Fr, 24. November 2017

„Krone“-Nachtkritik

27.01.2017 22:26

Weiblicher Blick auf „Ein europäisches Abendmahl“

Fünf namhafte Autorinnen stellen dem Projekt Europa die Diagnose: "Ein europäisches Abendmahl" kann leicht das letzte sein, wenn man sich nicht bald auf Vorformen einer gemeinsamen Humanität verständigt. Das ist die Erkenntnis eines Abends großer Schauspielkunst am Akademietheater.

Die verzaubernde Kirsten Dene als lebensweise Emigrantin im Strom der Zeitenwende; die elementare Maria Happel als maximalassimilierte Putzfrau im Flüchtlingsheim; Katharina Lorenz und Catrin Striebeck als darbende ukrainische Eizellenspenderin und ihre englische Auftraggeberin; Frida-Lovisa Hamann als paralysierte junge Frau: Sie verantworten einen sentimentalen und witzigen, todtraurigen und skurrilen Abend - vielleicht schon das Requiem auf eine große politische Vision.

Das europäische Dilemma in fünf spannenden Szenen
Die Ungarin Terézia Mora, die Georgierin Nino Haratischwili, die Finnin Sofi Oksanen, die Deutsche Jenny Erpenbeck und die Österreichrin Elfriede Jelinek dramatisierten fünf spannende Szenen lang das europäische Dilemma. Die Nobelpreisträgerin schrieb für das Projekt als Einzige keinen neuen Text, weshalb die Regisseurin Barbara Frey auf den Epilog zum Flüchtlingsstück "Die Schutzbefohlenen" zurückgriff: ein extraterrestrischer Wutschwall, den Sylvie Rohrer virtuos umsetzt.

Schauplatz ist das schon halb eingestürzte Haus Europa (Bühne: Martin Zehetgruber) in der heutigen Vorverfallszeit. Der weibliche, aber nicht dogmatisch feministische Blick bewährt sich an einem aufwandlos spannenden Abend, der das Theater dorthin zurückführt, wo man es gern öfter hätte: zur puren Schauspielkunst.

Heinz Sichrovsky, Kronen Zeitung

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