Fr, 24. November 2017

„Krone“-Nachtkritik

11.03.2017 23:20

Akademie: „Die Welt im Rücken“ - Himmel und Hölle

Wie bringt man eine manische Depression auf die Theaterbühne? Der Regisseur Jan Bosse und sein Darsteller Joachim Meyerhoff wagen den Grenzgang, Thomas Melles gefeierten Prosatext "Die Welt im Rücken" zum Solo zu verdichten. Das Resultat ist ein Beispiel packenden Schauspielertheaters - ungeachtet seiner Shakespeare-Ausmaße.

Der deutsche Autor Thomas Melle ist ein viel bewunderter Sprachkünstler, hoch emotional in seinen Schilderungen seelischer Zerstörungsvorgänge. Das machte seinen autobiographischen Ich-Bericht "Die Welt im Rücken" schon zu einer Art Theatertext, noch ehe ihn der Regisseur Jan Bosse und der Haupt- und Alleindarsteller Joachim Meyerhoff für das Akademietheater dramatisiert haben.

Melle beschreibt seine eigene manisch-depressive Erkrankung, und die Produktion des Akademietheaters verdichtet 325 Seiten auf einen Abend von zweidreiviertel Stunden. Nach dem krankheitsbedingten Ausstieg Ignaz Kirchners begab sich Meyerhoff allein auf einen Höllenritt, den sich nicht viele zugemutet hätten: Auf leerer Bühne, ohne Videozuspielungen, Headset und andere pseudokabarettistische Entourage, entsteht ein Abend puren, intensiven, selbstentäußernden Schauspielertheaters.

Meyerhoff beginnt mit dem Bekenntnisschwall eines notdürftig Normalgestellten und steigert sich in die Raserei farbenglühender Wahnvorstellungen bis zur endlichen rituellen Selbstkreuzigung. Dann der Aufprall in der Depression aus schwindelnder Höhe - da fehlt nichts zum großen Abend. Allenfalls wäre das wehleidige Nachspiel verzichtbar gewesen, doch 30 Minuten Meyerhoff mehr sind auch nicht zu verachten.

Heinz Sichrovsky, Kronen Zeitung

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