Do, 23. November 2017

„Krone“-Interview

10.05.2017 13:59

Mando Diao: In alter Freundschaft zurück

Nur wenigen neuen Rockbands gelang nach dem Millennium der große Durchbruch - die Schweden von Mando Diao haben es geschafft und mit mehreren Referenzwerken zwischen Garage Rock, Alternative und Pop-Zitaten die europäischen Charts zu erklimmen. Nach dem Flop "Aelita" kehren Björn Dixgård und Co. mit "Good Times" wieder fulminant zurück. Wir trafen drei Fünftel der Band, um an einem regnerischen Frühlingstag über die überstandene Midlife-Crisis, den Abgang von Frontmann Gustaf Norén und echte Freundschaft zu sprechen.

Im November 2014 war der Bogen endgültig überspannt. Als die schwedischen Rocker Mando Diao im passabel gefüllten Wiener Gasometer in Togen auf die Bühne stolzierten und mit wabernden Synthie-Sounds im Hintergrund den visuellen Hedonismus zelebrierten, leerte sich die Halle merklich. Es war der offensichtliche Tiefpunkt eines gescheiterten Experiments, die Konsequenz einer musikalischen Midlife-Crisis, die das Quintett in eine klangliche Sackgasse führte. "Dass wir es dort ein bisschen übertrieben haben, das will ich gar nicht abstreiten", erklärt Drummer Patrik Heikinpietri im Interview mit der "Krone", "vom heutigen Standpunkt aus würde ich sagen, wir sollten nicht mehr zu dieser Phase zurückkehren, aber sie gehörte einfach zu unserer Geschichte dazu."

Suche nach Erfüllung
Das ein halbes Jahr davor veröffentlichte Studioalbum "Aelita" war der Wegbereiter für die künstlerische Gratwanderung der Band. Nach dem Megaerfolg von "Give Me Fire!" 2009 suchten Mando Diao nach Herausforderungen. Ihre Erfüllung fanden sie zunächst im schwedischen Album "Infruset" und danach beim 80s Dancefloor-Disco, was nicht wenige Fans bis ins Mark erschütterte. Sänger Björn Dixgård steht nach wie vor zum stilistischen Ausritt. "Jedes Album ist ein Schritt aus der Komfortzone. Wir sind Musiker und keine Raketenwissenschaftler. Damals hatten wir eine klare Vision, wie wir 'Aelita' akustisch und visuell umsetzen wollten - es war das richtige Album zur richtigen Zeit."

Bei der Reflektion dieses Projekts mussten aber auch die erfolgsverwöhnten Mando Diao einsehen, dass man im hart umkämpften Musikbusiness nicht mit jeder Veränderung durchkommt. Im Juni trennten sich die Band und Frontmann Gustaf Norén, was zuallererst einmal Zweifel am Fortbestand aufwarf. "Anfangs haben wir schon über einen Schlussstrich gesprochen, denn sein Abgang war ein großer Schock für uns", erläutert Heikinpieti, "er war ein essenzieller Bestandteil der Band. Wir haben uns aber zusammengesetzt, alles durchbesprochen und entschieden, weiterzumachen." Was den Rest der Band samt Neuzugang Jens Siverstedt nur noch näher zusammenrücken ließ. "Wir hatten damals eine Phase, wo wir mehr Kollegen als Freunde waren", erinnert sich Gründungsmitglied Carl-Johan Fogelklou, "es war eine Art von panischer Zeit, aber wir haben sie durchtaucht, uns wiedergefunden und sind jetzt bessere Freunde als je zuvor."

Mannschaftliche Geschlossenheit
Das Manifest dieser Freundschaft ist das neue Album "Good Times" und führt Mando Diao tatsächlich wieder zurück in die erfolgreichen Zeiten, als eindringliche Vocals und zündende Gitarren dominierten und der affektierte Disco-Pop noch nicht einmal eine Kopfgeburt war. Um die Gemeinschaft in der Band zu zelebrieren, waren erstmals alle Mitglieder am Songwriting beteiligt. Die beste Idee gewann. Völlig egal, wer sie in die Welt setzte. "Eigentlich haben wir schon immer so gearbeitet, aber Björn und Gustaf stachen eben stets hervor", erläutert Heikinpieti, "mit dem neuen Album wollen wir allen zeigen, dass wir eine gleichwertige Band sind - auch wenn es einen Sänger gibt, der im Rampenlicht steht."

"Good Times" spiegelt die verschiedensten Facetten des Lebens wider. So ließ sich die Band am Frontcover einen märchenhaft-glitzernden Garten Eden zeichnen, während sich am Backcover eine brennende Stadt in die Düsternis der harschen Realität schmiegt. "Die Botschaft lautet, dass man auch in schwierigen Zeiten das Beste herausholen kann und muss. Die Realität ist oft dunkel und wenig Hoffnung verheißend. Aber es liegt an uns Menschen, diese Welt mit unserem Optimismus besser zu machen. Wir haben Gut und Böse abgebildet und diese Grundthematik kann jeder für sich selbst in Relation setzen."

Keine Nuklearangriffe
Die politisch/sozialkritische Keule schwingen Mando Diao auf ihrem beschwingten Rockalbum nicht, vielmehr sind Songs wie "Break Us", "Hit Me With A Bottle" oder "Brother" von persönlichen Erlebnissen geprägt. "Ich stehe dazu, dass ich Donald Trump furchtbar finde, aber deshalb muss ich keinen Song über ihn schreiben", erklärt Heikinpieti, "mir würde auch das Wissen fehlen, um einen profunden Song über Nuklearangriffe oder dergleichen zu schreiben. Wenn du politisch wirst, musst du gut bewandert sein, sonst tappst du in offensichtliche Fallen und dieser Gefahr wollen wir uns nicht aussetzen."

Das neue Selbstvertrauen steht in Form von "Break Us" ganz am Anfang des Albums. Nur wenige Bands trauen es sich zu, eine derart schwermütige und intensive Ballade als Einleitung in das eigene Schaffen zu platzieren. Für Fogelklou ein logischer Entschluss: "Auch die Hip-Hop-Künstler steigen meist mit etwas Skurrilem oder Unerwarteten ein, bevor das Album richtig Fahrt aufnimmt." Für die noch am ehesten an altes "Aelita"-Material gemahnende Single "Shake" ließ man sich im Video vom Profi-Football-Team "Stockholm Mean Machines" in die Mangel nehmen und Sänger Dixgård entdeckt dabei sogar den Gospel in seiner Stimme. "Janis Joplin, Joe Cocker, Al Green oder James Brown haben meine Kunst schon immer geprägt. Dieses Mal habe ich mich getraut, diese Idee durchzuziehen."

Immer 100 Prozent
Mit den brandneuen Songs und dem zurückgekehrten Selbstvertrauen an die eigene Stärke geht es für Mando Diao Ende Juni zum Wiener Donauinselfest. Dixgård verspricht dem Publikum Großes: "Vor etwa drei Jahren hat mir ein Freund von mir nach einem Konzert klipp und klar gesagt, dass es nicht gut war. Er meinte, es wäre ersichtlich gewesen, dass wir nicht 100 Prozent gegeben hätten. Das wird unter Garantie nie wieder passieren. Eine Show war dann gut, wenn wir uns danach an nichts mehr erinnern." Fogelklou fügt lachend an: "Wie schon euer Arnold Schwarzenegger sagte: 'Es fühlt sich an wie Sex, während ich meine Muskeln trainiere.'" Dieses Mal auch ganz ohne Togen und dekadenter Midlife-Crisis…

Mando Diao sind live am 24. Juni auf dem Wiener Donauinselfest zu sehen. Alle weiteren Infos unter www.donauinselfest.at.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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