Di, 12. Dezember 2017

Forscher prophezeit:

08.05.2017 12:41

Die Robo-Revolution macht uns zu "VR-Zombies"

Roboter und Künstliche Intelligenzen sind in vielen Branchen drauf und dran, den Menschen die Arbeit wegzunehmen. Schon in wenigen Jahrzehnten, glaubt der Historiker und Zukunftsforscher Yuval Noah Harari, werde es eine "nutzlose Klasse" von Menschen geben, die nicht mehr am Erwerbsleben teilnehmen kann. Aber was werden diese Leute dann tun? Und wovon werden sie leben?

Mit seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" hat Harari sich weltweite Anerkennung als Historiker gesichert, in seinem neuen Werk "Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen" widmet er sich nun der Zukunft. Und die ist für Menschen, die dem Motto "Arbeit macht das Leben schön" anhängen, nicht rosig.

Wie Harari in einem Gastbeitrag für den "Guardian" darlegt, werden angesichts der Robo-Revolution immer weniger Menschen Arbeit haben. Zuerst werde es Fabrikarbeiter treffen. Ihre Jobs werden von Robotern übernommen, die wiederum neue Wirtschaftsfelder schaffen - etwa das Berufsbild des Virtual-Reality-Weltenbauers. Doch nicht jeder hat die Kreativität, um so einen Beruf auszuüben, überdies wird auch der VR-Weltenbauer womöglich schon nach zehn Jahren wieder von Computern ersetzt, die seine Aufgabe ebenso gut erfüllen können.

In 33 Jahren kommt die "nutzlose Klasse"
Spinnt man diesen Gedanken weiter, werde es wohl schon ab 2050 - also in 33 Jahren - eine Schicht in der Gesellschaft geben, die Harari als "nutzlose Klasse" bezeichnet. Diese Menschen seien nicht nur arbeitslos, sondern auch unvermittelbar, weil Computer und Roboter die Tätigkeiten, für die sie in Frage kämen, effizienter und besser erledigen. Aber was tun diese nutzlosen Menschen dann? Und wovon leben sie?

Dass sie verhungern werden, glaubt Harari nicht. Der Zukunftsforscher geht davon aus, dass der technologische Fortschritt die Menschheit in die Lage versetzen wird, auch diese Menschen mit Nahrung und so etwas wie einem bedingungslosen Grundeinkommen auszustatten. Problematischer dürfte es werden, sie zu beschäftigen. Das sei aber zentral für den sozialen Frieden. Laut Harari laufen Menschen, die in ihrem Leben keiner sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen können nämlich Gefahr, verrückt zu werden. Als möglichen Ausweg nennt der Forscher die virtuelle Realität (VR).

Wird VR zur Ersatzreligion der Nutzlosen?
Es sei durchaus denkbar, dass diese in Zukunft einen beinahe religiösen Stellenwert im Leben der "nutzlosen Klasse" einnehmen werde. Viele, denen Computer und Roboter ihren Job genommen haben, werden sich in VR-Spielen verlieren und diese als Sinn des Lebens annehmen, glaubt der Forscher. Das sei im Grunde gar nicht so viel anders wie Religion: Sowohl in der VR als auch in der Religion gebe sich der Mensch einer Art Spiel mit ganz bestimmten erfundenen Spielregeln hin, VR ersetze dabei nur die menschliche Vorstellungskraft durch ein Display vorm Auge.

Virtuelle Welten breiten sich in die Realität aus
Es sei zu erwarten, dass sich diese virtuellen Welten, die im Leben der "nutzlosen Klasse" Sinn stiften, in die reale Welt ausbreiten. Die ersten Vorboten für diese Entwicklung gibt es bereits: Augmented-Reality-Games wie "Pokémon Go" zum Beispiel. Hier laufen die Nutzer auf der Jagd nach virtuellen Wesen durch die reale Welt und kriegen sich bisweilen in die Haare, wenn mehrere Jäger gleichzeitig ein Monster fangen wollen.

Das sei wie Religionskonflikte, bei denen Gläubige sich wegen virtueller Regeln und Gottheiten bekämpfen, schreibt Harari. Dort wie da finde die "Action" im Kopf der Menschen statt und werde erst dann in die reale Welt übertragen.

Man kann auch ohne Arbeit glücklich sein
Solche virtuellen Welten seien so sinnstiftend, dass jemand, der sich darin verliere, am Ende womöglich sogar glücklicher sei als jemand, der einer ungeliebten Arbeit nachgehe, so Harari. Als Beispiel führt er ultraorthodoxe Juden in seiner Heimat Israel an, die auf materiellen Wohlstand verzichten, oft von Sozialhilfe leben und sich ganz dem Studium ihrer heiligen Schriften widmen. Sie seien zwar arm, in Studien zur subjektiven Zufriedenheit aber immer wieder die Rekordhalter in Israel.

Dass Geld oder Arbeit nicht unbedingt zufrieden macht, könne man auch an Jugendlichen beobachten, die vollends glücklich sind, wenn man sie mit einer kulinarischen Grundversorgung aus Pizza und Cola in ihr Zimmer verbannt und ihnen aufträgt, einfach Computerspiele zu spielen, die ihnen Spaß machen. Es sei unwahrscheinlich, dass ihnen schnell langweilig werde - zumindest kurzfristig.

VR soll die "nutzlose Klasse" ruhigstellen
Genauso werde in Zukunft wohl die "nutzlose Klasse" in Virtual-Reality-Games "ruhig gestellt", glaubt Harari. Gut möglich, dass manch ein VR-Erlebnis in einigen Jahrzehnten zum Volkssport avancieren wird und die Massen unterhält wie heute König Fußball. Dass sie keine Arbeit haben, wird für Vertreter der "nutzlosen Klasse" dann nebensächlich sein.

Auf der Strecke bleiben dabei Wahrheit und Realität. Er sei sich durchaus bewusst, dass viele Menschen sich die Frage stellen werden, ob sie in einer Welt leben wollen, in der Milliarden von Menschen virtuellen Fantasien nachjagen und völlig darin versinken. Andererseits führt der Historiker auch vor Augen, dass das eigentlich nichts Anderes sei als die Art, wie Menschen seit Jahrtausenden leben. Wie sich Arme und Verzweifelte der Religion zuwenden, könnten Nutzlose ihre Erfüllung in virtuellen Welten suchen.

Mehr Infos im Video: Yuval Noah Harari über sein neues Buch "Homo Deus"

Dominik Erlinger
Redakteur
Dominik Erlinger
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