So, 17. Dezember 2017

Patienten beruhigen

04.06.2017 08:38

Missbrauchsopfer will mit Therapiehunden helfen

Der Missbrauchsfall um eine junge Salzburgerin sorgte einst für Schlagzeilen. Jetzt will die Frau anderen Vergewaltigungsopfern helfen.

Viel Ruhe, ihre Hunde - und die Natur. "Das brauche ich", sagt Sabine (Name von der Redaktion geändert), "um seelisch halbwegs im Lot zu sein." Darum hat sie sich in dieser einsamen Gegend in Salzburg angesiedelt. In einem Dorf, mit vielen Wiesen und Wäldern rundum.

Vor den Fenstern ihres Hauses sind die Jalousien heruntergelassen, auch untertags. Vielleicht, weil sie sich dadurch beschützt fühlt, vor der Welt draußen? "Ich habe es einfach satt", erklärt die 27-Jährige, "mich vor irgendwem rechtfertigen zu müssen." Dafür, wenn sie "eine schlechte Phase" hat, an Depressionen und Panikattacken leidet. Weil in ihr plötzlich wieder die Erinnerungen so stark werden, an die grauenhaften Verbrechen, die an ihr begangen worden sind.

Täter blieb dank Fußfessel in Freiheit
2006 war Sabine, damals 16, Hauptzeugin in einem aufsehenerregenden Prozess. Gegen einen Hundetrainer, beschuldigt der Vergewaltigung an ihr und weiteren drei Minderjährigen. Ebenfalls auf der Anklagebank saß seine Ehefrau, unter dem Verdacht der Beitragstäterschaft. Sie wurde im Zweifel freigesprochen, der Mann zu 24 Monaten Haft, davon acht unbedingt, verurteilt. Doch er blieb in Freiheit, mit Fußfessel. Ein schwerer Schlag für die Opfer. "Die Strafe stand in keiner Relation zu dem, was er uns angetan hatte", klagt Sabine.

Späterer Peiniger nahm 14-Jährige bei sich auf
Mit elf war sie, ein Kind aus desolaten Familienverhältnissen, in die Fänge ihres Peinigers geraten. In einem Hundesportverein, wo sie oft mit ihrem Tibet-Spaniel "Bello" war. "Ich konnte so gut mit diesem angeblich so tierliebenden Mann reden." Über ihre Probleme daheim. "Als ich 14 war, bot mir seine Frau an, zu ihnen zu ziehen. Ich willigte überglücklich ein. In geordneten Verhältnissen zu leben, das ist doch mein größter Wunsch gewesen."

Und alles sei ja "prima angelaufen": "Die beiden verhielten sich fürsorglich zu mir. Dadurch merkte ich zunächst gar nicht, wie sehr sie mich von der Umwelt abschotteten. Bloß in die Schule durfte ich gehen." Und langsam begannen die Übergriffe: "Der Mann begrapschte mich, gab mir Zungenküsse." Später musste das Mädchen bei ihm und seiner Gattin im Bett schlafen: "Da kam es dann zu den Vergewaltigungen."

Sabine, haben Sie sich nie gewehrt? "Selten. Weil ich Angst hatte, meine Ersatzeltern zu verlieren." Weil der "Vater" ihr suggerierte, seine Taten wären "Liebesbeweise". "Und weil er mir im Falle eines Verrats mit Mord drohte." Also übte sie sich im Verdrängen. Doch nach einem Jahr Martyrium "gelang es mir nicht mehr, die Realität auszublenden, und ich flüchtete aus dem Haus des Paars". Zu ihrer Mutter.

"Für umfassende Therapie reichte Geld nicht aus"
"Ich wusste nicht, wie ich mit dem Geschehenen fertigwerden sollte. Und vertraute mich einer Freundin aus dem Hundesportverein an. Sie erzählte mir dann, dass sich mein Peiniger auch an ihr und noch ein paar Mädchen vergangen hat."

Anzeigen bei der Polizei, anstrengende Vernehmungen, Beschimpfungen von Bekannten des Beschuldigten, sein Leugnen. Am Ende das milde Gerichtsurteil. Und danach? "Fing ich damit an, mein Trauma zu verarbeiten." Ein wenig mit Psychologen, "für eine umfassende Therapie reichte die mir zugesprochene Entschädigungssumme nicht aus". Besser hätten ihr aber ohnehin "Gespräche mit Frauen, die Ähnliches erlebt haben wie ich", getan: "Weil nur sie wirklich verstehen, welch tiefe Spuren ein sexueller Missbrauch an der Seele hinterlässt."

Assistenzhunde für Trauma-Patienten ausbilden
"Unendliches Mitleid" empfinde sie für die ständig neuen Vergewaltigungsopfer, über die sie in Zeitungen lese, "wie etwa die 15-jährige Tullnerin". Darum hat Sabine jetzt mit zwei Schicksalsgenossinnen einen Verein gegründet, "um anderen Betroffenen in ihrer Not beizustehen". Auf der Webseite des Assistenzhundezentrums wird um Spenden gebeten. "Denn wir wollen", sagt die 27-Jährige, "Hunde kaufen und sie dazu ausbilden, Angstschweiß zu erschnüffeln, damit sie in der Folge beruhigend auf Traumapatienten einwirken können."

Sie selbst mache immer wieder diese Erfahrung: "Wenn ich besonders down bin, spüren das mein 'Bello' und mein 'Dartagnon'. Sie kuscheln sich an mich, und wenn ich sie streichle, fühle ich mich gleich ein bisschen wohler."

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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