Fr, 20. April 2018

16.10.2006 16:27

Aktiver Getreidebauer über Getreidepreise

Das freie Wort

Als Vizepräsident der Wiener Landwirtschaftskammer und aktiver Getreidebauer in Wien-Oberlaa melde ich mich bezüglich der Getreidebausituation zu Wort, welche alljährlich im Kielwasser der Preiserhöhungsdebatte bei Brot und Gebäck kommt. Jedes Jahr wird versucht, die drohenden Preiserhöhungen unter anderem auch den "gestiegenen" Getreidepreisen und damit den geldgesegneten Getreidebauern in die Schuhe zu schieben.


Folgende Sachverhalte sind aus Sicht der Landwirtschaft endlich zu veröffentlichen:


* Bis heute, also einen Monat nach Erntebeginn, weiß noch immer kein einziger Getreidebauer in Österreich, wie viel er für sein Getreide erhält, obwohl die laufenden Zahlungen für Betrieb und Leben fällig werden.


* Der durchgerechnete Wertschöpfungsanteil für das benötigte Getreide, der beim Getreidebauern landet, beträgt beim Brot ca. lächerliche 4% vom Konsumentenpreis. Daher würde eine 10%ige Getreidepreiserhöhung lediglich mit nicht einmal 0,5% durchschlagen. Ich habe es satt, dass jedes Jahr die Getreidebauern für drohende Preiserhöhungen herhalten müssen.


* Auch die Getreidebauern hätten gestiegene Treibstoff- und Betriebsmittelkosten weiterzuverrechnen.


* Der Rohstoff "Qualitätsweizen" kostete für die verarbeitende Industrie vor zwölf Jahren noch ca. 290 €/Tonne.


* Die konkret ausgezahlten Erzeugerpreise für die Hauptkategorie "Qualitätsweizen" betrugen in den letzten Jahren - inklusive etwaiger Nachzahlungen nach jeweils fast einem Jahr - und exklusive USt je Tonne:


Jahr 2000: 123 €

Jahr 2001: 118 €

Jahr 2002: 116 €

Jahr 2003: 112 €

Jahr 2004: 104 €

Jahr 2005: 87 €


* Im Vergleich der Jahre 2000/2005 verfielen daher die Erzeugerpreise kontinuierlich um insgesamt 29,3%!


Die jährliche Erlösverminderung für uns bzw. Einstandspreisverminderung für die Verarbeiter betrug in diesem Fünf-Jahres-Zeitraum daher durchschnittlich 5,86% pro Jahr!


* Im Vergleich zum Qualitätsweizenpreis vor dem EU-Beitritt betrug daher der Preisverfall 70%!


* Um alleine die vorjährige Preisreduktion zu kompensieren, müsste daher der heurige Getreidepreis um 19,5% steigen. Um den Preis des Jahres 2000 ohne Inflationsabgeltung zu erhalten, müsste daher der Preis gar um 41,3% steigen.


Es ist die legitime Frage zu stellen, ob die Konsumenten überhaupt von diesem jahrelangen Preisverfall des Rohstoffes profitiert haben. Ich weiß schon, dass der Bauer als freier Unternehmer keinen gesicherten Lohnanspruch hat. Trotzdem stelle ich mit Bitterkeit fest, dass wir das Getreide herschenken könnten, und es würde sich für die Verbraucher in der Praxis nichts ändern. Ich überlasse es den Lesern, sich einen Reim darauf zu machen, wo denn eigentlich der Löwenanteil des Konsumentenpreises und der viel diskutierten Preiserhöhung bei Brot und Gebäck entsteht.


Es ist kein Wunder, wenn viele junge Bauern angesichts der aktuellen "Wertlosigkeit" ihrer Qualitätsprodukte und der zusätzlichen Fördergelddebatte der Neidgenossen (Gelder, welche zum Teil die enormen Umsatzausfälle kompensieren sollen) die Höfe zusperren. Noch viel mehr Kollegen wären es, hätten wir österreichischen Bauern nicht das Verantwortungsempfinden gegenüber unseren Ahnen, die die Höfe in Generationen aufgebaut haben, und die Liebe zur Natur und unserem Beruf.




Ing. Franz Windisch, Vizepräsident der Wiener Landwirtschaftskammer
erschienen am Di, 17.10.

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