Sa, 25. November 2017

Reporter in Haft

01.03.2017 08:14

Journalist: „Die Kollegen sind Erdogans Geiseln“

Das rigide Vorgehen der türkischen Regierung gegen kritische Journalisten sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Rund 150 von ihnen sitzen mittlerweile in Haft, darunter auch Deniz Yücel, Korrespondent der "Welt". Sein Fall sorgt besonders in Deutschland für Aufsehen, denn Yücel besitzt sowohl einen türkischen als auch einen deutschen Pass. Der regierungskritische türkische Journalist Can Dündar sagte dazu am Mittwoch der "Welt": "Die Kollegen wissen, dass die türkische Regierung sie als Geiseln genommen hat."

Als ehemaliger Chefredakteur der Erdogan-kritischen Zeitung "Cumhuriyet" geriet Can Dündar selbst ins Visier der türkischen Justiz. Er wurde wegen Verrats von Staatsgeheimnissen in seiner Heimat zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt. Weil Dündar Widerspruch einlegte, ist das Urteil jedoch nicht rechtskräftig. Derzeit lebt er in Deutschland.

Dass sein Kollege von der "Welt" jetzt in Haft sitzt, ist für Dündar angesichts des Kurses der türkischen Regierung keine Überraschung: Wenn man sich anschaue, was Yücel vorgeworfen werde, sei eigentlich klar, "dass sie ihn wegsperren". Von den türkischen Behörden habe er nichts anderes erwartet. "Es ist sehr beliebt, Journalisten Terrorismus vorzuwerfen."

Korrespondent wegen "Terrorpropaganda" inhaftiert
Yücel, der einen deutschen und einen türkischen Pass besitzt, war am Montag nach 13 Tagen im Polizeigewahrsam in Untersuchungshaft genommen worden. Ihm werden Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung vorgeworfen. Sein Fall sorgt für internationale Proteste, auch Österreichs Außenminister Sebastian Kurz erklärte via Twitter, die Verhaftung Yücels sei "nicht nachvollziehbar". Die Pressefreiheit in der Türkei werde "immer massiver eingeschränkt".

Vor der türkischen Botschaft in Berlin hatten am Dienstag Demonstranten die Freilassung Deniz Yücels gefordert. "Freiheit für alle inhaftierten Journalist/innen in der Türkei!", war auf Plakaten neben dem Konterfei des "Welt"-Journalisten zu lesen. Zuvor fuhren Unterstützer im Autokorso durch Berlin. Knapp 70 Wagen nahmen laut Polizei auch in Frankfurt an einer Kundgebung teil. Mit dabei war hier auch Yücels Schwester Ilkay. Sie hoffe, dass durch solche Aktionen "die Öffentlichkeit auf den Fall aufmerksam wird", sagte sie. Ihrem Bruder gehe es den Umständen entsprechend gut: "Noch ist er stark."

"Korso 4 Deniz" auch in Wien und Graz
Auch in Wien und Graz kam es zu Kundgebungen. Unter dem Motto "Korso 4 Deniz" waren am Dienstagabend Auto- und Fahrradkorsos unterwegs, um gegen den U-Haft-Befehl zu protestieren. In Wien fuhren gut 20 Autos und eine Handvoll Fahrräder unter einem Hup- und Pfeifkonzert und mit Polizeieskorte vom Ernst-Happel-Stadion Richtung Parlament.

"Ich bin besorgt über die Situation in der Türkei und will meinen Teil dazu beitragen, dagegen anzukämpfen", so eine türkischen Wissenschaftlerin aus Ankara, die seit drei Jahren in Österreich lebt. Ihren Namen wollte sie nicht nennen, sie habe Angst, das ihr etwas passieren könnte - sie sei schon in Schwierigkeiten gekommen, weil sie eine regierungskritische Petition unterzeichnet habe, sagte sie.

"In der Türkei sind Recht und Gesetz ausgeschaltet"
In Berlin wurde am Dienstagabend der türkische Botschafter ins Außenwärtige Amt zitiert. Eine baldige Freilassung Yücels schließt Ex-Chefredakteur Dündar dennoch aus. Recht und Gesetz seien in der Türkei mittlerweile ausgeschaltet, sagte er. "Vor dem Referendum am 16. April gibt es meines Erachtens keine Chance auf Freilassung. Die Kollegen wissen, dass die türkische Regierung sie als Geiseln genommen hat", so der Journalist. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt die Bevölkerung am 16. April über eine Ausweitung seiner Macht im Zuge der Einfühung eines Präsidialsystems abstimmen. Auch über die Einführung der Todesstrafe soll dabei entschieden werden.

Dündar zeigte sich überzeugt, dass Erdogan das Referendum verlieren wird. "Die Türkei ist auf einem absteigenden Ast. Die Stimmung ist schlecht, die Wirtschaft ist im Niedergang. Selbst die AKP-Anhänger haben die Nase voll davon. Viele haben den Eindruck, dass sich die Türkei auf dem Weg in eine Art Diktatur befindet."

Michaela Braune
Redakteurin
Michaela Braune
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