So, 19. November 2017

„Krone“-Interview

22.05.2017 12:12

Die Amigos: Schlagerstars mit Ecken und Kanten

Die Amigos sind seit 50 Jahren eine Fixkonstante im deutschsprachigen Schlager, haben aber erst vor gut zehn Jahren den breitenwirksamen Durchbruch geschafft. Das Brüdergespann Karl-Heinz und Bernd Ulrich bettet ihr Fans aber nicht nur in textlicher Zuckerwatte, sondern scheut auch nicht vor Sozialkritik zurück. Trotz des krankheitsbedingten Ausfalls von Karl-Heinz spulten Bernd mit Tochter Daniela seine Österreich-Konzerte ab. Wir trafen ihn an einem verregneten Sonntag in der Wiener Stadthalle, um eine außergewöhnliche Karriere zu bereden und dem Erfolgsgeheimnis auf die Schliche zu kommen.

Die Fans in der Wiener Stadthalle F trauten anfangs ihren Augen nicht. Da ist doch nur einer? Kann das wahr sein? Seit mittlerweile 50 Jahren stehen die beiden Brüder Karl-Heinz und Bernd Ulrich gemeinsam auf der Bühne, um ihre Fans mit gehaltvollem deutschen Schlager zu begeistern, doch bei den drei Österreich-Shows in Wien, Salzburg und Wiener Neustadt fiel Ersterer aus gesundheitlichen Gründen aus. "Wir haben sogar gemeinsam gespielt, als ich letztes Jahr aufgrund eines Oberschenkelhalsbruchs mit dem Rollstuhl auf die Bühne gekarrt wurde", verrät uns Bernd noch etwas atemlos in der Pause zwischen den beiden Showteilen, "aber dieses Mal war es einfach unmöglich. Karl-Heinz hat eine schwere Halsentzündung, hing am Tropf und musste mit Schmerzmittel versorgt werden. Anfangs waren die Ärzte optimistisch, doch je näher die Shows rückten, umso unmöglicher erschien sein Auftritt."

Gemeinsam einsam
Um die Fans in Österreich noch frühzeitig über seinen Ausfall zu informieren, dafür fehlte laut dem gesunden Amigo schlichtweg die Zeit. "Wir wollten weder etwas absagen, noch verlegen. Bevor wir spontan ein Schild an die Halle hängen, auf dem 'fällt aus' steht, haben wir beschlossen, dass ich es lieber alleine durchziehe. Viele Fans reisen ja unendlich weit an, können nicht mehr umdisponieren. Es war die einzig logische Entscheidung für uns." Der guten Stimmung tat Karl-Heinz spontanes Fehlen keinen Abbruch, auch wenn das Bruderherz so ganz allein auf einer hervorragend beleuchteten Bühne (die Amigos spielen ohne Begleitband und lassen die Instrumente vom Band kommen) manchmal etwas einsam aussah.

Verstärkung bekam Bernd in Form seiner Tochter Daniela Alfinito, die das Repertoire der Amigos aus der Westentasche vorsingen kann. "Wir haben den Leuten genau erklärt wer sie ist und warum sie dabei ist. Sie ist selbst Musikerin und kennt nicht zuletzt deshalb all unsere Songs, weil sie auf unseren Alben die Chorstimme singt. Wir haben uns schlussendlich für diese Variante entschieden, um die Leute so kurzfristig nicht völlig vor den Kopf zu stoßen." Wer seit 50 Jahren die Bühnen dieser (deutschsprachigen) Welt beackert, den haut so schnell nichts um.

Ehrlichkeit als Trumpf
Kaum zu glauben, dass den Amigos der große Durchbruch erst 2006 gelang, als sie bei der Erfolgsshow "Achims Hitparade" zum "Musikantenkönig" gekürt wurden und von da an einen Preis nach dem anderen einheimsten und beim renommierten ECHO-Award in der Kategorie "Schlager" zu den Dauernominierten zählten. Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk veröffentlichen die Brüder aus dem hessischen Villingen seither Jahr für Jahr ein Studioalbum, touren unermüdlich durch die Lande und erfreuen sich auch in fremdsprachigen Ländern wie Kroatien, Frankreich oder Dänemark größter Beliebtheit. "Die Menschen können unsere Musik eben fühlen", erklärt Bernd, "das Warme der Melodien kann viel bewirken. Mir ist bewusst, dass unsere Musik keine Kunst ist, denn wir geben das wider, was wir fühlen. Du wirst nie von uns hören, dass wir alles in den Himmel loben und auf der Bühne den Kasper runterspielen - wir sind grundehrlich in allem, was wir tun."

Diese Ehrlichkeit schlägt sich längst auch im Umfeld der Amigos wieder. Das treue Team rund um die Brüder ist seit Jahren konstant, auf teure Geschäftsessen wird ebenso verzichtet wie auf edlen Reisekomfort. Manche Langstrecken von Auftrittsort zu Auftrittsort fahren sie auch selbst, was für die Mittsechziger selbstverständlich ist. Mit einem - durch das Internet verselbstständigten Gerücht - räumt Bernd gleich auf. "Wir hören nicht auf! Das war ein totales Missverständnis. Wir lassen nur etwas nach, machen statt 180 vielleicht nur mehr 100 Termine im Jahr. Ein Ende der Amigos ist ein absolutes No-Go, da braucht sich niemand sorgen machen. Ohne Konzerte können wir ja gar nicht."

Keine Tabus
Was die Amigos angenehm von der Konkurrenz hervorheben lässt, ist ihre textliche Ernsthaftigkeit. Wo große Künstler wie Helene Fischer oder Andrea Berg sich bei den Themen Liebe, Lust und Leidenschaft mit großer Begeisterung im Kreis drehen, bricht das Duo gerne aus, um auf sozialkritische Themen hinzuweisen. Schon seit Jahren sind die Amigos Botschafter des "Weißen Ringes" und kämpfen unermüdlich gegen Kindesmissbrauch an - ein Thema, das auch in vielen Songs der Schlagerbarden Einzug gehalten hat. "Manchmal kommen Betroffene nach den Konzerten zu uns und dann kriegst du Geschichten erzählt, wo es dir kalt den Rücken runterläuft. Wenn die Leute merken, dass wir diese Themen nicht tabuisieren und offen ansprechen, haben wir schon viel erreicht."

Manchmal bekommen die Amigos auch Gegenwind für ihr Engagement, schließlich ist kritischer Inhalt im Schlagergenre nicht Usus. "Einige sagen, man könnte solche Texte nicht mit dem Schlager verbinden, aber das ist uns völlig egal. Uns sind und waren schon immer die Fans wichtig und nicht die Kritiker." Dass es bei Amigos-Konzerten nicht zu schwermütig wird, dafür sorgt der richtige Mix. "Mit einem traurigen Lied wird niemand nach Hause geschickt. Manchmal ist der Spagat zwischen ernsten Themen und lockeren Nummern schmal, aber bislang haben wir das immer hingekriegt. Wir sagen einfach, was uns stört. Wir verarbeiten diese Themen in unseren Liedern und unabhängig von Sprachbarrieren können alle Menschen verstehen, worum es uns geht. Die Kinder sind unser größtes Gut - sie zu schützen sollte absolute Priorität haben."

Restlos zufrieden
Wenn es um dieses Thema geht, redet sich Bernd Ulrich in Rage. Aus dem sympathischen Musiker wird ein wetternder Verfechter der Gerechtigkeit, der seine Mission noch lange nicht als beendet sieht. Große Wünsche für die Zukunft hat er mit der Band nicht mehr. "Jeder Wunsch, den ich jetzt stellen würde, wäre unverschämt", lacht er, "was wir in den letzten zehn Jahren erreicht haben, ist phänomenal. Was soll da noch kommen? Wir sind restlos zufrieden." Vor allem, wenn man an die holprigen Anfänge zurückdenkt. "Wir waren Mitte 50, als sich bei uns der Erfolg einstellte. Da musst du schon genau überlegen, ob du deinen Beruf dafür an den Nagel hängst. Mein Chef fragte mich damals, ob ich was getrunken hätte, heute ist er selbst Fan." Und was ist die Magie der Musik und auf der Bühne? "Wir können nicht anders. Andere spielen Schach, Angeln oder Segeln - wir geben Konzerte."

Die nächsten Österreich-Konzerte der Amigos - dann jedenfalls wieder gewohnt als Duo - stehen bereits fest. Am 18. Juli spielen sie auf der Seebühne im burgenländischen Mörbisch, am 19. Juli in der Burgarena Finkenstein in Latschach, bevor es von September bis November verteilt noch einmal auf große Bundesländertour durch ganz Österreich geht. Alle Termine, Infos und Karten gibt es unter www.die-amigos.de.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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