Fr, 15. Dezember 2017

Meine Geschichte

22.03.2017 17:00

Kind mit Down-Syndrom: "Der Anfang einer Reise"

Uschi ist 45 Jahre alt, als sie noch ein Kind kriegt. Elias hat das Down-Syndrom. Erst ist sie geschockt, dann lässt sie sich auf ein neues Leben ein. Das Protokoll einer späten Mutter.

Ich mag die Geschichte "Reise nach Holland" von Emily Kingsley. Darin geht es um eine Frau, die nach Italien reisen will. Sie kauft sich einen Reiseführer, lernt ein paar Brocken Italienisch und steigt ins Flugzeug. Doch nach der Landung stellt sie fest: Sie ist nicht in Italien, sondern in Holland. Alle Pläne sind durchkreuzt, zunächst ein Disaster. Bis sie anfängt, sich auf den neuen Ort einzulassen.

Ich war schon 45 Jahre alt, als ich schwanger wurde. Ungewollt. Ich hatte bereits zwei erwachsene Kinder, war gerade mit meinem neuen Freund zusammengezogen und wollte beruflich endlich durchstarten. Dass nun alles wieder von vorne beginnen sollte - für mich war das anfangs unvorstellbar.

Nur Vorsorgetests gemacht, die ungefährlich sind
Doch dann habe ich mich mit der Situation arrangiert. Die Schwangerschaft ist gut verlaufen. Allerdings habe ich nur die Vorsorgetests machen lassen, die für das Ungeborene ungefährlich sind. Einige sind daher ausgefallen. Trotz meines Alters wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, mit meinem Baby könnte was nicht stimmen. Bis zu Elias' Geburt.

Noch bevor der Arzt den Mund aufgemacht hat, wusste ich, was mit ihm los ist. Seine Augen waren nach oben geschrägt, und er hatte diese typische Lidfalte an der Innenseite der Augen. Down-Syndrom. Als Integrationsfachkraft für Menschen mit Beeinträchtigung erkennt man das sofort.

Haben Sie auch ein Schicksal gemeistert und können damit anderen Mut machen? Dann schreiben Sie bitte an: brigitte.quint@kronenzeitung.at

Erst habe ich gekocht vor Wut über mein Schicksal, dann habe ich bitterlich geweint. Wenn du als Mutter erfährst, dass dein Kind Down-Syndrom hat, reißt es dir erst mal die Füße weg. Elias' Vater war da weniger emotional. Er hat sich über seinen Buben gefreut, ihn genommen, wie er war. Bis heute.

Unsere Beziehung ist trotzdem gescheitert. Unsere Partnerschaft war einfach noch nicht genug gefestigt.

Erst mit drei Jahren hat Elias gehen gelernt
Mein neues Leben mit Elias habe ich alleine durchgezogen. An Arbeiten war nicht mehr zu denken, da es kaum Betreuungsplätze für Kinder mit Beeinträchtigung gibt.

Geholfen hat mir mein Beruf trotzdem. Denn ich wusste genau, wie ich meinen Sohn fördern kann, damit er sich gut entwickelt. Freilich in seinem eigenen Tempo. Er hat erst mit drei Jahren gehen gelernt, schläft bis heute nicht durch, und nicht alle verstehen ihn, wenn er spricht. Auch die vielen OPs waren schwer für mich - Elias ist mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen.

Ungeachtet aller Hindernisse: Vor Elias kannte ich keinen Menschen, der so viel lacht, strahlt und sich an Kleinigkeiten erfreuen kann. Ein Kind mit Trisomie 21 zu bekommen ist nicht das Ende der Welt. Es ist der Anfang einer Reise, die spannend, manchmal mühsam und sorgenvoll, aber vor allem lehrreich und lustig ist.

Mittlerweile ist Elias acht Jahre alt und geht in eine normale Volksschule. Er ist gut integriert, hat Freunde und ist ein richtiger Lausbub. Nur selten passiert es, dass ihn Kinder auf dem Spielplatz nicht mitspielen lassen. Meist kann ich die Situation klären. Bei Erwachsenen ist das schon schwieriger. Einmal hat sich eine Mutter mit ihrer Tochter im Zug von uns weggesetzt und etwas von "krank" gemurmelt.

Ich kenne keinen, der so viel lacht und strahlt
Um wieder auf die Orte zurückzukommen. Ich habe mir eingebildet, selbst steuern zu können, wohin die Reise geht. Es ist anders gekommen. Ich bin jetzt glücklicher als früher.

In Holland beginnt gerade die Tulpenzeit. Die gelben mag ich besonders. Sie stehen in der Pflanzensprache für Fröhlichkeit und Lebenslust. Keine Blume könnte besser zu meinem Elias passen!

TIPPS UND INFOS:

  • Weltweit wird etwa jedes 700. bis 800. Kind mit Trisomie 21 geboren.
  • Bei Menschen mit Down-Syndrom ist das Chromosom 21 dreifach vorhanden. Die Folge sind körperliche Auffälligkeiten sowie eine verlangsamte motorische und geistige Entwicklung.
  • Rund 90 Prozent der Eltern, bei deren Kind das Down-Syndrom festgestellt wird, entscheiden sich für eine Abtreibung.
  • Auf der Elternplattform www.familiennetzwerk-down-syndrom.at können sich Betroffene austauschen. Dort werden auch gemeinsame Ausflüge organisiert.

Brigitte Quint, Kronen Zeitung

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