Do, 26. April 2018

Lebe das Mittelalter

27.10.2006 14:17

Die Gilde 2

Europa zur Zeit des späten Mittelalters: Raue Sitten und Armut auf der einen Seite, korrupter und hochnäsiger Adel auf der anderen Seite prägen diese Epoche. In der Lebenssimulation "Die Gilde 2" entscheidet der Spieler selbst über das Schicksal seiner Dynastie...

Bevor die Geschicke eines Familienclans jedoch gelenkt werden dürfen, hat der Spieler ein paar grundlegende Entscheidungen zu treffen: So stehen insgesamt sieben Gebiete zur Auswahl, die den Spieler beispielsweise in den Sherwood Forest, das südliche Deutschland zwischen Heidelberg und Augsburg oder in das Gebiet rund um Lyon verschlagen.

Große Auswahl auch bei den vorhandenen Spielmodi: Neben einem Mehrspielermodus trumpft der Einzelspieler-Modus mit vier Varianten auf. Während im "Dynastie"-Modus ohne konkretes Ziel munter drauf los gespielt werden darf, gilt es in "Auslöschung" die gegnerischen Dynastien zu vernichten. Im Modus "Zeitlimit" müssen hingegen innerhalb einer vorgegebenen Zeit so viele Punkte wie möglich gemacht werden, während im Modus "Auftrag" verschiedene Ziele gewählt werden dürfen, beispielsweise besonders reich zu werden und Karriere zu machen oder den Weg des Verbrechers einzuschlagen.

Dann noch einen passenden Namen wählen, das Geschlecht bestimmen, was jedoch keinerlei Auswirkungen auf das Gameplay hat, und eine Religion (katholisch oder evangelisch) aussuchen. Das jeweilige Bekenntnis bestimmt, wie hoch (oder niedrig) der Spieler in der Gunst anderer Bürger steht. Am wichtigsten ist jedoch die Wahl der eigenen Klasse: Wer den Weg als Patron einschlägt, darf als Bäcker, Bauer oder Wirt das Mittelalter erleben. Handwerklich begabte spielen hingegen als Schmied, Schneider oder Tischler, während Gelehrte in das Amt des Priesters oder Alchimisten schlüpfen. Unehrliche Häute bevorzugen vielleicht lieber den Gauner, der als Dieb oder Räuber die Dörfer unsicher macht.

Jede Klasse bringt über die Wahl des Berufes auch gewisse Lernstärken oder –schwächen mit sich, die durch die Wahl eines Sternzeichens, vor allem aber durch gewonnene Erfahrung im Spiel nach und nach kompensiert werden können. Wer dann in einem umfangreichen Charakter-Editor noch sein äußeres Erscheinungsbild festlegt, darf endlich in die Welt des Mittelalters starten.

Doch wie es im Leben nun mal so ist: Man beginnt als unbedeutender und bettelarmer Niemand. Lediglich eine heruntergekommene Hütte dient als Unterschlupf. Zuerst sollte daher in eine Arbeitsstätte investiert werden, in der der Spieler durch die Produktion entsprechender Güter zu Reichtum gelangen kann. Während zu Beginn nur einfache Hütten zur Verfügung stehen, können Schmieden, Schreinereien und Co. durch diverse Ausbaustufen zu stattlichen Anwesen ausgebaut werden. Sowohl das eigene Heim als auch die Arbeitsstätte können zudem innenarchitektonisch erweitert werden. So können durch Gitter vor den Fenstern Einbrecher besser abgewehrt werden, ein zusätzliches Bett schafft Platz für einen neuen Arbeiter und eine bessere Destille steigert die Produktivität.

Durch das Anstellen neuer Arbeiter, den Handel der produzierten Güter auf dem Markt und den einen oder anderen Sabotage-Akt am Gegner gelangt der Spieler mit etwas Glück zu Reichtum. Da sich mit Geld aber bekanntermaßen nicht alles kaufen lässt, muss um eine Frau geworben werden. Mit kleinen Geschenken, Umarmungen und lobenden Worten gewinnt man Stück für Stück die Zuneigung des oder der Umworbenen. Einmal glücklich vereint, ist es nur noch ein kleiner Schritt zum gemeinsamen Nachwuchs. Allerdings sollte bedacht werden, dass die Bälger auch Schul- und Lehrgeld verschlingen, ehe sie mit 16 Jahren für den Fortbestand der Dynastie sorgen können.

Aus diesem Grund sollte sich der Spieler bald nach einem höheren Amt umschauen, welches zumeist nach erfolgreicher Bestechung und Erpressung hoher Würdenträger und angesehener Bürger im Rathaus abzustauben ist. Mit einem neuen Amt steigen nicht nur Einkommen und Ansehen (zumindest bei einem Teil der Bevölkerung), sondern es kommen auch neue Privilegien, wie das Bewohnen von Prachtbauten oder Immunität, hinzu. Während in Dörfern nur drei politische Ämter zur Verfügung stehen, können in der Stadt neun Positionen errungen werden. Wer also lange Zeit als Bauer geschuftet hat, darf später auch als Henker, Richter oder Bischof wirtschaften.

Optisch ist „Die Gilde 2“ ein echter Hingucker geworden: An jeder Ecke kreucht und fleucht es, Arbeiter gehen ihren Beschäftigungen nach und ziehen stöhnend ächzende Karren hinter sich her. Dies alles geschieht im Wandel der Zeiten, der nicht nur kleine Dörfer zu großen Städten heranwachsen und den Sommer auf Winter sowie Regen auf Sonnenschein folgen lässt, sondern auch tiefe Furchen in den Gesichtern der Spielfiguren hinterlässt. Hier spürt man einfach in jedem Winkel des Geschehens die Liebe der Entwickler zum Detail.

Auch in Sachen Gameplay haben die Macher ganze Arbeit geleistet. Trotz aller Komplexität sind alle Menüs übersichtlich und leicht verständlich aufbereitet. Zudem lassen sich bestimmte Vorgänge ganz einfach automatisieren, so dass Einsteiger nicht zu schnell ins Trudeln geraten. Dennoch sei das ausführliche Tutorial wärmstens empfohlen, da es ansonsten vorkommen kann, dass der Spieler mit der großen Spielfreiheit nichts anzufangen weiß. Abzüge gibt es hingegen auf technischer Seite, krankt das Spiel doch an einer Vielzahl kleiner Bugs. Ein erster Patch ist bereits vorhanden und sollte daher vor Spielbeginn installiert werden.

Fazit: „Die Gilde 2“ bietet einen äußerst umfangreichen und tiefgehenden Einblick in das mittelalterliche Leben – manchmal fast schon zu umfangreich. Ein wenig Einarbeitungszeit sollte daher schon mitgebracht werden, um den Mix aus Wirtschaft, Rollenspiel und Lebenssimulation wirklich genießen zu können. Hat man den Bogen allerdings erst einmal raus, steht verzockten Nächten vor dem PC nichts mehr im Wege.

Plattform: PC
Publisher: JoWood, Deep Silver
Krone.at-Wertung: 88%


von Sebastian Räuchle

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