So, 22. Oktober 2017

Ein kleines Wunder

15.05.2017 09:24

„Plötzlich hat sie ‚Mama‘ geflüstert“

Eine Welt der Stille. Christines Tochter kann weder hören noch sprechen. Nach einer OP geschieht das Undenkbare. Das Protokoll eines kleinen Wunders.

"Gute Nacht, mein Sonnenschein, heute war der Tag so fein. Machst jetzt deine Äuglein zu, sitzt schon bald im Träumezug." Dieses Schlaflied habe ich mir selbst ausgedacht. Schon als ich schwanger war, habe ich mich darauf gefreut, es meiner Tochter vorzusingen. Dann ist sie auf die Welt gekommen - und konnte keinen Ton davon hören. Helena ist taub.

Am Anfang habe ich gehofft, dass das Testgerät kaputt ist. Auch nach der dritten Untersuchung beim Ohrenarzt wollte ich die Diagnose noch nicht wahrhaben. Wirklich begriffen habe ich ihre Behinderung erst bei einem Spaziergang. Ich hatte meine Tochter im Kinderwagen herumgeschoben. Sie schlief. Dann haben Bauarbeiter begonnen, mit einem Presslufthammer die Straße aufzubohren. Das Rattern hat so einen Lärm gemacht, ich bin zusammengezuckt vor Schreck. Und Helena? Sie hat weitergeschlafen, als wäre sie in Watte gehüllt.

Helena legte oft ihre Hand an meinen Hals
Helena hat weder reagiert, wenn jemand eine Tür zugeknallt hat, noch wenn ein Feuerwehrauto mit heulender Sirene vorbeigefahren ist. Für mich als Mutter war das kaum zu ertragen. Ich wurde traurig, wenn im Frühling die ersten Vögel gezwitschert oder die Nachbarsbuben beim Fußball gejubelt haben - denn meine Tochter hat nichts von alledem mitbekommen. Auch musste ich mich damit abfinden, dass Helena nie "Mama" sagen wird. Denn ein Kind kann nur sprechen lernen, indem es das nachahmt, was es hört. Mein Gute-Nacht-Lied habe ich ihr trotzdem vorgesungen. Abend für Abend. Sie hat dann ihre Hand an meinen Hals gelegt, um die Vibrationen meiner Stimme zu spüren.

Habe ich in der Schwangerschaft etwas falsch gemacht? Diese Frage stellte ich mir oft. Ich hatte weder geraucht noch getrunken, viel Gemüse gegessen, alle Vorsorge-Checks absolviert. Komplikationen gab es auch nie. Die Mediziner im Spital stuften Helenas Gehörlosigkeit ohnehin als klassischen Gen-Defekt ein. Sie waren es auch, die das Thema Operation und Hörprothese ins Spiel gebracht haben. Zuerst habe ich gezögert. Seit Helenas Geburt hatten wir zwei, drei Arzt-Termine pro Woche. Dazu kamen Frühförderung und Logopädie. Das war Stress pur für die Kleine. Und jetzt sollte sie auch noch einen Eingriff über sich ergehen lassen, bei dem ihr Schädelknochen angefräst wird. Nur so kann das Implantat nämlich eingesetzt werden. Eine Horror-Vorstellung für mich.

Natürlich habe ich doch zugestimmt. Was wäre mir anderes übrig geblieben? Die OP war schließlich Helenas einzige und vielleicht letzte Chance auf ein normales Leben. Mittlerweile ist über ein Jahr vergangen. Zunächst hatte sich durch die Hörprothese rein gar nichts an Helenas Zustand geändert. In ihrem Gehirn mussten sich erst jene Synapsen entwickeln, die Schall in Töne umwandeln.

Helena hat gequietscht vor Freude
Ziemlich genau an ihrem zweiten Geburtstag im Jänner ist sie fasziniert im Bad gestanden. Da hat sie zum ersten Mal dem Tropfen eines Wasserhahns gelauscht. Später habe ich eine Spieluhr aufgezogen - sie hat gequietscht vor Freude. Vorgestern hat mich Helena vor dem Einschlafen am Arm berührt und "Mama" geflüstert. Ich habe geweint beim Singen. "Gute Nacht, mein Sonnenschein, heute war der Tag so fein. "

Tipps und Infos

  • Helena trägt ein Cochlea-Implantat. In ihr Innenohr wurden Elektroden eingesetzt. Ein Mini-Mikrofon leitet die Geräusche in die Hörschnecke. So wird der Nerv elektrisch stimuliert, das Gehirn erkennt den Schall.
  • Ein bis zwei von 1000 Neugeborenen kommen mit einer Hörbeeinträchtigung auf die Welt. Betroffene, die vor dem 18. Lebensmonat ein Implantat bekommen, können als Dreijährige wie normal hörende Kinder sprechen.
  • Homepage der Österreichischen Schwerhörigen Selbsthilfe.

Kronen Zeitung

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