Mo, 20. November 2017

„Krone“-Interview

16.05.2017 14:03

Sleaford Mods: Englands wütendste Stimme

Noel Gallagher oder Paul Weller tun nur so - doch Jason Williamson und Andrew Fearn sind die wahre wütende Stimme ihres Landes. Als stilistisch undefinierbares Dada-Duo Sleaford Mods bringen die Raubeine aus dem kühlen Nottingham eine ständig steigende Anzahl von Fans seit knapp zehn Jahren nicht zur zum kollektiven Auszucken, sondern auch zum Nachdenken und Reflektieren. Die poetisch verpackten Texte über das untergehende Großbritannien werden mit repetitiven Beats hinterlegt. Zwei Mittvierziger müssen die Arbeit der Generation Instagram erledigen und kämpfen gegen das Establishment. Auch bei uns im ausführlichen Interview.

"Krone": Der "Guardian" hat euch unlängst als "the voice of zero-hour-Britain" bezeichnet. Seid ihr das Sprachrohr für all die Dinge, die in Großbritannien derzeit danebengehen?
Jason Williamson: Das hinkt etwas, denn wir sind weit länger unterwegs als es die derzeitigen Probleme in unserem Land gibt. Wir sind sicher ein Resultat aus den Verfehlungen der Regierung, aber nicht nur aus den aktuellen.
Andrew Fearn: Die Dinge wiederholen sich. Immer wieder werden dieselben Fehler von unterschiedlichen Personen gemacht. So etwas muss mich als Musiker prägen.

Eure Songs werden auf der Bühne sehr intensiv mit viel Wut und Aggression wiedergegeben. Ihr geht beide steil auf die 50er zu - sollten nicht 20- bis 30-Jährige diese Wut auf das Establishment und politische Verfehlungen herausschreien?
Williamson: Die Leute in diesem Alter sind sicher auch wütend und aggressiv.
Fearn: Nur weil die Jüngeren derzeit nicht so laut aufstampfen bedeutet das nicht, dass sie nicht an die richtigen Dinge glauben und das Richtige sagen.
Williamson: Die Wut ist heute anders kanalisiert. Sie kommt nicht mehr so direkt und geradlinig aus den Leuten heraus.
Fearn: Vielleicht ist das sogar positiv, denn dadurch, dass die Menschen fokussierter wirken, können sie mehr bewirken. Wut ist so oft außerhalb jeder Kontrolle und die jungen Menschen haben sich mittlerweile gut unter Kontrolle. Ich habe einen guten Kumpel, der ist immer verwundert, wenn sein Teenagersohn in prekären Situationen auf ein Bier geht. Wir wären in dem Alter an die Decke gegangen.

Man hat vielfach aber doch das Gefühl, dass vielen jungen Menschen ein feines Bild vom Mittagessen auf Instagram wichtiger ist als politisches Interesse und eine sozialkritische Haltung.
Williamson: Das ist immer schwierig zu erklären, weil man zu schnell pauschalisiert. Es gibt junge Menschen, die ein politisches Bewusstsein haben und genauso Leute in unserem Alter, die nur auf Instagram abhängen.
Fearn: Man kann das auch positiv sehen. Die jungen Menschen haben mehr Ahnung davon, wie man sich weltweit vernetzt. Ich konnte mir als Zwölfjähriger keine Freunde in Kanada machen, weil ich noch kein Internet hatte. Wut entsteht aus Unwissenheit und die jungen Leute haben viel mehr Zugang zu Informationen und Wissen - vielleicht geht die allgemeine Wut auch deshalb zurück. Jasons Texte drehen sich um Alltagsprobleme, die jeden mehr oder weniger betreffen. Da geht es nicht um komplexe Themen. (lacht)

Einen eurer aktuelleren Facebook-Posts habt ihr mit "Fuck England" signiert. Verspürt ihr eurer Heimat gegenüber eine Hassliebe?
Williamson: Derzeit ist die Beziehung zu England furchtbar. Wenn du an unser Land denkst, denkst du weniger an kreative Subkulturen, sondern mehr an eine gelähmte Regierung. Für mich besteht England derzeit aus der Regierung und der Royal Family und das ist alles scheiße.
Fearn: Ich habe die Vorstellung von einem England als kulturellen Weltführer. Als Land, wo sich Kreative entfalten können. In England konnte jeder Mensch aus jedem Land eine Karriere machen, aber die Konservativen wollen das auf Biegen und Brechen verhindern und katapultieren uns in der Zeit zurück. Sie hängen in der Vergangenheit fest und wollen sie wieder heraufbeschwören, das kann nicht mehr funktionieren.
Williamson: Die Tories sind mittlerweile wie aufgelöst, diese Partei hat überhaupt keine Inhalte. Sie wollten die Macht zurück und haben keine Ahnung, was sie damit tun sollen. Sie sind ein dreckiger Haufen Fotzen, einfach widerlich. Sie verzerren und fälschen Wählerströme und versuchen alles, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das ist so enervierend, aber noch viel enervierender ist, dass die Leute darauf reinfallen.

In Kürze wird neu gewählt - gibt es die Chance auf einen Turnaround?
Williamson: Ich glaube nicht, die Tories werden sicher an die zehn Jahre regieren. Ich wünschte, ich würde mich irren, aber die Leute sind nicht bereit, das so schnell zu ändern. Viele junge Menschen werden dieses Mal gegen die Tories wählen, aber es wird wohl nicht reichen.
Fearn: Bei der Wahl damals haben so viele junge Menschen nicht gewählt, die den Unterschied ausgemacht hätten. Damit müssen wir jetzt leben. Es ist keine leichte Frage. Als ich so jung war, war Politik auch nicht auf meinem Radar. Es hat mich schlichtweg nicht interessiert. In England kannst du schon mit 16 wählen und in dem Alter interessiert dich alles andere, aber nicht das politische Parkett. Vielleicht sollte man überlegen, ob das das richtige Wahlalter ist? Wer weiß...

Ihr spielt speziell in Europa viele ausverkaufte Shows. Glaubt ihr, dass sich die Menschen in anderen Ländern mit euren Inhalten identifizieren können?
Williamson: Ich denke schon, weil die Probleme vielleicht anders, aber doch ähnlich sind. Die Musik ist sowieso universell und kann überall verstanden werden. Egal, ob du sie Post-Punk, Electro oder Hip Hop nennst - es geht um die Songs und wenn die gut sind, werden die Menschen darauf reagieren. Wir machen Musik nicht als reine Ursache aus der Politik, sondern schon aus Liebe zur Musik selbst.
Fearn: Wir machen nichts Künstlerisches, wenn du verstehst was ich meine.
Williamson: Ich habe auch keine Ahnung, was wir eigentlich tun, aber wenn wir es tun, dann kommt immer ein Song dabei heraus. Wir lassen keine Scheiße in unsere Musik, wir filtern sehr stark schlechte Ideen heraus und brauchen lange, bis wir mit unseren Songs happy sind. Wir haben einen Traumjob und nehmen ihn erst. Wir erzählen viele Wahrheiten und die Leute werden damit gerne bestätigt.
Fearn: Diese ganzen Gitarrenbands da draußen sind fast alle langweilig. Sie versuchen die junge Generation zu erreichen, kopieren aber meist nur bereits Dagewesenes und sind einfach fad. Da ist nichts dahinter. Es gibt so viele Menschen, die Musik revolutionierten, aber warum versucht das heute keiner mehr. Ich will keine Namen nennen, aber es ist offensichtlich, dass sich ganz viele Künstler nur darauf ausruhen, die wahren Innovatoren zu kopieren. Auch diese Political Correctness, die vor allem im Internet stattfindet... Wenn jemand ein Volltrottel ist, warum darf man ihn nicht mehr Volltrottel nennen?

Euren großen Durchbruch hattet ihr 2015 einerseits mit eurem Album "Key Market" und andererseits, weil ihr mit The Prodigy den Song "Ibiza" aufgenommen habt. Hat euch die steigende Popularität als Menschen verändert?
Williamson: Wir sind ein bisschen glücklicher heute. (lacht)
Fearn: Wir sind jedenfalls nicht satter geworden. Du merkst bei so vielen Künstlern, dass sie mit steigenden Erfolg satter und ungefährlicher werden, aber wir machen immer noch dieselben Songs mit derselben Attitüde wie vor fünf Jahren. Am Ende geht es um gute Songs mit guten Inhalten und das sollte sich nicht ändern. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir uns nicht ändern mussten und auch unsere Vertrauenspersonen noch immer da sind. Wir wollen keine lahmen Fans, die dabei zusehen, wie wir unseren Fokus verlieren. Es ist aber niemand davor gefeit, auf einem Magazincover zu landen, daran gefallen zu finden und das immer zu wiederholen.

Seid ihr auch stolz darauf, dass euer Publikum durchaus einen Sinn für eure Inhalte hat und sich mit den Texten kritisch auseinandersetzt?
Fearn: Wir haben wirklich intelligente und reflektierte Fans, die sich mit uns auseinandersetzen. Es gibt auch viele Fans, die nicht zuhören und einfach "lalala" mitsingen. Das ist auch okay für mich, ich will keinen attackieren. Jeder zelebriert seine Musik anders. Wir müssen uns als stehen und Mist verzapfen. Heute spricht weltweit fast schon jeder etwas Englisch, die Leute verstehen uns. Das liegt wohl auch daran, dass schon so viele Menschen England verlassen haben aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit. (lacht) Oder wegen der hohen Steuern - ein Zeichen der Zeit.

Ist es ehrlich, wenn ihr mit eurer steigenden Popularität über Niedriglöhne, Arbeits- und Perspektivenlosigkeit in England singt?
Fearn: Ich denke schon, denn wir kennen alle Lagen. Ich finde diese Anschuldigung sogar gemein, denn mehr Erfolg zu haben ist nichts Falsches. Wir machen keine Fehler, nur weil uns mehr Leute hören, wir sind immer noch die gleichen Typen.
Williamson: Wir haben viele Jahre hart gearbeitet und wir werden auch in Zukunft unsere alten Songs singen, die uns viel bedeutet haben, auch wenn sich vieles ändert. Das sind unsere Gedanken und zu dieser Grundeinstellung werden wir immer stehen.
Fearn: Die meisten Bands, die anfangs Musik machen, sind sehr einzigartig. Es sind die Manager mit ihren Marktanalysen, die aus vielversprechenden Bands marketingtaugliche Puppen formen. Man muss sich als Musiker seine Freiheit erarbeiten und um die Identität kämpfen. Und das tun wir nach wie vor.

Ihr prangert auch Typen wie Noel Gallagher oder Paul Weller ziemlich offensiv an, weil ihr sie für faul und übersättigt hält. Das finde ich insofern interessant, als dass heute kaum mehr jemand klar ausspricht, was er sich denkt. Schon gar nicht im Musikbusiness, dem die Gefährlichkeit immer mehr abhandenkommt.
Fearn: Die Leute fürchten sich, ihre Gedanken auszusprechen und somit wird alles immer langweiliger.
Williamson: Es wird von dir als Musiker heute erwartet, dass du nach der Norm lebst. Warum sollte man nicht einmal klar sagen, was man von jemanden hält und ihn kritisieren? Die Frage über das Richten von Menschen stellt sich schon seit Jahrhunderten. Wie weit darf man gehen? Was ist noch in Ordnung?
Fearn: Die Comedians haben Musikern längst die Gefährlichkeit abgenommen. Wenn du dir die Comedy-Shows in den USA oder England ansiehst, dann sind sie seit zehn Jahren der Rock 'n' Roll. Es gibt welche, die sind bissiger und witziger als jede Band, die das mühevoll mit ihren Texten versucht. (lacht) Sie bringen Menschen zum Nachdenken und provozieren, das ist den Musikern abhandengekommen.
Williamson: Man sollte eine Meinung haben, jeder von uns. Warum auch nicht? Hirnlose Idioten gibt es schon genug, aber wenn du konstruktiv und ehrlich zu dir bist, dann raus mit der Sprache. Viele Bands verdienen das auch in dieser Drastik. Sie sind stereotypisch, konservativ und stinklangweilig.

Diese Übersättigung und langweilige Einstellung geht sehr oft Hand in Hand mit den Erfolgen von Bands. Wie könnt ihr denn verhindern, irgendwann selbst so zu werden?
Williamson: Sei ehrlich zu dir selbst und denke nach, was du tust. Lass dich nicht mit der Idiotie des Erfolgs mittragen.
Fearn: Jeder, der auf Biegen und Brechen versucht erfolgreich zu sein, scheitert ohnehin glorreich. Die Alben sind dann richtig schlecht und alles ist aufgesetzt und erzwungen. Es ist so, als ob bei den Menschen plötzlich etwas in der Luft wäre, dass sie dazu bringt, dem Mainstream nachzulaufen. Das machen Politiker wie Donald Trump oder Nigel Farage nicht anders. Für mich ist das so eine Art Freddy Krueger-Syndrom - niemand außer ihnen selbst sollte existieren. (lacht) So kommt das rüber und das ist in jedem Land dasselbe. Du hast überall diese Typen, aber es wird Zeit, dass die Menschen aufwachen und das verstehen.

Musiker oder Leute aus dem Entertainment erreichen junge Menschen viel eher als Politiker selbst, die sich mit den Problemen der Jungen gar nicht mehr identifizieren können…
Williamson: Das ist leider richtig. Sie kleben in ihren Sesseln, bis sie mit fetten Pensionen daraus entlassen werden, das ist die traurige Wahrheit.
Fearn: Aber die Frage ist auch - sollte ein Premierminister ein Rockstar sein oder lieber eine farblose Person, die ein wirtschaftliches Verständnis hat? Da präferiere ich Zweiteres, weil ich mich dann besser aufgehoben fühle. Wenn ein 16-Jähriger wählt, wählt er meist den Schönsten, weil er sich zu wenig für Inhalte interessiert.

In euren Songs schwingt aber auch sehr viel britischer Humor mit - integriert ihr ihn absichtlich, um mit euren Botschaften nicht zu depressiv oder schwermütig rüberzukommen?
Williamson: Wenn du allzu ernst vorgehst, dann kommt deine Botschaft nicht an. Ein bisschen Humor muss immer sein und wir lieben Humor. Lustige Dinge inspirieren mich sehr, auch wenn das nicht immer so wirkt. (lacht) Eine Botschaft kannst du auch mit Humor rüberbringen, du musst sie nur richtig ausdrücken.
Fearn: Mit Humor erreichst du die Menschen leichter und bleibst stärker in ihren Köpfen verhaften. Ich habe selbst sehr lange "gemeine" Bands wie Sepultura gehört, die auch wertvolle Inhalte haben, aber keinen Sinn für Humor. (lacht) Ich mochte das eine Zeit lang sehr gerne, aber irgendwann realisierst du, dass dich diese Attitüde nicht mehr nachhaltig erreicht. Selbst wenn wir wütend sind, sind die Auftritte am Ende große Partys, weil die Stimmung einfach immer gut ist. Das ist auch der Grund, warum es Rockbands gibt - weil sie Seriosität mit Humor vermischen. Ein gutes Beispiel sind die Pissed Jeans. Es geht um das Event, nicht rein um die Message. Sie sind einfach nur eine Band, aber am Ende jeder Show sind sie schweißüberströmt und jeder Besucher weiß, dass alles gegeben wurde. Genau das ist deine Aufgabe als Band.

Ihr beiden arbeitet seit mittlerweile fünf Jahren zusammen. Was macht eure künstlerische und auch persönliche Beziehung zueinander so speziell?
Fearn: Unser größter Vorteil ist, dass wir musikalisch sehr breit aufgestellt sind - wir beide hören die unterschiedlichsten Arten von Musik. Die Engstirnigkeit haben wir in den jungen Jahren zurückgelassen und weil wir uns auf Diversität einlassen können, sind wir auch anders als alle anderen. Wenn du in deinen Teen-Jahren bist, dann hörst du wochenlang nur ein einziges Album. Das ist wichtig für die persönliche Prägung, aber ab einem gewissen Alter nicht mehr vorstellbar. Mit dem Alter hört man Musik anders und offener. Zumindest die meisten. (lacht)

Wie sollen eure Fans die Sleaford Mods wahrnehmen? Was wollt ihr für die Menschen ausstrahlen?
Williamson: Kommt einfach und genießt es. Und wenn es euch gefällt, dann lasst die Sau raus.
Fearn: Das ist eure Nacht und nicht unsere. Wir haben viele Fans, die gar nicht so massiv in der Musikszene verankert sind und für die ist eine Sleaford Mods-Show meist ohnehin besonders. Oder wenn man einfach Fanboy ist, was ich gut verstehen kann, denn mir ging es mit den Pissed Jeans unlängst gleich. (lacht) Es ist schön, wenn Künstler und Fans sich finden und Spaß haben. Ich finde es interessant, wie man berühmt gemacht wird. Wir waren schon bei Gigs, wo ich vor der Show rausspaziert bin, um mir eine Limo oder ein Sandwich zu holen und der Promoter war völlig schockiert darüber, dass ich in die Öffentlichkeit gehe. Ist doch scheißegal - ich fahre ja nicht mit einer Limousine und heruntergelassenen Fenstern vorbei wie Prince. (lacht) Es ist am Ende immer dasselbe - auch mit echten Berühmtheiten - du triffst sie und nach zwei Minuten sind sie ohnehin gleich wie jeder andere. Personenkult ist unnötig.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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