Di, 12. Dezember 2017

"Krone"-Interview

24.04.2017 19:10

Ghost: Die Gothic-Horrorversion von Rammstein

Mit theatralischen Bühnenshows und eindringlichen Ohrwürmern haben sich die Schweden von Ghost nicht nur weltweit einen respektablen Namen gemacht, sondern es sogar zum Grammy gebracht. Mit ihrem satanisch-klerikalen Konzept haben sie eine Nische gefunden, um auch anno 2017 noch polarisieren zu können. Vor ihrer Show im Wiener Gasometer stand uns Bandchef und Sänger Papa Emeritus III für ein Gespräch über den steigenden Erfolg, ausufernde Zukunftspläne und Dildos in Bibeln zur Verfügung. Verpönt war nur die Frage nach dem derzeit schwelenden Rechtsstreit zwischen dem Bandleader und seinen Ex-Mitgliedern.

"Krone": In den letzten Jahren habt ihr einen kontinuierlichen Aufstieg erlebt, seit quasi von Tour zu Tour gewachsen und habt immer größere Hallen bespielt. Auf der "Popestar"-Tour konntet ihr einige davon bis auf den letzten Platz ausverkaufen. Gewöhnt man sich irgendwann an den Enthusiasmus und den Jubel des immer größer werdenden Publikums?
Papa Emeritus III: Das kommt immer darauf an, wie die Bedingungen sind. Wenn du zum Beispiel an einem Freitagabend in Iowa spielst, wirst du ein unglaublich enthusiastisches Publikum vor dir haben, während New York an einem Dienstag etwas reservierter sein kann. Das liegt nicht an den Leuten, aber je größer die Städte, desto reservierter sind die Menschen. Speziell in Nordeuropa kann es passieren, dass du mittwochs vor 3.000 Leuten spielst und sie mit verschränkten Armen vor dir stehen. Als Künstler willst du natürlich, dass sie in die Show einfließen und springen. Ich will keine Moshpits und Gewalt im Publikum, aber ich will Interaktion sehen. Doch dieses Problem hat jede Band, denn unter der Woche sind die Leute oft nicht betrunken und das hemmt sie in ihrem Tun. Unsere Fans wachsen mit der Band, es ist ein natürlicher Prozess.

Die Anonymität ist ein hartes Los, das von den Menschen nur allzu gerne aufgedeckt werden möchte. Andererseits werdet ihr immer berühmter und bekannter, könnt diesen Ruhm aber nur hinter euren Bühnenidentitäten genießen. Möchte man nicht auch gerne als Privatperson offensiv ins Bad der Menge tauchen?
Ich habe niemals wirklich versucht, mich aus meiner Rolle heraus zu outen, das übernehmen die Leute von außen schon ganz gut. Ich muss da nicht viel dazu beitragen. (lacht) Ich finde es gut, dass ich nicht über mich reden muss, sondern dass das andere Menschen machen. Natürlich stellt sich die Frage, warum man in einer großen Band spielen und anonym bleiben möchte. Was hat man davon? Auch die Leute wollen hinter die Fassade blicken und deshalb bröckelt sie immer stärker. Ich hatte das Glück, dass der Großteil der Menschen absolut respektierte, dass ich als Privatperson niemals in die Öffentlichkeit möchte, aber das hat sich über die letzten Jahre stark geändert, weil der Ruf nach einer Demaskierung offenbar immer lauter wird. Ich wollte immer in einer Band sein und nach einigen Jahren bei Ghost sehe ich es als großes Privileg, meinen Charakter verändern zu können. Erik von Watain oder Nergal von Behemoth erfüllen eine gewisse Rolle. Es wird auch abseits der Bühne erwartet, dass sie so sind wie bei Konzerten. Bei mir ist das nicht der Fall, niemand wird etwas außerhalb meiner Kunst von mir erwarten.

Nergal sorgt derzeit mit seinem Country-/Neo-Folk-Projekt Me And That Man für Aufregung und versucht wohl selbst, etwas aus seiner festgefahrenen Schiene zu kommen.
Man muss eben damit klarkommen, was man für sich aufbaut. Erik und Nergal sind gute Freunde, aber meine Geschichte ist anders als ihre. Ich habe das Gefühl, bei mir kam der Ruhm ganz plötzlich, ohne einen Aufbau. Ich finde es schade, dass der Respekt von außen immer weniger wird und es mittlerweile zu einer Art Allgemeinwissen gehört, uns abseits der Bühne zu outen. Die Leute wollen Fotos mit mir machen, aber ich lehne das immer ab, wenn man mich erkennt. Ich bin deshalb kein Arschloch, aber ich finde es einfach nicht okay. Das ist das Schwierigste an der Rolle in Ghost - man will kein Bad Guy sein, aber wenn man gewisse Grenzen setzt, wird man als einer gesehen.

Ich kann nachvollziehen, dass man eure Identitäten aufdecken möchte, finde es aber persönlich großartig, dass es im Internetzeitalter überhaupt noch möglich ist, eine solche Art von Mystizismus so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.
Ich glaube, es ist einfach normal für die Menschen, hinter die Kulissen blicken zu wollen. Viele machen es wahrscheinlich ohne böse Absicht und bemerken gar nicht, dass es dabei an Respekt fehlt.

Andererseits ist es bestimmt einfacher mit Erfolg klarzukommen, wenn man im Alltag halbwegs anonym leben kann.
Ich bin mir nicht sicher, ob man das schwergewichtige Wort Erfolg und das große Rampenlicht mit Metalbands gleichsetzen kann. Viele Metalbands haben unreale Texte, die sich um Drachen oder Dämonen drehen. Popmusik oder auch Indie und Alternative sind einfach offener und ehrlicher. Es geht um die Gefühle und nicht um Oberflächlichkeiten oder Fantasiegebilde. Ich ticke da ähnlich, denn die meisten Texte von uns haben eine doppelte Bedeutung. Wenn du "Year Zero" hörst, dreht sich der Song in erster Linie um Satan, aber eigentlich geht es um die Menschheit.

Ihr arbeitet stark mit Metaphern, um die Offensichtlichkeit auszublenden.
Richtig, das ist mir wichtig. Viele Songs sind emotionaler oder realer, als so mancher glaubt. Auch "Square Hammer" hat eine völlig andere Bedeutung, als der Titel eigentlich aussagt.

Verwendest du Metaphern, um deine Hörer zu fordern und sie zum Nachdenken anzuregen, oder geht es dir eher darum, dich mit persönlichen Geschichten dahinter verstecken zu können?
Gerade bei Indie- und Alternativebands schwingt viel Persönliches mit. Bei schwedischen Bands hörst du ganz offensichtlich heraus, dass ein Bandmitglied gerade eine Scheidung durchlebte oder eine neue Liebe gefunden hat - sie können es auf ihren Alben nicht verbergen und es klingt meist offensichtlich durch. Es ist natürlich unmöglich, solche Erlebnisse nicht durch die Musik zu kanalisieren. Metalbands haben Texte über J.R.R. Tolkien, die nichts bedeuten oder singen darüber, dass sie das Recht zu Rocken haben. Nach 15 Manowar-Alben fragst du dich auch, gegen wen sie eigentlich kämpfen? Ihr habt das Recht zu rocken und ihr macht das ohnehin die ganze Zeit. Nichts für ungut - ich liebe die ersten drei Manowar-Alben, aber nach einer gewissen Zeit langweilt mich das Konzept und es läuft sich ab. Ich nehme Kritik nicht zu ernst, denn im Großen und Ganzen liefern wir bei Ghost ein theatralisches Stück ab, das inhaltlich tiefer geht, als die meisten denken. Ich werde aber keinem sagen, worum es genau geht, das ist nicht meine Aufgabe.

Mit Ghost könnt ihr so viel mehr machen als bloße Konzerte zu spielen. Das Konzept beinhaltet mögliche Ausscherungsmöglichkeiten in Richtung Theater, Musical oder auch Film. Gibt es dahingehend Überlegungen, die ganze Sache noch breiter und kulturell vielfältiger aufzustellen?
Eigentlich ist alles davon realistisch. In meiner Welt sind die Shows, die wir derzeit gerade spielen, maximal 30 Prozent dessen, was mir für Ghost vorschwebt, wenn es um Theatralität geht. Ich will das viel stärker forcieren und das ganze Konzept verstärkt zu einem Schauspiel machen. Da geht es auch um technische Dinge, die sich nicht immer so leicht erfüllen lassen. Wenn wir einmal die Möglichkeit bekommen in der Wiener Stadthalle zu spielen, dann werdet ihr viel mehr von dem sehen, was ich mir schon vor acht Jahren für Ghost überlegt habe. Dieses Konzept wird immer eine schweißtreibende Rockshow sein, aber es war stets das Ziel, etwas Übergeordnetes zu erschaffen. Ich würde gerne verschiedene Akte einbauen, mehrere Bühnen in einer Arena oder Halle einbauen und ein nie dagewesenes Gesamterlebnis erschaffen. Ich möchte aus Ghost gerne eine Gothic-Horrorversion von Rammstein machen.

Bleibt die Musik dann federführend? Oder sind visuelle Umsetzung und Showelemente im Prinzip wichtiger?
Darüber kann ich nicht detailliert sprechen, aber wir arbeiten auch daran, Ghost in eine Art klassisches Musicalkonzept einzubauen. Das bringt natürlich einen enormen Aufwand mit sich und da geht es um so viel mehr als um Songs und Riffs. Du brauchst erst einmal eine Produktionsfirma, die schon so vernetzt ist, dass sie die Arbeit für dich erledigt. Dann musst du dein Konzept dort vorstellen und sie für dich gewinnen. Das dauert mal mindestens bis 2019 und daneben musst du eine Geschichte schreiben und die Musiks sechs Jahre, um es von der ersten Idee heraus umzusetzen. Ich habe diese Dinge aber schon gut in meinem Kopf geordnet und wir suchen nach Partnern, mit denen wir das umsetzen können. Ich weiß nicht, wo wir damit enden werden, aber wir vernetzen uns bereits. West End- oder Broadway-Shows sind nicht unrealistisch. Hoffentlich zumindest, wir werden in fünf Jahren mehr wissen. (lacht) Wir sind derzeit erst in der Startphase, aber ich habe für die nächsten fünf Jahre schon eine ziemlich solide Idee. Man muss Babyschritte gehen.

Bevor all diese Ziele realisiert werden, wird es wohl ein neues Ghost-Album geben. In diversen Interviews wurde schon darüber gesprochen, dass es dunkler und melancholischer ausfallen wird. Was kannst du uns vom aktuellen Stand heraus dazu sagen?
Das Überthema wird dunkler sein als bei "Meliora". "Meliora" drehte sich grob um die Abwesenheit von Religion. Das Gedankengut fand in einer futuristischen, extrem urbanen Welt statt mit großen Hochhäusern, riesen Asphaltflächen und dem Fehlen von Grünräumen. Wir sind quasi in die 1920er-Jahre gegangen und haben das mit einem modernen, futuristischen Gedankengang vermischt. Die schöne neue Welt eben. Das letzte Lied, "Deus In Absentia", war der große Abschluss. Es war vorbei. Die letzte Note dreht sich darum, dass Gott nicht da ist und um die Leere, die dadurch mitschwingt. Ich bin der Meinung, dass der Glaube im Prinzip keine schlechte Sache ist. Lineare Religion ist schlimm, aber ein zirkulierender Glaube, wie man ihn aus dem Hinduismus oder Buddhismus kennt, hat etwas Gutes. Bücher wie die Bibel wurden von Männern geschrieben, um viele Menschen zu kontrollieren. Natürlich gibt es darin geschichtliche Verbindungen, aber nehmt die Inhalte nicht für bare Münze. Lineare Religion will dich kontrollieren, die zirkulierende nicht. Ich vergleiche Religion immer gerne mit "Star Wars". George Lucas hat das wirklich großartig verbildlicht. Es gibt eine Macht, die aus einer dunklen und einer hellen Seite besteht. Es geht darum, dazwischen die richtige Balance zu finden und wenn dir das gelingt, dann funktioniert das Gleichgewicht vielleicht. Du darfst aber nicht überkippen, denn sonst erwischt dich das Karma.

Willst du damit sagen, dass du mit dem kommenden Album das Finden der richtigen Balance in religiösen Dingen ansprechen möchtest?
Ich denke schon. Das nächste Album dreht sich um den Zorn Gottes. Das darf man jetzt nicht zu wörtlich nehmen, aber es geht um die Idee, dass die Welt ihrem Ende zuschreitet. Wenn du jetzt nach Syrien gehen würdest, würdest du viele Leute finden, die dir ernsthaft und in vollem Glauben sagen würden, dass derzeit das Ende der Welt bevorsteht. Lebst du aber in privilegierten Gegenden wie Mittel- oder Nordeuropa, dann wirst du das bestreiten. Es ist immer eine Sache der Betrachtung und Selbsterfahrung. Wir befinden uns derzeit auf einer ziemlich apokalyptischen Kreuzung, auf der wir ernsthaft evaluieren müssen, wie wir als menschliche Gemeinschaft weitermachen wollen. Das derzeitige System funktioniert offensichtlich nicht. Wir alle wollen überleben, das ist das gemeinsame Ziel. Wenn du von einem großen Stein getroffen wirst, neigt sich deine Welt dem Ende zu, aber alles andere geht ganz normal weiter. Wie haben sich die Römer gefühlt, als ihr Imperium zusammenbrach? Es ist immer eine Form der Sichtweise. Das kommende Album wird sich im Mittelalter abspielen und es wird vom Tod durchzogen sein. Am Ende geht es aber um das Überleben und nicht um die Vernichtung.

Wie wird sich die musikalische Ausrichtung verändern. Wird Ghost weiterhin stark mit dem Pop flirten, was von vielen bekrittelt wird, schlussendlich aber zu großem Erfolg führte?
Ich bekam oft die Frage, ob "Square Hammer" sinnbildlich für die neue musikalische Ausrichtung für Ghost wäre. Ich tendiere, das zu verneinen, denn "Square Hammer" ist ein Song und wenn er fertiggeschrieben ist, ist das Thema erledigt. Wie jeder Künstler versuche auch ich mich nicht zu wiederholen. Ich will kein zweites "Ritual" oder "Devil Church" schreiben. Es kann passieren, dass uns Liebessongs aus dem Ärmel rutschen und das Gute ist, dass du umso mehr mischen kannst, je mehr Alben du aufgenommen hast. Die Alben haben eine kontinuierliche Folge. "Infestissumam" war näher an "Opus Eponymous" und "Meliora" näher an "Infestissumam". Also wird das nächste Album näher an "Meliora" sein. Das ist eine logische Schlussfolgerung. Die EPs wie "Popestar" haben musikalisch nicht wirklich etwas mit der Albumausrichtung von Ghost zu tun. Ich will nicht zu viel verraten, denn wenn ich sage, dass wir härter werden, wird sich wieder jemand über die Refrains mokieren. Das Album ist zur Hälfte fertig.

Können wir noch dieses Jahr damit rechnen?
Ich würde auf April 2018 tippen. Im August nehmen wir es auf, dann touren wir wieder bis Jahresende und irgendwann dahin muss das Ganze gemischt und gemastert werden. Etwas Geduld müsst ihr also noch aufbringen.

Und der Tradition folgend wird es wieder eine neue Inkarnation von Papa Emeritus geben?
Ja. (lacht)

Beeindruckend ist auch eure Merchandising-Palette. Gene Simmons sagte mir, für KISS fehle ihm nur noch "Kisstianity", eine eigene Religion. Wollt ihr bei Ghost auch in derartige Sphären vorstoßen?
Größer als KISS zu werden ist ziemlich unmöglich und auch nicht unser Anspruch. Wir sind eine der wenigen Bands, die noch halbwegs gut physische Produkte verkaufen. Das Merchandise funktioniert. Nach jeder Tour sind wir quasi leergekauft und die einzige Möglichkeit, dass wir unser ganzes Team überhaupt bezahlen können, ist die Merchandise-Palette. Spielzeuge wie ein Dildo in einer Bibel sind ein schönes Promotion-Tool, aber so etwas verkauft sich nicht gut, darüber wird eher gesprochen. Wir haben einen eigenen Shop, machen die Leute glücklich und bieten vieles an. Wir sind keine Raketenwissenschaftler. Ich liebe es, neue Songs zu schreiben und Alben zu erschaffen, aber sie sind nur ein Vorwand, um eine neue Tour zu starten. Das ist zwar nicht meine persönliche Ansicht, aber so läuft das Geschäft, weil du keine Alben mehr verkaufst. Mein Ziel im Leben ist es, so lange wie möglich zu touren. Wenn ich das aus physischen Gründen einmal nicht mehr kann, dann will ich mit Freude auf diese Zeit zurückblicken können, die ich möglichst sinnvoll genutzt habe und in der ich möglichst wenigen Menschen Schaden angerichtet habe. Wenn ich diesen Stolz verspüre, dann kann ich glücklich sterben.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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