Mo, 23. Oktober 2017

Rio Ferdinand:

22.03.2017 08:29

„Wusste nicht einmal, wie man zum Doktor geht“

Er galt als der vielleicht weltbeste Innenverteidiger, genoss das schrille Luxus-Leben eines Fußballstars, wurde begehrt, umgarnt, verhätschelt - aber der Tod seiner Frau riss Englands Ex-Teamkicker Rio Ferdinand schlagartig aus dem Schein-Universum. Jäh vom verwöhnten Millionär zum hilflosen, lebensunfähigen Durchschnittsbürger. "Ich wusste nicht einmal, wie man zum Doktor geht", gesteht er in einem berührenden Interview mit der BBC.

Er war der Prototyp eines Innenverteidigers: groß, bullig, austrainiert, stets grimmig dreinblickend und zu keinen Kompromissen bereit. Rio Ferdinand, jahrelang Abrissbirne Nummer eins im Spiel der "Red Devils" aus Manchester, wurde auf der Insel für seine britische (Über-)Härte geliebt. Gefühle? Fehlanzeige! "Kollegen, die ihre Gefühle zeigten, waren für mich immer Schwächlinge. Wenn ich so etwas in der Kabine bemerkte, verlor ich den Respekt", zitiert die deutsche "Welt" ein aufrüttelndes Interview Ferdinands in der BBC.

Jeder Wunsch wurde erfüllt
Im Big Business des Profi-Fußballs, zumal auf der britischen Insel, zählt Leistung - und Show. Menschlichkeit bleibt da weitgehend auf der Strecke. Dachte sich auch Rio Ferdinand und frönte lustvoll dem Bling-Bling-Glitzer-Lifestyle eines Superstars. Selbst um irgendetwas kümmern musste er sich während seiner aktiven Karriere nicht. Die Schuhe nicht sauber genug? Ein "Butler" bringt sie sofort auf Hochglanz. Im Kreuz zwickt's? Die Klub-Physios kneten den muskelbepackten Body, bis es gut ist. Verkühlung? Der Vereinsarzt wird's schon richten. Hunger? Ein feinst zubereitetes Papperl, abgestimmt auf die Bedürfnisse eines Profi-Kickers, wird liebevoll serviert.

Und daheim ging's in dieser Tonart weiter. Alltag, Kinder, Haushalt, Urlaubsplanung? Managte Rios Frau Rebecca im Alleingang. "Selbst im Flughafen schaute ich gar nicht mehr hoch, um die Schilder zu lesen, ich lief nur noch den anderen nach", gesteht der heute 38-jährige Ferdinand in dem Interview.

Alltagsunfähig
Und dann kam's knüppeldick im Leben des ehemaligen Champions-League-Gewinners: Frau Ferdinand starb im Jahr 2015 nach einer schweren Krankheit. Sie hinterließ Papa Rio drei Kinder. Für Ferdinand ein Fiasko. Obwohl dank der Kick-Millionen finanziell längst unabhängig und mit Mitte 30 voll im Leben stehend, war er unfähig, seinen Alltag zu managen. Hilflos. Einsam. Lebensuntauglich. Die Parallelwelt Profi-Fußball hatte ihm den Blick aufs echte Leben völlig verstellt. "Ich wusste nicht einmal, wie man zum Doktor geht. Bis dahin hatte immer alles der Klubarzt geregelt", gesteht Ferdinand. "Als Fußballer rührst du keinen Finger. Alles ist immer schon bereit für dich. Wenn du dich umziehst, wirfst du die Sachen einfach auf den Boden und kümmerst dich nicht mehr drum."

Heute arbeitet Ferdinand als TV-Experte:

Feiersinger und die Scheinwelt
Dass Profifußball, zumal in internationalen Top-Ligen, mit dem echten Leben oft nicht viel gemein hat, bestätigte in einem "Krone"-Interview einst auch Ex-Team-Libero Wolfang Feiersinger. "Du lebst als Fußballer in einer Scheinwelt. Alles wird dir abgenommen." Feiersinger, mit Borussia Dortmund 1997 Champions-League-Sieger, wählte einen ganz speziellen Ausweg aus dieser Situation. Schnelle Luxus-Schlitten und heiße Öfen interessierten ihn nach Karriereende nicht mehr. "Sali" sattelte auf Hüttenwirt um, betrieb eine Berghütte auf 1500 Metern Höhe und genoss die Normalität, die ihm der Profifußball nie geben konnte.

Rio Ferdinands Situation war freilich deutlich verzwickter. Es dauerte Monate, bis er sich dazu durchringen konnte, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch das galt in der Macho-Style-angehauchten Kicker-Welt früher als verpönt, erzählt er. Heute steht Ferdinand zu seinen Gefühlen, zu seinen Schwächen - und zu seiner Trauer um seine Frau. In seinem Leben ist so etwas Ähnliches wie Normalität eingekehrt. Schade, dass seine Frau Rebecca den "normalen" Rio nicht mehr kennenlernen durfte.

Michael Fally
Redakteur
Michael Fally
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