Mi, 13. Dezember 2017

Kühe töteten Frau

01.06.2017 06:38

Tiroler Bauer erneut vor Gericht gezerrt

Geld gegen Trauer. Erst stirbt eine Frau auf seiner Alm, jetzt wird Reinhard Pfurtscheller deswegen erneut vor Gericht gezerrt. Das Protokoll eines Mannes, der nicht urteilt.

Mutterinstinkt. Er liegt in den Genen. Er beeinflusst das Verhalten. Von Menschen und Tieren. Eine Frau will ihr Baby beschützen. Eine Kuh ihr Kalb. Letztere hat seit jeher Angst vorm Wolf. Oder vorm Hund - was für die Kuh dasselbe ist. Ein Hund war es auch, der auf meiner Alm eine Tragödie ausgelöst hat.

Sommer 2014: Ich war unten im Tal, als das Handy geläutet hat. Ein Polizist hatte damals angerufen. Er meinte, es hätte einen Unfall gegeben. Oben auf der Weide. Meine Kühe hätten eine Wanderin angegriffen. Ich habe den Leichensack liegen sehen. Das war das Erste, als ich aus dem Auto gestiegen war. Erst dann sind mir die Leute aufgefallen. Sanitäter, Polizisten, Touristen.

Frau wurde von Hörnern und Hufen getroffen
Ein Polizist ist dann auf mich zugekommen, hat mir alles erzählt: Eine deutsche Urlauberin soll mit ihrem Hund auf dem Wanderweg unterwegs gewesen sein. Dann wären meine Kühe auf die Frau zugerannt, hätten den angeleinten Hund angegriffen. Und weil die Frau das Tier - einen Bullterrier - hätte beschützen wollen, wäre sie von den Hörnern und Hufen getroffen worden.

Bei mir ist nach dieser Nachricht eine Art Schockstarre eingetreten. Wie in Zeitlupe habe ich noch einmal zu dem Leichensack geschaut, dann auf die Almwiese. Zur "Beate", zur "Tina", zur "Relke". In aller Seelenruhe haben sie gegrast. Alle in eine Richtung. Auch so ein Instinkt. Und keine Spur von den "Killer-Kühen", wie sie am nächsten Tag von der deutschen "Bild"-Zeitung betitelt wurden.

Haben Sie auch etwas Ungewöhnliches erlebt und können damit anderen Mut machen? Bitte schreiben Sie mir: brigitte.quint@kronenzeitung.at

"Über Schuld habe ich mir nie Gedanken gemacht"
Die Frau war 45 Jahre alt gewesen, verheiratet, Mutter eines bereits erwachsenen Sohnes. Ein Mann hat seine Frau verloren, ein Bursche wurde zum Halbwaisen gemacht. Diese Vorstellung hat mir zugesetzt. Noch am Abend habe ich mich hingesetzt und einen Brief an die Hinterbliebenen geschrieben. So einen Schicksalsschlag wünscht man keinem.

Ich wollte mein Beileid ausdrücken. Weil ich der Bauer bin, auf dessen Alm das Unglück passiert ist. Über Schuld habe ich mir keine Gedanken gemacht. Schon vor Jahren haben wir Warnschilder aufgestellt. Darauf steht auf Deutsch, Englisch und Italienisch, wie man sich dem Almvieh gegenüber verhalten soll. Und dass das Mitführen eines Hundes in der eigenen Verantwortung liegt.

"Ein Gericht hatte mich 2014 von der Mitschuld freigesprochen"
Der Witwer hat mein Schreiben zurückgeschickt. Ungeöffnet. Stattdessen habe ich Post von seinem Anwalt gekriegt. Schadenersatzklage. Es geht um 359.905 Euro für Begräbniskosten, Schmerzensgeld usw. Ein Schlag ins Gesicht. Denn ein Gericht hatte mich 2014 von der Mitschuld freigesprochen. Die Tafeln, hieß es damals, würden nämlich ausreichend über die Gefahren informieren.

An der Unglücksstelle habe ich ein Grablicht aufgestellt. Die Kerze brennt Tag und Nacht. Dazu lege ich oft ein paar frische Blumen. Dass jemand auf meiner Alm sterben musste, das macht mich traurig. Auch wenn ich die Person nicht gekannt habe.

"Der Kläger wirkt auf mich sympathisch, fast nett"
Im Mai war der erste Gerichtstermin. Den Mann, der mich verklagt, habe ich da zum ersten Mal gesehen. Er wirkt sympathisch, fast nett. Ist der Prozess für ihn nur ein Nebenschauplatz? Solange man kämpft, kann man ja verdrängen, wie es einem wirklich geht.

Abwehrmechanismus, auch das ist ein Instinkt. Den kann ich gut nachvollziehen, mich einfühlen. Ähnlich dem Mutterinstinkt meiner Kühe.

TIPPS UND INFOS

  • Rinder sind von Natur aus friedfertige Tiere. Aber der Mutterinstinkt der Kühe ist stark ausgeprägt, und sie verteidigen ihre Jungen aktiv.
  • Egal ob groß oder klein, der Hund wird vom Rind als Feind angesehen.
  • Auf naturfreunde.at sind Tipps rund um den Umgang mit Weidevieh zu finden.
  • Der Staat Österreich rät, die Wanderer mittels "Warnhinweisen" über mögliche Gefährdungen durch Mutterkühe zu informieren.
  • Warnschilder haben bereits für einige Almbauern zu Freisprüchen geführt.
  • Ein Urteil im Fall Pfurtscheller wird Ende 2017 erwartet.

Brigitte Quint, Kronen Zeitung

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