Fr, 15. Dezember 2017

Stadthalle F live

31.05.2017 01:46

Bryan Ferry brachte Stil und Esprit nach Wien

Seit Wochen war die Wiener Stadthalle F restlos ausverkauft, da Artrock- und Roxy-Music-Legende Bryan Ferry der Bundeshauptstadt endlich wieder ihre Aufwartung machte. Knapp zwei Stunden langt präsentierte sich der britische Kultmusiker Dienstagabend als "wohlige Nostalgieschleuder" - wenn sich auch längst nicht alles in absolute Perfektion auflöste.

Die Nostalgie ist der beste Freund des Menschen. Vor allem dann, wenn sie in der Retrospektive golden schimmert und an längst vergessene Tage erinnert, in denen alles noch perfekt war. Die 70er-Jahre bestanden voller solcher Tage. Unbeschwertheit, Aufbruchsstimmung, Revolte, Mut zum Anderssein, Kunstfertigkeit, Experimentierfreude. All das verinnerlichten die Artrock-Legenden Roxy Music rund um den exzentrischen und charismatischen Frontmann Bryan Ferry bis tief hinein in die 80er-Jahre mit brillanter Excellence. Das spacige Kollektiv trotzte den rumpeligen Working-Class-Heros im Punk-Segment ebenso wie den Klangmathematikern im Progressive Rock und erhob die Musik zur Kunstform. Wie keine zweite Band verstanden es Ferry, Andy Mackay, Phil Manzanera und - in den ganz frühen Jahren - auch Brian Eno, dem anspruchsvollen Rock in einen Mantel der Dekadenz zu wickeln.

Solo als Band
Viereinhalb Dekaden später kommt der mittlerweile 71-jährige Dandy Bryan Ferry auf die Bühne, wirkt mit seinem würdig ergrauten Haupt, dem weißen Hemd und dem lässigen Jackett so juvenil und frivol wie eh und je. Was er dem Publikum in der mit knapp 2.000 Fans bereits seit Wochen restlos ausverkauften Wiener Stadthalle F mitbringt, ist nicht etwa ein bunter Strauß aus Hits, Raritäten und Outtakes einer weitumspannenden Karriere, sondern eine herzerwärmende Rückschau auf selige Roxy Music-Tage, die für ein gewisses Stammpublikum niemals enden werden. Seltsamerweise sind Roxy Music aktuell nicht aufgelöst, von den namhaften Mitstreitern ist hier aber nichts zu sehen. Eine sympathische Mogelpackung, wenn man so will, denn mit dieser Setlist hätte Ferry gewiss auch im Gesamtkontext aufkreuzen können.

Derzeit tourt er aber mit seiner neunköpfigen Entourage, die dem großen Meister vielleicht in punkto Charisma, nicht aber bei Rampenlichtqualitäten zurückstehen. Vor allem der Saxofonistin Jorja Chalmers lässt Ferry unzählige Freiheiten zum Solieren, doch auch der dänische Gitarrenjungspund Jacob Quistgaard duelliert sich mit Ferry's langjährigem Weggefährten Chris Spedding auf höchstem Niveau. Dass der Instrumentalfraktion im etwa 110-minütigen Set derart viel Platz eingeräumt wird, hat einen biederen Grund: es geht um die Schonung der Stimme des Chefs. Obwohl sich Ferry körperlich und optisch im 1A-Zustand befindet, ist sein wirkungsvolles Stimmorgan durch Karriere, Lebensstil und Alter zuweilen stark angekratzt. Vor allem im letzten Konzertdrittel bricht dem Briten beim Superhit "More Than This" oder dem schwungvollen "Let's Stick Together" mehrmals die Stimme - dank souveräner Backgroundsänger und eines textsicheren, in Hochstimmung befindlichen Publikums, wird diese Scharte aber so unbemerkt wie möglich ausgewetzt.

Keine Blöße
Für zeitraubende Dinge wie Interaktion verzichtet Ferry nur allzu gerne. Ansonsten könnte er auch keine 27 Songs in dieses kurze Set verpacken, das auf sein starkes aktuelles Soloalbum "Avonmore" überhaupt keine Rücksicht nimmt. Beim großen Nostalgietrip geht es aber auch weniger um Aktuelles, denn um Klassisches. Da macht es auch nichts, dass Ferry mit seinem Block an Solonummern und einem eher gewöhnungsbedürftigem Cover des Neil Young-Kultsongs "Like A Hurricane" zwischendurch etwas aus der Spür gerät. Zu souverän, eingespielt und durchdacht ist das Gesamtbild, um sich wirklich eine Blöße zu geben.

Seine volle Wirkung entfacht Ferry in so manch überraschenden Momenten. Etwa wenn er sich mit Mundharmonika am Bob Dylan-Song "Simple Twist Of Fate" versucht, wenn er mit dem Jahrhundertsong "Avalon" tiefe Gräben der Erinnerung aufreißt und voller Zerbrechlichkeit das morbide, stark im New Wave angesiedelte "In Every Dream Home A Heartache" besingt, und damit für das eigentliche Highlight des Abends sorgt. In Anlehnung an einen berühmten Klassiker wirkte Ferry in Wien tatsächlich "Stronger Through The Years", auch wenn sich gewisse Abnützungserscheinungen nicht mehr verbergen lassen. So war der Auftritt des britischen Kultmusikers vielleicht kein "Ferrytale", aber ein solides Lehrstück in Sachen Liebe zur Musik. Nostalgisch konnotierter Artrock hat eben kein Ablaufdatum. Einen Nachschlag gibt es am 1. Juni im - ebenso restlos ausverkauften - Stefaniensaal in Graz.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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