Mo, 11. Dezember 2017

"Krone"-Interview

03.05.2017 10:40

Mighty Oaks: Zwischen Wölfen und Träumern

Mit ihrem Debütalbum "Howl" hat das in Berlin ansässige, amerikanisch/italienisch/britische Dreigespann Mighty Oaks vor drei Jahren einen kommerziellen Überraschungserfolg gefeiert. Nach jahrelangen Touraktivitäten und zahlreichen Veränderungen im privaten Haushalt, sind Frontmann Ian Hooper und Co. im letzten Jahr etwas leiser getreten, um die Veränderungen zu reflektieren und so manche Lehren daraus zu ziehen. Nebenbei haben sie mit "Dreamers" einen Albumnachfolger eingespielt, der das Folk-Pop-Trio näher Richtung große Arenen führen sollte. Vor dem Gig im ausverkauften Wiener Flex standen uns die sympathischen Freunde Rede und Antwort.

"Krone": Gratuliere euch zu eurem neuen Studioalbum "Dreamers", dem Nachfolger eures Erfolgsdebüts "Howl". Habt ihr euch von bösen heulenden Wölfen zu lieblichen Träumern verwandelt?
Ian Hooper: (lacht) Es gab kein Konzept für die Platte. Wir haben sehr viele Lieder sehr organisch geschrieben und ein Teil davon hat es auf das Album geschafft. Diejenigen haben im Endeffekt am wenigsten Stress verursacht und wir waren mit ihnen am schnellsten glücklich. Es hat gedauert, bis wir sie zu Ende gebracht haben, aber das gehört dazu. "Howl" war ein ziemlich gut gelauntes Album, vielleicht insgesamt ein bisschen melancholischer.
Claudio Donzelli: Wir sind von süßen Wölfen zu bösen Träumern mutiert. (lacht)

Bei unserem letzten Interview habt ihr noch Anfang/Mitte 2016 als Veröffentlichungstermin angepeilt. Das ging sich doch um ein ganzes Jahr nicht aus…
Hooper: Wir waren sehr lange auf Tour und das war nicht absehbar. Die letzten zwei Jahre hatten wir nur wenige Pausen, in denen wir zuhause waren. Es war schwierig Zeit zu finden, um Lieder zu schreiben, die qualitativ gut genug für eine Veröffentlichung sind. Nach all diesen Touren haben wir uns hingesetzt und an einer Platte gearbeitet. Wir hatten keine Eile und haben sehr treue Fans, die dankenswerterweise auf uns gewartet haben. Sie sind jetzt schon da und im Herbst touren wir noch einmal durch Europa. Ich hoffe, dass sie die Nummern dann noch lauter und vollständiger mitsingen können. (lacht)

Wollt ihr auf "Dreamers" eine Botschaft mitgeben? Zum Beispiel, dass es in einer harschen Welt wie unserer Träumer braucht, um sie zu einem besseren Ort zu machen?
Hooper: Grundsätzlich ist es wichtig zu träumen. Egal ob diese Träume unrealistisch oder doch zu schaffen sind. Man kann immer etwas mehr erreichen als das, was man selbst gerade hat. Die Welt ist derzeit etwas turbulent und das Träumen ermöglicht den Menschen eine kurze Auszeit von der Realität. Das Schöne an der Musik ist, dass man die Menschen woanders mithinnehmen kann. Unser Album ist als Ganzes perfekt, weil es eine kleine Reise ist. So etwas geht natürlich auch mit Playlists unterschiedlicher Künstler, aber man kann sich dort sicher nicht so zwanglos fallen lassen. Wir bieten Euphorie, Melancholie und ganz viel dazwischen. Viele Menschen sagen mir, dass sie träumen, wenn sie unsere Platte hören. Sie spazieren, reisen oder fahren dabei. Wir selbst hören auch in Momenten der Bewegung Musik.

Ihr macht Musik für Roadtrips, für das Reisen und das Fernweh.
Hooper: Wir waren selbst sehr viel unterwegs und das hat die Musik sicher mitgeprägt.

Seid ihr selbst unverbesserliche Träumer?
Hooper: Ich träume immer von mehr.

Von mehr oder vom Meer?
Hooper: (lacht) Beides natürlich.
Craig Saunders: Wir leben ihn bereits. Vor fünf Jahren war das Reisen und Konzertespielen in unterschiedlichsten Ländern ein Traum, jetzt ist er realisiert. Natürlich gibt es weitere Träume, will man neue Länder sehen und weitere Leute erreichen. Wir geben unser bestes dafür.

Die politischen Turbulenzen der Welt habt ihr aber offenbar bewusst nicht auf "Dreamers" integriert.
Hooper: Nicht bewusst. Als wir die Songs schrieben, gab es kleine Probleme, aber noch keinen Brexit und Trump war nur einer von sechs Kandidaten. Seine Präsidentschaft war nicht absehbar. Bevor ich aber meine Energie und Zeit auf Donald Trump verschwende, schreibe ich lieber ein Lied über meine Empfindungen und meine Frau. Ich schreibe lieber Songs über Erlebnisse, die mein Leben begleiten und nicht über einen Typ, der jetzt vier Jahre im Amt ist und dann hoffentlich wieder vergessen sein wird. Wir hätten natürlich einen Flüchtlingssong schreiben können, aber das haben plötzlich so viele Künstler und Bands probiert, die allesamt daran scheiterten.
Saunders: Die Songs müssen natürlich klingen und ehrlich sein, ansonsten bemerkt der Hörer das.
Hooper: Uns selbst ging es in letzter Zeit wirklich sehr gut, also wollten wir auch schöne Lieder schreiben. Vielleicht schreiben wir mal politische Lieder mit anderen Künstlern, weil du damit mehr Menschen erreichst, als wenn du einen Song zwanghaft auf unser Album packst. Für viele Bands würde das sicher funktionieren, aber bei uns hätte es "Dreamers" nur gesprengt. Mit der Thematik haben wir uns erst nach den Songs beschäftigt. Klar, die Platte ist schon positiv angehaucht, aber das ist nun einmal so. (lacht)

Der letzte Song auf dem Album, "The Great Unknown", dreht sich um die Unsicherheiten während deines Vaterwerdens.
Hooper: Es ist mein erstes Kind und ich schrieb das Lied, bevor mein Sohn geboren wurde. Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwartete. Man kann noch immer sehr viel verkacken, aber die schlimmsten Unsicherheiten sind ausgeräumt. Die Angst vor dem Ungewissen ist weg. Der Bub ist da und er ist super. Jetzt muss ich am Ball bleiben und ihn gut erziehen. Auf Tour geht das am besten. (lacht)

Würden weitere Familienplanungen eure Vorhaben als Band beeinflussen oder gar beschneiden?
Hooper: Erst einmal nicht. Ich war schon vor dem Vaterwerden Musiker und meine Frau kennt mich nur so. Das Touren ist jetzt anders, weil man sein eigenes Fleisch und Blut zuhause sitzen hat und das kleine Wesen unterwegs vermisst. Wir leben aber von und für Touren und es macht uns jede Menge Spaß. Mittlerweile ist es lange her, dass wir unterwegs waren und es fühlt sich alles wieder wie neu an. Wir haben viele Shows vor uns, spielen einen Festivalsommer, werden im September in den USA sein und dann noch eine große EU-Tour spielen. Plus England. (lacht)
Saunders: Hochgerechnet sind wir sogar öfter daheim, als jemand, der einen normalen Beruf hat. Wir sind zwar geblockt lange weg, aber dafür auch geblockt lange bei unseren Familien. Ich mag die Mischung und ich glaube, meine Frau stimmt dem zu. (lacht)
Hooper: Ab und zu ist es wie eine Fernbeziehung, das hält die Dinge frisch. Es hat durchaus viele Vorteile.

Im Vergleich zu "Howl" klingt "Dreamers" wesentlich großspuriger, ihr habt euch weiter rausgelehnt, das Klavier in den Vordergrund gestellt und die Gitarren zurückgeschraubt. Habt ihr das Album auch im Hinblick auf eine etwaige Arenatauglichkeit geschrieben?
Hooper: Das eigentlich nicht. Wir haben viel mehr Möglichkeiten und viel mehr Zeug, mit dem man komponieren und spielen kann. Auch im Studio war die Auswahl von Dingen größer und diese Gelegenheit haben wir genutzt. Wir haben auf Tour sehr viel über uns und unsere Musik gelernt und hatten dieses Mal erstmals einen Drummer bei der Aufnahme dabei. Das klangliche Bild ist jedenfalls breiter geworden und live fühlt sich das in der Fünferbesetzung gut an. Wir können nur eine dicke Soundlandschaft liefern. Erst einmal spielen wir in den kleinen Schuppen, aber ein Stadion wäre natürlich cool. (lacht)

Seid ihr nach dem Erfolg mit "Howl" selbstsicherer geworden? Habt ihr euch mehr zugetraut als früher?
Saunders: "Howl" war die erste Platte, die wir wirklich aufgenommen haben. Wir waren dann zwei Jahre auf Tour und spielten ganz große Festivals und das hat sich natürlich auf uns ausgewirkt. Die Entwicklung war aber dennoch natürlich.
Hooper: In erster Linie spielen wir Musik, die wir gut finden und gerne spielen, sonst könnten wir sie live niemals vorführen. Manchmal funktionieren Songs live auch nicht, die kommen dann weg, aber wenn wir glücklich sind, dann ergibt sich der Rest meist von selbst.

"Howl" war aber erfolgreicher als ihr selbst zu träumen gewagt hättet. Hat euch dieser Erfolg nachhaltig verändert?
Hooper: Das ging nicht so schnell, wie es wirkt. Wir hatten vorher schon getourt, fuhren im Sprinter zu den ganz kleinen Klubs und dann ging es stufenweise nach oben. Es ist cool zu sehen, dass die Arbeit was bringt und wir hoffen, wir können weiter wachsen und mehr Leute zu unseren Konzerten bringen. Wir wollen nicht weitere drei Jahre auf das nächste Album warten, denn wir haben so viele Songs geschrieben, dass wir den einen oder anderen vielleicht noch verwenden können. Auch eine EP dazwischen wäre möglich, aber jetzt wollen wir "Dreamers" genießen und hoffen, dass die Leute das Album annehmen.

Aufgenommen habt ihr das Album im den Bear Creek Studios im Nordwesten der USA. Brauchte es auch die passende Umgebung, um ein derart ländlich klingendes Album zu kreieren?
Hooper: Die Lieder schrieben wir zum größten Teil in Berlin, aber ich brauche diese Ausflucht in die Natur, um immer wieder auf den Boden zu kommen. Dort ist man nicht abgelenkt, geht vor die Tür, ist mit frischer Luft sofort wieder in einem neuen Energiekreis. Ich bin nicht wirklich der Stadttyp.

Da bist du in einer mehr als drei-Millionen-Einwohner-Stadt wie Berlin aber gänzlich falsch.
Hooper: (lacht) Das mag schon sein. Manchmal kotzt mich die Stadt an, aber grundsätzlich liebe ich Berlin. Ich bin fast schon ein Jahrzehnt da, habe eine Berlinerin geheiratet und komme schon aufgrund der Schwiegerfamilie nicht so schnell weg. Wir sind nun aber ein bisschen an den Rand gezogen, in die Natur, und das tut mir sehr gut.

Gab es Dinge, die ihr beim Produktionsprozess im Vergleich zum Debütalbum gelernt habt? Die ihr bei "Dreamers" nicht wiederholen wolltet?
Saunders: Wenn man sich ältere Platten anhört, wird man immer etwas finden, das man verändern möchte. Andererseits ist das eine schöne Momentaufnahme als Band und das ist hier nicht anders. Das nächste Album könnte wieder anders klingen.
Hooper: "Howl" war eine tolle Platte und wir haben damals das allerbeste daraus gemacht, auch wenn die Einschränkungen im Studio evident waren. Das Album hat uns den Weg für alles Weitere geebnet.

Was waren die wichtigsten Dinge, die ihr in den letzten Erfolgsjahren gelernt habt?
Hooper: An sich selbst glauben. Je größer man wird, umso mehr Menschen wollen dazwischen pfuschen. Management, Plattenfirma, Booking, Verlag etc. Sie haben uns unter Vertrag genommen, weil sie an uns glaubten und deshalb bleiben wir bei unseren Meinungen. Man verliert oft den Weg, weil man sich vielleicht zu viel einreden lässt und das wollten wir minimieren. Wir glauben an uns als Team, sind locker, bodenständig und ehrlich . Wir sind noch eine kleine Band und wollen coole, normale Musik machen. Es gibt keinen Grund, in irgendeiner Form abzuheben oder nicht mehr cool zu bleiben. (lacht)

Produziert hat das Album Ryan Hadlock, den man vornehmlich von den Lumineers kennt. Wie seid ihr an ihn gekommen?
Hooper: Wir haben anfangs sehr viele Produzenten unter die Lupe genommen, dabei auch Bands ausgesucht, die wir selbst cool finden. Wir schrieben die Produzenten an, manche schrieben zurück und dann gab es Meetings und Testsessions. Bei Ryan hat das Bauchgefühl gepasst und sein Studio in den USA hatte einen großen Reiz auf uns. Die Zusammenarbeit hat gut funktioniert, aber er musste ja nicht mehr so viel machen, da die Songs schon fertig waren. (lacht)

Macht ihr bei den Mighty Oaks Musik für urbane Menschen, die gerne aus ihrer Alltagshektik ausbrechen würden?
Hooper: Unbewusst ist das möglich. Generell machen wir Musik für alle Leute abseits aller Alters-, Rassen- oder geografischen Fragen.
Saunders: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir den Leuten etwas vom Stress nehmen können, das ist eine feine Vorstellung.
Hooper: Wenn du mit dem Fahrrad durch Berlin fährst, es ist laut und dreckig und du denkst dann, dass du lieber gerade mit dem Rad im Wald oder auf dem Weg zu einem See wärst, dann kann ich das durchaus nachvollziehen. (lacht)

Haben eure Alben in irgendeiner Weise einen Zusammenhang?
Hooper: Nein, die stehen alle für sich selbst. Lustig ist nur, dass wir bei "Howl" immer dachten, es wäre eine Art Übergangssound für das nächste Album und dann war das Album doch eigenständig und erfolgreich. (lacht)

Was braucht ein Mighty Oaks-Song, damit ihr alle drei damit zufrieden seid?
Hooper: Die Dynamik muss stimmen. Es muss eine gute, instrumentale Melodie herrschen, die von einer guten Stimme begleitet ist. Hinter den Liedern sollen tiefe Gefühle stehen.

Steht die Atmosphäre bei euch über den Inhalten?
Donzelli: Die Atmosphäre kommt aus der Bauchentscheidung heraus wohl zuerst, aber das ist nicht geplant oder überlegt. Im Prinzip funktioniert die Sache nur, wenn beide Parts zusammenspielen.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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