Mi, 22. November 2017

Hilfe bei der Pflege

01.02.2017 06:31

Haube kann Gedanken gelähmter Patienten lesen

Mithilfe einer speziellen Kopfhaube ist es Wissenschaftlern gelungen, vollständig gelähmten Patienten wieder eine Kommunikation zu ermöglichen. Vier Betroffene konnten über diese Computer-Gehirn-Schnittstelle auf Fragen mit "Ja" und "Nein" antworten, berichtete ein Team um Niels Birbaumer von der Universität im deutschen Tübingen im Fachmagazin "PLOS Biology".

Die bringen Forscher bringen mit der Haube zwei Möglichkeiten, die Hirnaktivität zu messen, zusammen - die sogenannte Nahinfrarot-Spektroskopie sowie die Elektroenzephalografie (EEG). Dabei wird von außen unter anderem die Veränderung des Sauerstoffgehalts im Blut des Gehirns gemessen, die ein Zeichen für die Aktivität der jeweiligen Hirnregion ist.

Während die Patienten 100 bis 150 Fragen in Gedanken beantworteten, justierten die Forscher die Messmethoden so, dass danach eine Treffer-Wahrscheinlichkeit von etwa 70 Prozent bei den Antworten gegeben ist. "Das ist nicht schlecht", sagte Birbaumer. "Bei Gesunden ist das auch nicht unbedingt höher, die passen auch nicht immer auf."

Haube vereinfacht Pflege der Patienten
Vier Patienten, die in Leverkusen, Leipzig, Hamburg und Nürnberg leben, habe die Kopfhaube getestet. Birbaumer hat die Erleichterung bei den Familienangehörigen miterlebt, wieder mit den gelähmten Menschen kommunizieren zu können, erzählte er. Auch die Pflege werde vereinfacht, wenn der Patient Fragen beantworten kann. Die Testpersonen durften die Haube behalten. "Wenn die entscheidenden Fragen geklärt sind, nimmt die Nutzungszeit ab", sagte Birbaumer. Dann kommunizierten die Patienten im Schnitt etwa eine Stunde pro Tag mithilfe der Haube, ergänzte der Forscher. "Das ist sehr anstrengend, die müssen sich voll konzentrieren."

Birbaumer räumte zwar ein, dass Augenbewegungskameras "viel zuverlässiger" seien. Die Krankheit amyotrophe Lateralsklerose (ALS) zerstöre aber Nerven und lähmt Muskeln. Die Betroffenen können irgendwann nicht einmal mehr ihre Augen bewegen und entsprechende Verständigungssysteme nicht mehr bedienen.

Künftig eine Hilfe bei Locked-in-Syndrom?
Alle Patienten antworteten "Ja" auf die Frage, ob sie glücklich seien, berichtete Birbaumer. Er und seine Mitarbeiter seien sehr überrascht gewesen, als sie die Patienten zur Lebensqualität befragt hätten. "Was wir beobachteten war, dass sie, so lange sie genügend Pflege daheim bekamen, ihre Lebensqualität akzeptabel fanden."

Falls die Technik einmal breit klinisch anwendbar werde, könne sie einen großen Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen mit dem sogenannten Locked-in-Syndrom (Gefangensein-Syndrom) haben. Dieses bezeichnet einen Zustand, bei dem ein Patient zwar bei Bewusstsein, jedoch körperlich fast vollständig gelähmt und unfähig ist, sich sprachlich oder etwa durch Gesten verständlich zu machen.

Derzeit kostet eine Haube, die aus bereits am Markt verfügbaren Komponenten besteht, nach Birbaumers Angaben 50.000 bis 70.000 Euro, weil es noch keine industrielle Produktion gibt. Aufgrund der eher geringen Patientenzahlen sei es schwierig, Interesse bei der Industrie zu wecken, so der Wissenschaftler, der seine Forschungen am Wyss Center in Genf betrieben hat.

Forscher will das System noch verfeinern
Nach Angaben des Wyss Center machen die von Birbaumer gewonnenen Erkenntnis bisherige Theorien hinfällig, wonach vollständig gelähmte Personen keine Computer-Gehirn-Schnittstelle bedienen können. Birbaumer will das System nun so verfeinern, dass die Patienten damit irgendwann auch Buchstaben auswählen können.

 krone.at
Redaktion
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