Sa, 16. Dezember 2017

Bryan Ferry in Graz

02.06.2017 17:37

Ein Vorbild für alle Pop-Legenden

Mit seinem Auftritt im Grazer Stefaniensaal sorgte Bryan Ferry ohne Zweifel für einen der Höhepunkte im steirischen Konzertjahr 2017. Der 71-jährige Dandy präsentierte sich wortkarg, unaufgeregt und cool wie eh und je. Und er bewies ganz nebenbei, wie man als gestandene Pop-Legende sein Erbe im Alter verwaltet.

Ganz gemütlich geht Ferry den Abend im Stefaniensaal an. Es braucht ein paar Songs, bis der Grandseigneur in Fahrt kommt. Große Hits wie "Slave to Love" gehen in dieser Aufwärmphase ein wenig unter. Doch diese vermeintliche Anlaufschwäche lässt auch eine der großen Stärken von Ferrys Auftritt erkennen: Er nimmt sich und seinen Kultstatus nie übertrieben ernst und ertränkt seine eigene Legende nicht im pathosbeladenen Rückblick. Anekdoten aus "guten alten Zeiten" sucht man vergebens. Zwischen den Songs gibt Ferry sich wortkarg, beschränkt sich auf ein "Thank you" - und die Vorstellung seiner Band.

Diese stellt die zweite große Stärke des Abends dar: Ferry gibt seinen Musikern viel Raum - so steht etwa die famose Saxofonistin Jorja Chalmers mehr als einmal im Mittelpunkt. Das mag auch damit zu tun haben, dass Ferry mit 71 Jahren stimmlich wohl nicht mehr die Ausdauer zum Dauerglänzen hat. Aber es beweist auch, dass er seinen Charme und seine faszinierende Bühnenpräsenz mittlerweile auch aus einer gewissen Contenance ableitet.

Ab der Mitte häufen sich die Höhepunkte
Umso heller strahlt seine Stimme dafür dann, wenn er sie mit voller Wucht einsetzt - etwa in der fantastischen Version von "In Every Dream Home a Heartache", jenem genialen Liebeslied, in dem sich die Angebetete als Plastikpuppe entpuppt. Es ist einer von vielen Höhepunkten, die sich ab der Mitte des Konzerts zu häufen beginnen. Ferry spielt kaum neues Material, sondern neben Coverversionen von Bob Dylans "Simple Twist of Fate" und Neil Youngs "Like A Hurricane" vor allem Roxy-Music-Klassiker wie etwa "More Than This", "Avalon", "Love Is The Drug" oder auch "Virginia Plain". Bei letzterem reißt es dann auch die letzten Besucher im gediegenen Stefaniensaal aus ihren Sitzplätzen, um dem wortkargen Dandy ihren Respekt zu erweisen.

Lektion im Umgang mit der eigenen Legende
Bryan Ferry bedankt sich nach knapp zwei Stunden mit seiner Version von John Lennons "Jealous Guy". Es ist das finale Sahnehäubchen eines wahrlich großen Konzertabends, mit dem Ferry nicht nur seine Fans begeistert, sondern anderen alternden Pop-Heroen auch eine Lektion im Umgang mit der eigenen Legende erteilt: Er jagt nicht den jugendlichen Schatten der eigenen Bedeutsamkeit, sondern dimmt den Scheinwerfer auf das Ego und lässt die Musik glänzen. So wird das gemacht, meine Herren!

Christoph Hartner, Kronen Zeitung

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