Sa, 18. November 2017

Enttäuschte Jugend

28.03.2017 09:27

Soziale Medien: Hort des Widerstands gegen Putin

Ein kleines, gelbes Entchen hängt an einer Kette um den Hals einer jungen Russin. Nichts anderes deutet darauf hin, dass sie sich mit den Mächtigsten des Landes anlegen will. Mit Freunden spaziert sie auf einer der Hauptstraßen Moskaus entlang, die direkt zum Kreml führt. Das Entchen steht für Regierungschef Dmitri Medwedew und Korruption in Russland, organisiert hat sich die Protestbewegung über soziale Medien.

Es ist ein ruhiger, warmer Sonntagnachmittag - nur wenige Minuten später zerrt die Polizei mit Schlagstöcken bewaffnet zahlreiche Demonstranten in Busse. Am Ende sollen allein in Moskau mehr als 1000 Menschen festgenommen worden sein - auch der Kremlkritiker und Organisator Alexej Nawalny sitzt stundenlang in Gewahrsam.

Seine wichtigste Waffe hat er jedoch bei sich: seinen Twitteraccount. Im Minutentakt postet Nawalny in dem Kurzmitteilungsdienst Kommentare oder er twittert Fotos aus dem Gericht. Als er zu 15 Tagen Arrest verurteilt wird, schreibt Nawalny: "Es kommt die Zeit, in der andere vor Gericht stehen werden." Er hatte zu den Protesten in ganz Russland am Wochenende aufgerufen.

Opposition organisiert sich über soziale Medien
Besonders die Jugendlichen kann Nawalny mit seinen Internetauftritten begeistern und mobilisieren - das ist auch die eigentliche Revolution, sind sich Experten sicher. Der 40-Jährige Jurist veröffentlichte auf YouTube ein Video, das zum Anlass für die größten landesweiten Proteste seit Jahren wurde.

Detailliert und mit sarkastischem Unterton prangert er den durch Korruption angehäuften Luxus des Regierungschefs an: Weingüter, Jachten, die Leidenschaft für teure Sportschuhe und den aufwendigen Bau eines Entenhäuschens an einem Teich bei einer Luxusdatscha. Schuhe und Entchen werden schlagartig zum Symbol der grassierenden Korruption im ganzen Land. Rund 13 Millionen Klicks gab es allein für das offizielle Video - knapp jeder zehnte Russe könnte sich den Film angeschaut haben.

Kreml ignorierte Anschludigungen auf YouTube
Der Kreml kommentierte das Thema nicht, Medwedew ignorierte die Anschuldigungen komplett. "Diese Reaktion der Eliten hat zu den Protesten geführt. Ein Thema totzuschweigen, funktioniert im Zeitalter des Internets nicht mehr", sagt der Politologe Michail Winogradow der Zeitung "Kommersant".

In knapp einem Jahr soll in Russland die Präsidentenwahl stattfinden. Der Kreml fürchtet zwar nicht um die Wiederwahl von Wladimir Putin, doch eine absehbar niedrige Wahlbeteiligung macht der Führung zu schaffen. Besonders die ältere Generation und die Menschen auf den Land sind dem Präsidenten treu. Gefährlich werden Experten zufolge die jungen, gut ausgebildeten Menschen, die mit Putin durch sind. Vor allem Studenten und Schüler protestierten am Wochenende - selbst Minderjährige werden festgenommen.

Die meisten Aktionen und "friedlichen Spaziergänge" waren im Vorfeld verboten worden. Die Behörden warnten, man werde hart durchgreifen. Beobachter schätzen die Demonstration am Wochenende als Test ein, wie Putin auf neue Proteste reagieren wird. "Es scheint, als ob die Behörden keine Taktik haben. Dass sie denken, niemand kommt zu den Protesten, wenn sie es nur verbieten", kommentierte die Zeitung "Wedomosti".

Blogger spricht von traurigem Festnahmerekord
Rund 1000 Festnahmen an einem Tag in Moskau sei ein trauriger Rekord, schreibt der Blogger Ilja Warlamow. So viele gab es nicht einmal bei den Massenprotesten im Winter 2011 und 2012. Damals waren über Wochen hinweg Hunderttausende Menschen gegen Wahlbetrug auf die Straße gegangen. Sie wurden brutal von der Polizei niedergeknüppelt.

Fünf Jahre lang wagten sich die Menschen nur zu seltenen Anlässen auf die Straßen: Als der prominente Oppositionspolitiker Boris Nemzow ermordet wurde und zu den Jahrestagen. Die jungen Menschen von 2011 seien desillusioniert, schreibt Warlamow. "Heute gehen die jungen Leute auf die Straße, die während Putins Amtszeit geboren wurden und aufgewachsen sind. Sie fordern jetzt Veränderungen."

Übersieht der Kreml den Effekt des Internets?
Die Jugend erinnere sich nicht an die katastrophalen Wirtschaftskrisen vor Putin oder an die Enttäuschungen der letzten Proteste, sagt der Politologe Winogradow. Sie sei jedoch motiviert, weil sie sich viel besser in sozialen Medien vernetzen und unterstützen könne. Nun übersehe der Kreml den Effekt, den das Internet auf junge Menschen hat. "Möglicherweise sehen wir die Geburt einer neuen politischen Realität, und der Kreml ist machtlos, irgendetwas zu ändern."

Die Schülerin Katja erzählt einem Internetportal von ihrer Festnahme in Moskau. Sie werde auch wieder auf die Straße gehen, "es ist einfach richtig". Die 16-Jährige befürchtet nur, dass sich die Menschen nicht mehr auf die Straße trauen.

Wenige Minuten vor seiner Verurteilung hat Oppositionsführer Nawalny noch tröstende Tweets für Katja und seine Anhänger: "Ihr seid die Hoffnung für Russland auf eine normale Zukunft." Es ist einer seiner letzten Tweets, bevor er wegen des Arrests sein Handy abgeben musste.

 krone.at
Redaktion
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