Mi, 22. November 2017

Statutenänderung

11.03.2017 14:17

D: Künftig auch Muslime bei katholischen Schützen

Es war nur ein Schuss - doch der löste ein Erdbeben aus, zumindest in der Welt der katholischen Schützen in Deutschland. Mithat Gedik, ein Muslim, schoss im Juli 2014 beim Bezirksschützenfest in einem westfälischen Dorf den Vogel ab. Sofort brach eine heftige Debatte los: Ein Muslim in den eigenen Reihen - und auch noch als Schützenkönig? Der Dachverband wollte Gedik rauswerfen, weil er kein Christ ist, wie es die Vereinsstatuten erfordern. Doch das stieß bundesweit auf scharfe Kritik. Nach langem Hin und Her wird nun bei der Bundesvertreterversammlung ein Schlussstrich unter dieses Kapitel gezogen - und eine Zeitenwende vollzogen.

Die Schützenbruderschaften in Deutschland basieren vorwiegend auf historischen Bürgerwehren, die hauptsächlich kirchliche Veranstaltungen schützten. Mitglieder der Bruderschaften nehmen mit Fahnen, Spalieren und Umzügen an Prozessionen und kirchlichen Festen teil und veranstalten regelmäßig Schützenfeste mit Königsschießen.

"Keiner fragte nach Konfession, weil er so gut integriert ist"
Mithat Gedik ist Schütze bei der Bruderschaft St. Georg Sönnern-Pröbsting in Nordrhein-Westfalen. Doch eigentlich hätte der 36-Jährige als Muslim überhaupt nicht Mitglied werden dürfen. In Paragraf 2 der Satzung des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) heißt es nämlich, dass die Bruderschaft "eine Vereinigung von christlichen Menschen" sei. Doch darüber habe sich vor Ort niemand Gedanken gemacht, sagte ein BHDS-Sprecher. "Es hat ihn keiner nach seiner Konfession gefragt, weil er so gut integriert ist."

Gedik ist Deutscher mit türkischen Wurzeln, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Er hatte katholische Religion als Abiturfach, mit seiner katholischen Frau Melanie hat er vier Kinder. In Sönnern engagiert er sich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Im Dorf habe man ihn 2014 gefragt, ob er dieses Jahr den Schützenkönig machen wolle - natürlich habe er wollen, sagte Gedik nun der Deutschen Presse-Agentur. Keinen Gedanken habe er daran verschwendet, dass er damit eine solche Welle lostreten würde. Der "Fall Gedik" machte nämlich bundesweit Schlagzeilen.

"Mein Gott, dann gibt es eben einen muslimischen König"
Zum Abdanken habe ihn der Dachverband aufgefordert, weil er Muslim sei, so der 36-Jährige. "Da habe ich gedacht: Leute, lasst mal die Kirche im Dorf. Mein Gott, dann gibt es eben einen muslimischen König." Der Vorstoß des BHDS sorgte bundesweit für Aufregung. Diverse Politiker äußerten sich, sogar die Antidiskriminierungsstelle des Bundes schaltete sich ein. Und dann kam auch noch die Quittung von der UNESCO, die die historischen Schützen Europas nicht ins immaterielle Kulturerbe aufnahm, weil nicht jeder mitmachen darf.

Schließlich lenkte der Dachverband ein: Gedik durfte Schützenkönig bleiben - "ausnahmsweise", wie es streng hieß. Unter den Schützen folgte eine Diskussion darüber, ob es sein darf, dass ein Muslim in einer katholischen Gesellschaft den Vogel abschießt und Schützenkönig wird. Die Debatte über eine "Öffnung" des anerkannten katholischen Verbands mit rund 400.000 Mitgliedern in etwa 1200 Schützenbruderschaften verlief äußerst hitzig. Die Erkenntnis schließlich: Kirche verändere sich - und die katholischen Schützenvereine müssten sich auch verändern. Die Vereine wollten mehr Spielräume.

Nicht-Christen, Schwule, Ausgetretene: Neue Regeln kommen
Und die sollen sie nun bekommen: Am Sonntag will der BHDS bei der Bundesvertreterversammlung in Leverkusen seine Regeln lockern. Künftig dürfen also auch Nicht-Christen Mitglied werden. Außerdem soll beschlossen werden, dass die Partner von Schwulen nicht mehr beim Festzug hinter dem König gehen müssen. Wie im Jahr 2011, als der damalige Schützenkönig den Vogel in Münster-Kinderhaus abgeschossen und seinen Partner zur "Schützenkönigin" ernannt hatte. Der BHDS setzte durch, dass der hinter seinem Partner herlaufen musste. 2012 beschlossen die Bundesdelegierten dann ausdrücklich, dass ein Königspaar aus Mann und Frau bestehen müsse. Auch das soll am Sonntag gekippt werden. Ebenso wird der Umgang mit Schützenbrüdern, die aus der Kirche ausgetreten sind, neu geregelt.

Statutenänderungen als "Absegnen der Lebenswirklichkeit"
Für die Vereine, die bisher streng nach Vorgaben lebten, ist das revolutionär. Emil Vogt, der seit 2015 Bundesschützenmeister ist, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Für Gesellschaften wie in Sönnern-Pröbsting - mit der Vorliebe für rheinische Lösungen - ist das nun das Absegnen der Lebenswirklichkeit." An dieser gingen Beschlüsse und Satzungen eben bisweilen vorbei. Was die einzelnen Bruderschaften aus ihren neuen Freiheiten machen, bleibe jedoch ihnen überlassen.

Für Mithat Gedik jedenfalls sind diese Veränderungen "bitter notwendig", wie er sagt. Dass gerade er Auslöser für den ganzen Prozess war, hätte nicht unbedingt sein müssen, doch damals sei das ganze Dorf hinter ihm gestanden - und das nehme ihm niemand mehr.

 krone.at
Redaktion
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