Shades Tours

Obdachlose zeigen Wiens vielfältige Schattenseiten

Es begann wie in einem Märchen. Robert (32) hat seine große Liebe im Internet kennengelernt und ist für sie nach Wien gereist. Genau wie in jeder spannenden Geschichte verlief jedoch vor dem Happy End auch bei ihm nicht alles nach Plan. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wurde er obdachlos. Genauso wie etwa 10.000 andere Menschen in Wien auch.

In Österreich suchen jährlich mindestens 16.033 Menschen (Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe & Statistik Austria 2015) ein fixes Obdach, davon mindestens 10.000 in Wien (Quelle: Verband Wiener Wohnungslosenhilfe, 2015). Und, etwa 1.200 Menschen nennen, laut Einschätzungen von SHADES TOURS, den öffentlichen Raum ihr Zuhause. Die Dunkelziffer liegt wohl deutlich höher.

Einer von ihnen war Robert. Der mittlerweile 32jährige lebte insgesamt über drei Jahre auf der Straße. Dank "Shades Tours" hat er sich jedoch "wieder zurück ins Leben gearbeitet" und vor wenigen Monaten eine Wohnung bezogen. "Shades Tours hat mein Leben komplett verändert und die Aufgabe hier als Guide zu arbeiten das Gefühl der Verantwortung und Wertschätzung zurück gegeben. Das war entscheidend für alles! Ich bin Perrine Schober so dankbar, dass sie den Mut für dieses Projekt hatte, für ihre Freundschaft und Unterstützung!"

Perrine Schober (33) hat Tourismusmanagement in Deutschland studiert und sich während ihres Erasmussemesters in England auf die Thematik "Tourismus als volkswirtschaftliches Instrument der Armutsbekämpfung" spezialisiert. Danach war sie in mehreren internationalen Entwicklungshilfeorganisationen tätig, bevor im April 2015 die Idee zu "SHADES TOURS" entstand. Anfang 2016 startete sie mit dem Projekt schließlich voll durch.

In ihrer Initiative "SHADES TOURS" geht es darum obdachlosen bzw. wohnungslosen Menschen als Guides einer "ganz besonderen Stadtführung" eine Aufgabe und Verantwortung zu bieten um ihnen dadurch langfristig in den Arbeitsmarkt zurück zu helfen.

Start am Wiener Hauptbahnhof
Seit etwa eineinhalb Jahren ist auch Robert als Guide unterwegs. Der Rundgang beginnt am Wiener Hauptbahnhof, dem einzigen 24 Stunden durchgehend geöffnetem Bahnhof in ganz Österreich und aufgrunddessen auch beliebter Zufluchtsort von Menschen ohne Obdach. "Es ist warm, Wetter geschützt und - ein nicht zu vernachlässigender Punkt - es gibt W-Lan", erklärt er. "Internet ist oft die einzige Kommunikationsmöglichkeit für viele." In den letzten zwei, besonders kalten, Wintern fanden sich, laut ihm, bis zu 250 Menschen am Hauptbahnhof ein.

Ziel der Tour: Aufklärung
"Dabei hätten viele von ihnen Anspruch auf staatliche Unterstützung, wie etwa einer Mindestsicherung, wissen es aber gar nicht." Rund 30 Prozent der Obdachlosen sind sogenannte "Anspruchsberechtigte", vor Beitritt zur europäischen Union waren es prozentuell gesehen noch mehr. "Durch den Beitritt und die Möglichkeit innerhalb der europäischen Union überall arbeiten zu können, hat es hier natürlich eine Verschiebung gegeben." All jene in Wien Anspruchsberechtigte haben nicht nur Anspruch, sondern auch das Recht auf soziale Unterstützung. "Diese inkludieren eine Postadresse, eine Schlafstelle, Mindestsicherung, einen betreuten Wohnplatz - wenn notwendig - sowie Anspruch auf eine Gemeindewohnung." Als "anspruchsberechtigt" gilt man, wenn man entweder in Wien geboren ist oder fünf Jahre durchgehend in Wien gelebt hat und ein Jahr lang in Wien gearbeitet hat. "Das wird auf Bundesebene geregelt und kann damit von allen Bundesländern individuell bestimmt werden." erklärt Robert. Obdachlose aus EU-Ländern sind in Wien bei der Betreuung auf NGOs angewiesen. "Das sind rund 70 Prozent der derzeit Obdachlosen."

"Obdachlosigkeit ist ein Großstadtproblem!"
"Obdachlosigkeit ist definitiv ein Großstadtproblem!", ist sich Robert sicher. Das macht sich in Wien vor allem im Winter bemerkbar. "380 Notschlafbetten gibt es, die man das gesamte Jahr über nutzen kann, im Winter (Anfang November bis Ende April) werden zusätzliche Betten organisiert. In diesem Winter wurden über 1100 Notschlafbetten durch das Winterpaket der Stadt Wien angeboten. Sie haben aufgestockt - mehr als vorgesehen - weil der Winter einfach so kalt war!"

"Gottseidank gibt es so viele Menschen, die auch auf freiwilliger Basis helfen!" Positiv erwähnt er dabei vor allem etwa den Louise-Bus, dessen Team kostenlos bei gesundheitlichen Problemen die Ärzte unterstützt. Ärzte und freiwillige Mitarbeiter betreuen in dem Bus Obdachlose an fünf Tagen in der Woche an unterschiedlichen fixen Plätzen in Wien. "Dieser Bus ist für viele essentiell. Ebenso wie der Canisibus, der Suppenbus." Jeden Abend, auch am Wochenende und an Feiertagen, ist der Canisibus in Wien unterwegs, um den Menschen eine heiße Suppe und Brot zu bringen. "Für viele die einzige warme Mahlzeit am Tag."

Kurz scheint er in Erinnerungen zu schwelgen, um gleich danach wieder mit seinem positiven Wesen anzustecken. Immerhin "hat er es geschafft!". "Dank SHADES TOURS!", wie er gerne noch einmal betont.

Das Social Business finanziert sich zu 100 Prozent aus Einnahmen der Touren. Diese finden regelmäßig statt und kosten 15 Euro pro Person.
Alle Infos gibt es unter: www.shades-tours.com

Mai 2017

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Julia Ichner
Redakteurin
Julia Ichner
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