Mo, 20. November 2017

Kunst statt Haft

21.05.2017 08:23

Wie Theaterspielen Gewalttäter bekehrt

Eine S-Bahn in Wien: Ein Obdachloser schläft auf einer Sitzbank. Drei junge Männer bauen sich vor ihm auf, schlagen auf ihn ein, bis dieser zu Boden stürzt. Vor allem ein 19-Jähriger tobt sich aus und drischt mit seinem Gipsarm ins Gesicht des Opfers. Dieses schleppt sich bei der Station Handelskai aus dem Zug. Die Stiefel eines Täters treffen ihn voll im Gesicht. Beim Prozess sagt der Obdachlose: "Ich wäre fast gestorben."

Was nach einer solchen Gewalttat bleibt, ist Fassungslosigkeit. Und relativ milde Strafen für die Angeklagten: Nur acht Monate Haft für den Haupttäter. Doch auch in diesem Fall wurde vom Gericht ein Anti- Gewalt-Training verfügt. Das Ziel: Das Verhalten solcher Schläger grundlegend zu verändern.

"Haft ist die schlechteste Lösung. Einsperren und sonst nix bringt nix", weiß Alexander Haydn, der für die Männerberatung derartige Trainings leitet. Die Kollegen vom Verein Neustart (früher Bewährungshilfe), Klaus Priechenfried und Erich Leputsch, assistieren: "In der Haft passiert auch viel Gewalt, und viele kommen schlechter raus, als sie reingegangen sind."

"Zuschlagen fühlt sich für den Täter gut an"
Die Motive von derart abscheulichen Gewalttaten sind vielschichtig: Manche erleben schon in ihren Familien Gewalt als adäquates Lösungsmittel. Sehr wichtig, so Haydn, ist auch das Umfeld eines Täters: "Wenn in der Clique Gewalt als Mittel der Durchsetzung anerkannt ist, ist das ein großer Anreiz. Zuschlagen fühlt sich für den Täter zunächst ja gut an, es entspannt, und das Lob der Freunde ist ihm gewiss."

"Gewalttaten sind so etwas wie eine Währung", erklärt Erich Leputsch. "So wie die Währung das Wirtschaftsverhalten strukturiert, ist Gewalt ein Mittel, um Strukturen und Rangordnungen in Gruppen festzulegen. Zum Beispiel in Gefängnissen. In dem Moment, in dem ein neuer Häftling die Zelle betritt, entscheidet sich, ob er Opfer oder Täter ist. Und viele entscheiden sich lieber für die Rolle des Täters."

 Neue Trainingsmethode soll Schlägern die Augen öffnen
Aus diesem Teufelskreis herauszukommen, andere Konfliktlösungen in Betracht zu ziehen, ist das Ziel eines Anti-Gewalt-Trainings. Bei Rollenspielen ähnlich wie in einem Theater können die Klienten verschiedene Positionen einnehmen, zum Beispiel auch die des Opfers oder eines Zeugen. Eine sehr lehrreiche Erfahrung. Letztlich werden anhand von praktischen Beispielen Alternativen erarbeitet. Was hätte es im konkreten Fall für eine andere Lösung gegeben? Erich Leputsch: "Ein Klient hat zum Beispiel zugeschlagen, weil einer seiner Freundin nachgepfiffen hat. Wir haben ihm gesagt: 'Sei doch stolz darauf und geh weiter.'"

Hinhauen ist die schlechteste aller Lösungen
Anderer Fall: Wenn ein alkoholträchtiger Streit in einem Lokal der Auslöser für eine Gewalttat war, kann die Lösung lauten: Geh, bevor es eng wird, trink drei Bier und nicht sieben. Den Klienten muss letztlich klar sein: Hinhauen ist bei Abwägung aller Vor- und Nachteile die schlechteste aller Lösungen.

Die Trainer sind überzeugt: Abgesehen von der unveränderbaren jahrtausendealten genetischen Vorbestimmung, die Männer eher aggressives und Frauen eher depressives Verhalten zuweist, ist bei Tätern viel zu verändern. Zum Wohle aller, die in der Zukunft zu Opfern geworden wären.

Peter Grotter, Kronen Zeitung

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