: Weiterer Anschlag "sehr wahrscheinlich"
Laut Londons Polizeichefin Cressida Dick wurde der verheerende Terror in Großbritannien in den vergangenen Wochen nicht aus dem Ausland gesteuert. Die jüngsten Anschläge hätten "zweifellos" eine internationale Dimension gehabt, der Schwerpunkt liege aber in Großbritannien selbst, sagte Dick. Einen weiteren Anschlag schloss sie nicht aus. Es sei "sicherlich möglich", dass die Angriffe in Manchester und London einen weiteren Anschlag nach sich zögen. Auch Premierministerin Theresa May meinte nach einem Krisentreffen mit Vertretern der wichtigsten Sicherheitsbehörden am Montagnachmittag in London, ein weiterer terroristischer Angriff sei "sehr wahrscheinlich".

IS reklamiert Blutbad für sich
Mit ihrer Rhetorik hätten der die Terrormiliz Islamischer Staat und andere Organisationen Menschen dazu aufgefordert, "mit einfachen Mitteln" die Sache selbst in die Hand zu nehmen, so Dick. Einige Menschen fühlten sich sicher davon inspiriert. Zuvor hatte der IS das Blutbad für sich reklamiert. IS-Kämpfer hätten die Tat ausgeführt, teilte das IS-Sprachrohr Amaq am Sonntagabend im Internet mit. Die Nachricht wurde zwar in der üblichen Form verbreitet, auf Echtheit überprüft werden konnte sie jedoch zunächst nicht.

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