Mo, 20. November 2017

„Krone“-Interview

28.02.2017 12:41

Joy Denalane: „Das Album steht für Zusammenhalt“

Mit dem Freudeskreis-Hit "Mit dir" erregte Joy Denalane 1999 erstmals Aufsehen. Über Nacht wurde sie zu einem Star im deutschsprachigen Musikraum, führte eine bekannte Beziehung mit Max Herre und wurde Mutter. In den folgenden Jahren war die On-/Off-Beziehung mit Herre verkaufsträchtiger als ihre Musik, doch nach Selbstzweifeln und einem fertigen, aber niemals veröffentlichten Album ist die 43-Jährige mit "Gleisdreieck" wieder ins Rampenlicht zurückgekehrt. Im "Krone"-Interview gab sie uns einen Einblick in ihr Seelenleben und wie besagtes Gleisdreieck im Berliner Kreuzberg ihr Leben geprägt hat.

"Krone": Joy, nach fünf Jahren Wartezeit erscheint nun dein neues Album "Gleisdreieck" - als Erklärung für alle Nicht-Berliner: Das ist die Gegend rund um Kreuzberg, in der du aufgewachsen bist. Ist es somit ein Vergangenheitsalbum?
Joy Denalane: Nein, aber es gibt vielleicht eine Klammer, die die DNA ganz kurz erklärt. Das Album hat ein Intro und ein Outro, wo ein Gedicht erzählt wird. Diese beiden Dinge befassen sich genau mit dem Gleisdreieck als Ort. Darüber hinaus ist es aber auch ein Bild für die Begegnung, den Umstieg, des Abschieds und der Weggabelung, weil dort ein Bahnhof ist. Es ist im Prinzip ein Bild für das Leben an sich und daher ist das Album nicht nostalgisch.

Was bedeutet dir diese Gegend heute?
Sie hat mich auf das Leben vorbereitet. Der Ort an sich ist nicht schön, das haben wir schon als Kinder schnell verstanden. Man ging dort nicht hin, um zu flanieren, sondern um von dort wegzufahren oder nach Hause zu gehen. Es gab dort viele Kinder aus verschiedensten Gesellschaftsschichten mit Eltern aus unterschiedlichsten Ländern. Meine Kindheit damals war noch nicht so organisiert, wie sie die Kinder heute meist erleben. Wir hatten damals keine Handys und nach der Schule frei bis zum Abend. Das war wahnsinnig spannend, weil man mit den verschiedensten Menschen zusammengewürfelt wurde. Es gab keine Unterschiede, man fand immer einen gemeinsamen Nenner. Das hat mich auf das Leben vorbereitet. Das Gleisdreieck hat mir die Angst vor dem Fremden genommen. Als ich in die große weite Welt gestiefelt bin wusste ich, dass die Herkunft nicht das Problem im Dialog ist. Natürlich steht der Ort auch für meine Familie, die Liebe und der Zusammenhalt.

Dein Cover dazu ist fast ein kleiner Widerspruch. Du stehst da vor einer naturbelassenen Landschaft, während Berlin die größte Metropole im deutschsprachigen Raum ist.
(lacht) Es ist ja ein Großstadtdschungel. Das Cover entstand eigentlich an einem Gleis im Gleisdreieck, nur sieht man es nicht. In diesem Sinne ist es kein Widerspruch. Beton und Wald. Vor allem die Birke steht für mich stark für die Vegetation in einem urbanen Zentrum. Sie ist der widerstandsfähigste Baum, der sich überall seinen Weg bahnt und durchbricht. Ich bin jetzt deshalb nicht die Birke in der Musiklandschaft, aber es erklärt, warum man in einem Ort wie dem Gleisdreieck das Gefühl hat, im Wald zu stehen.

Das Album an sich ist ein Wellental der Emotionen, es geht immer wieder auf und ab und man wird als Hörer durch verschiedenste Phasen des Befindens getragen. Der kleinste gemeinsame Nenner scheint das Familiäre zu sein.
Vielleicht. Die Familie ist bestimmt ein Hauptteil meines Lebens, insofern kommt das sicher hin. Viele Gedanken und viel Zeit gehen an meine Familie, das war immer schon so. Das Familiäre war auch in meinem Sujet als Künstlerin zu hören. Mit dem ersten Hit "Mit dir" poppte ich einst mit Max Herre auf. Kurz darauf hatte ich meine Platte veröffentlicht und war dann schon Mutter. Ich trat im Gegensatz zu vielen anderen also schon so ins Rampenlicht. Das hat mich natürlich geprägt und treibt mich immer wieder an.

Das ist doch eine andere Situation als üblich. Normalerweise kommt die Familie bei Künstlern erst nach oder mit dem Rampenlicht, und nicht schon davor. Bist du dadurch auch geerdeter als andere?
Das stimmt wirklich, darüber habe ich noch gar nicht so viel nachgedacht. Gute Frage, aber ich kenne ja nur die eine Seite, das ist schwer zu sagen. Kinder erden einen Menschen aber prinzipiell. Kinder wollen immer was und da sollte man dem auch nachgehen, wenn man sich für sie entscheidet. Ich habe nie in Frage gestellt, das zu vereinen. Meine Eltern waren beide immer voll berufstätig und haben insgesamt sechs Kinder bekommen. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt vernachlässigt, ungeliebt oder unwichtig gefühlte, hatte immer den Eindruck, dass es normal ist zu arbeiten und Kinder zu haben. In Berlin konnte man seine Kinder schon damals recht früh in die Kinderbetreuung geben, das ist in vielen deutschen Bundesländern noch heute nicht so. Die Vereinbarkeit muss für die Menschen aber gegeben sein, damit das funktionieren kann.

Du hast jetzt aber nicht unbedingt einen klassischen 9-to-5-Job…
In vielen Bereichen habe ich es aber auch leichter. Ich habe einen Vater zu den Kindern, der auch da ist und wir haben uns in unseren Kampagnen schon immer abgewechselt. Es war noch nie so, dass wir zeitgleich Alben draußen hatten und das hat einen Grund. Eigentlich lässt sich das bei uns ganz gut vereinen.

Künstler gelten gemeinhin als emotionaler und sensitiver als andere Menschen. Ist das bei zwei bekannten Musikern in eurem Haushalt merkbar?
(lacht) Künstler sind grundsätzlich alle sensibel, aber nicht zwingend sensibler als andere. Uns eint aber wohl diese Art der Sensibilität, das könnte der gemeinsame Nenner sein. Ich weiß gar nicht, wie wir sind. Da müssten wir mal die Kinder fragen, ich kenne ja nur mich.

Wenn Menschen mit derselben Profession und demselben Job in einer Beziehung leben, drehen sich die Gesprächsthemen zuhause meist auch nur darum. Ist das in eurem Fall in punkto Musik auch so?
Immer wieder, aber nicht durchgehend. Man klingelt nicht bei Herre/Denalane und hört von Weitem den Sound und uns singen. (lacht) Ich glaube aber, dass bei uns zuhause alles ziemlich normal abläuft und unsere Jobs die Lebensqualität nicht einschränken.

Ist der Song "Hologramm", wie man vermuten könnte, eine Aufarbeitung der anfangs gescheiterten und dann doch wieder funktionierenden Beziehungsgeschichte zwischen dir und Max?
Es war zumindest nicht der Ansatz, diese Geschichte aufzuarbeiten. Ich fand einfach das Bild des Hologramms spannend und der Song entstand mit dem Musiker Maxim, mit dem wir mittlerweile richtig gut befreundet sind. Wie kann man ein Hologramm beschreiben? Das hatte anfangs gar nichts mit Max und mir zu tun, aber ich konnte die Nummer natürlich mit meinen Gefühlen zu dem Thema füttern. Ich weiß ja, wie sich so etwas anfühlt, es war aber kein expliziter Max-Song. (lacht)

Deine privaten Erfahrungen und Erlebnisse spiegeln sich aber in allen Songs wider. Du setzt textlich nicht auf Allgemeinproblematiken.
Ich glaube, das ist mehr oder weniger bei allen Künstlern so. Man schöpft ja immer aus sich heraus. Egal, ob textlich oder musikalisch. Manche verstecken das Private in ihren Songs besser, aber ich glaube, dass im Endeffekt jeder über sich erzählt. Es sei denn, man übergibt alles den anderen Songwritern. Ich habe die ganze Zeit viel mit Textern gearbeitet und sie haben sehr viel mir Bedeutendes zum Album beigesteuert.

Im Song "Schlaflos" lässt du uns teilhaben an einer gewissen Planlosigkeit, an der du zu leiden scheinst. Gab es so einen Moment, wo du nicht mehr weiter wusstest?
Es ging nicht nur um die Karriere, sondern um die Planlosigkeit an sich, das Wort trifft es gut. Ich leide oft darunter und mit zunehmenden Erfahrungen sogar noch mehr. Je mehr du siehst und erlebst, umso planloser wirst du. Das beginnt zum Beispiel damit, dass ich mir über das Internet und Soziale Netzwerke jeden Tag viel zu viele Informationen hereinhole. Oft vermische ich auch Geschichten, die ich nicht zu Ende verarbeitet habe. Die Zeit reicht nicht, um eine Information zu verarbeiten. Informationen muss man durch einen Katalysator jagen und sie verbalisieren. Am besten natürlich in einem Dialog. Oft ist das bei mir so wie mit einem Gewitter im Gehirn und ich denke, es geht vielen Menschen ähnlich. Vor lauter Wissen weiß man eigentlich gar nichts. Das ist der Inhalt dieses Songs.

Musikalisch berufst du dich nicht nur auf deine bekannten Soul-Wurzeln, sondern lässt auch Raum für modernen R&B und gut durchmischte Klangcollagen. War es dir wichtig, den Zeitgeist zu treffen?
Natürlich, vor allem nachdem die vorige Platte vom Sound her sehr retroesk war. Nach "Maureen" kam eine Sessionphase, wo ich quasi ein ganzes Album baute, das sehr alt klang. Auch "Born & Raised" hatte sehr viele Soul- und Hip-Hop-Einflüsse. Als diese Alben entstanden sind, hatte ich meine musikalischen Momente, wo mich der Sound bewegt und interessiert hat. Als ich nach "Maureen" ins Studio ging um diese besagte Platte aufzunehmen, entschied ich mich am Ende dagegen, weil es sich nicht ganz richtig anfühlte. Es gab eine Wiederholung und die wollte ich nicht. Ich habe mich dann dazu entschieden die Musik so zu machen, wie sie mir heute gefällt. Das ist eine Vermischung verschiedenster Steile, was das Album am Ende eklektisch macht. Der Zeitgeist ist für mich genauso wichtig wie für jeden anderen auch.

Warst du mit diesem doch nicht veröffentlichten Album schon fertig?
Ja, es ist aber nicht geplant, dass es erscheint, obwohl es da ist. Ich nenne die Songs die "New York Sessions". Für mich ist das eher eine Sammlung als ein Album. Im Augenblick spiele ich nicht mit der Idee, sie zu veröffentlichen. Was aber nicht heißt, dass es nie passiert.

Was war der zündende Moment, wo du wusstest, du müsstest jetzt anders schreiben, eine andere Richtung einschlagen?
Den Aha-Moment gab es nicht. Das Ganze hat sich entwickelt und zugespitzt. Ich erinnere mich auch nicht ganz genau an den Moment, an dem ich offiziell die Reißleine gezogen habe, aber es war kein angenehmer. Natürlich hatte ich viel Zeit investiert, viel Geld ausgegeben und mit anderen Menschen daran gearbeitet. Es war an allen Fronten nicht toll, diese Sache quasi zu begraben. Es musste aber sein, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Vor etwa drei Jahren musste ich dann wieder mit mir in Klausur gehen, um die richtige Richtung für mich zu finden. Ich habe mich dann entschieden, mit meinem Stammteam rund um Max zu arbeiten und neue Texter und Produzenten dazu zu nehmen. Das war wichtig und gut, machte absolut Sinn.

Wie wichtig ist dir der Input von außen? Dass andere Menschen sich an deiner Kunst beteiligen?
Die Meinung von Künstlern ist mir auch wichtig, aber die kommt ganz zum Schluss. (lacht) Natürlich sind meine Texter auch oft Künstler und besetzen Doppelpositionen. Sie einigen das Kollegiale mit dem eigentlichen Status des Künstlers, aber es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht so gut. Das Texten gehört dazu. Wenn ich mich alleine wohin setze, dann kommt mir oft nichts Vernünftiges in den Sinn. Ich finde es einfach vorteilhaft, das im Kollektiv oder mit zumindest einer Person zu machen. Ich traf dann sehr unterschiedliche Leute, denn mit jeder Person, der man begegnet, entwickelt man ein neues ABC. Das ist dasselbe wie bei Interviews. Da sind manche Fragen natürlich gleich oder ähnlich, aber jedes Gespräch geht in eine komplett andere Richtung. Für mich war das Songschreiben sehr ergiebig, weil ich mich selbst anders beobachtete und arbeitete.

Hat das vielleicht auch mit der Sprache zu tun? Du singst deine Lieder auf Deutsch - viele Künstler tun sich schwer damit, ihre Worte in der Muttersprache an die Öffentlichkeit zu tragen.
Das weiß ich gar nicht, ich glaube aber eher nicht. Ich habe einen gewissen persönlichen Anspruch an die Texte und diesem möchte ich gerecht werden. Wenn es dann eben alleine nicht reicht, dann brauche ich Leute, die mir dabei helfen. Da bin ich überhaupt nicht eitel.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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