Mo, 20. November 2017

Missstände in Heimen

06.05.2017 16:50

Brisanter Schlagabtausch um Pflege in Österreich

Ein Wiener tötet seine Mutter (95) und nimmt sich danach das Leben. Motiv: "Ich war überfordert." Das Drama von Freitag im Wiener Bezirk Döbling macht auf tragische Weise auf ein brisantes Thema aufmerksam: Die Pflege von gebrechlichen Menschen ist fordernd. Wir lassen in Interviews Experten zum Streit rund um vorgeworfene Missstände in Heimen zu Wort kommen.

Die Volksanwaltschaft übte mit der Veröffentlichung ihres Jahresberichts heftige Kritik am österreichischen Gesundheitssystem. Vor allem geht es um angebliche Vernachlässigung der Arbeit in Seniorenheimen. Mangelnde Körperpflege, frühe Bettgehzeiten und Missstände beim Personal - so lauten die Vorwürfe der Volksanwaltschaft. Volksanwalt Günther Kräuter spricht sogar von der Verletzung von Menschenrechten.

Markus Mattersberger, Präsident des Bundesverbands der Alten- und Pflegeheime Österreichs, sieht das anders. Den Heimen sei es nämlich ein großes Anliegen, den Bedürfnissen der Bewohner nachzukommen.

Derzeit gibt es in Österreich 850 Pflegeheime. Diese müssen sich um mehr als 75.000 Menschen kümmern. Dabei haben sie mehr als 42.000 Pfleger zur Verfügung. Das dürfte angesichts des steigenden Betreuungsbedarfs in der Zukunft wohl nicht reichen, denn schon jetzt gibt es hierzulande 366.000 Menschen, die älter als 80 Jahre sind.

"Menschenrecht wird missachtet"
"Krone": Herr Volksanwalt, wie konnten Sie die Vorwürfe in den Heimen nachweisen?
Günther Kräuter: Expertenkommissionen der Volksanwaltschaft mit Ärzten, Juristen, Psychologen und Pflegefachleuten besuchen unangekündigt die Heime. Im Vorjahr haben wir 125 Alten- und Pflegeheime kontrolliert.

Können Sie Beispiele für besonders dramatische Missstände nennen?
Wenn das Abendessen schon um 16 Uhr stattfindet, die Nachtruhe um 18 beginnt und ohne medizinische Notwendigkeit sedierende Medikamente verabreicht werden, ist das eine krasse Menschenrechtsverletzung. Es gibt Einrichtungen mit nur wöchentlichen Badetagen. In einem Tiroler Heim mussten Bewohner stundenlang in ihren Exkrementen liegen, Hintergrund war ein Streit über den Dienstplan.

Wer ist an solchen Missständen schuld?
Das Hauptproblem sind Sparmaßnahmen beim Personal. Laut unseren Experten leistet das Pflegepersonal in den meisten Fällen sehr engagierte Arbeit, ist aber oft überfordert.

Wird in privaten Heimen öfter gespart?
Privaten Betreibern geht es logischerweise um den Gewinn, da sollte man keine Illusionen haben.

Was muss nun seitens der Politik konkret geschehen?
Ich fordere im Interesse der Menschen in Pflegeeinrichtungen mehr und besser ausgebildetes Personal.

"Sind um gute Arbeit bemüht"
"Krone": Herr Mattersberger, was sagen Sie zu den Missständen, die von der Volksanwaltschaft vorgeworfen werden?
Markus Mattersberger: Wir nehmen den Bericht sehr ernst, verwehren uns aber gegen die pauschalierten Anschuldigungen.

Sie streiten nicht ab, dass es diese Vorfälle gibt?
Es sind Einzelbeobachtungen, für die ich sehr dankbar bin, dass sie aufgezeigt wurden. Es gilt hierbei nichts zu beschönigen, aber es ist unseriös, dies auf die Situation aller unserer Heime umzumünzen.

Was sagen die Pfleger in den Seniorenheimen?
Die ganze Diskussion führt zu Verunsicherung. Die Mitarbeiter sind bemüht, gute Arbeit zu leisten, und gehen dabei häufig an ihre Leistungsgrenzen.

Was sagen Sie zum Vorwurf der viel zu frühen Bettgehzeiten?
Wir sind in unseren Heimen bemüht, den Bedürfnissen unserer Bewohner nachzugehen. Man muss den Bewohnern dabei aber auch zugestehen, dass sie irgendwann müde sind.

Werden Sie bei Bedarf auch selbst ins Heim gehen?
Selbstverständlich! Wenn es erforderlich wäre, wüsste ich auch meine Mutter dort gut aufgehoben. Dennoch haben wir in unseren Möglichkeiten im Vergleich zu europäischen Ländern Luft nach oben. Hierzu braucht es aber ein Bekenntnis der Politik auf Bundesebene, dass Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.

Kathi Pirker und Mark Perry, Kronen Zeitung

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