Di, 21. November 2017

Abschiedsinterview

14.01.2017 15:55

Kehren Sie gern in USA zurück, Frau Botschafterin?

Am kommenden Freitag, wenn Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wird, muss sie das Land verlassen: die Demokratin, Triathletin und dreifache Mutter Alexa Wesner. Im Abschiedsinterview mit Conny Bischofberger spricht die US-Botschafterin über ihre "Ära Obama", bittersüße Erinnerungen und die zwei österreichischen Katzen, die künftig in einem Milliardärshaushalt in Colorado leben.

Hochsicherheitstrakt US-Botschaft in der Wiener Boltzmanngasse: Während das "Krone"-Team Freitagmittag durch die Kontrollen geschleust wird, feiern die Botschafterin und ihr Team gerade eine Farewell-Party. Beim Aufgang zu den Amtsräumlichkeiten blicken noch Barack Obama und John Biden von den goldgerahmten Bildern. Alexa Wesner erscheint in einem schwarzen Kleid im kleinen Konferenzzimmer, sie trägt kleine Perlen-Ohrstecker und hält einen Coffee-to-go-Becher in ihrer Hand. "Es ist, als wäre es erst gestern gewesen", bemerkt sie in Anspielung auf das "Krone"-Antrittsinterview im Oktober 2013 - diesmal schon in perfektem Deutsch. Das Interview findet, im Beisein von Presseassistentin Alice Burton und Botschaftssprecher Robert Greenan, trotzdem auf Englisch statt.

"Krone": Noch fünf Tage bis zu Ihrer Abreise. Sind Sie froh oder traurig?
Alexa Wesner: Von beidem etwas, es sind gemischte Gefühle. Ich freue mich natürlich, nach Hause zurückzukehren, aber es macht mich auch traurig zu gehen. Es waren drei wirklich intensive Jahre, und viele Menschen, die ich hier kennengelernt habe, sind mittlerweile wie eine Familie für mich. Und mit unserer Arbeit, denke ich, haben wir die Welt doch ein Stück weit verändert.

Inwiefern?
Indem wir jene Werte verfolgt haben, die unsere beiden Länder - USA und Österreich - ausmachen. Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Güte und Mitgefühl. Wenn wir diesen Weg weiterhin gehen, dann ist das ein Weg der Sicherheit, des Friedens und des Wohlstands. Der Weg ist noch lang, umso wichtiger wird es sein, ihn weiterhin konsequent, Schritt für Schritt, zu verfolgen.

Warum können Ihre Kinder nicht die Schule beenden? Ist das eine "Lex Trump", dass es so schnell gehen muss?
Nein. Wir wussten immer, dass wir am 20. Jänner gehen müssen. Das ist so Tradition. Meine Kinder haben bereits Anfang Jänner die Schule in Colorado begonnen. Der 20. Jänner bedeutet das Ende der Amtszeit von Obama und damit auch das Ende meiner Amtszeit. Ich werde diesen Tag deshalb niemals vergessen.

Wenn Sie zurückblicken: Was zählen Sie zu Ihren Erfolgen, was haben Sie nicht erreicht?
Ich bin unglaublich stolz auf unsere Arbeit, das verdanke ich vor allem meinem Team. Es sind nicht meine Erfolge, es sind die Erfolge unseres Teams, und die Erfolge der Zusammenarbeit mit Österreich. Wir haben in den letzten dreieinhalb Jahren Unternehmertum im großen Stil gefördert, wir haben die Zusammenarbeit mit den Behörden verstärkt, wir haben den größten Studentenaustausch seit Ende des Zweiten Weltkrieges initiiert. Wir haben aber auch den Handel angekurbelt. Die USA sind jetzt das zweitgrößte Exportland nach Deutschland, wir haben also Italien überholt. Eine Enttäuschung war TTIP. Ich habe wirklich daran geglaubt und hoffe, dass es noch irgendwann beschlossen wird.

Schwer denkbar nach den vielen Protesten und nach Trumps Absage.
Ob und wann das sein wird, ist schwer zu sagen, aber wir haben bereits in so vielen Punkten Übereinstimmung gefunden, dass die Verhandlungen auf dieser Basis irgendwann weitergehen werden. Wir übergeben jedenfalls die Dokumente an die neue Administration.

Wie haben Sie als private Bekannte von Barack Obama die Wahlen erlebt?
Ja, ich bin mit Obama befreundet und deshalb hatte ich auch die große Ehre, ihn in Österreich zu repräsentieren. In der Wahlnacht waren wir bei unserer traditionellen Wahlparty im Wien-Museum. Ich habe eine Rede gehalten, was ich mir von der Zukunft erhoffe, und ab 1 Uhr früh haben wir die Ergebnisse auf großen Screens verfolgt. Es war ja keine Überraschung, dass Obama am 20. Jänner nicht mehr Präsident sein würde.

Waren Sie nicht schockiert, dass Hillary Clinton es nicht geschafft hat?
Nein, ich war nicht schockiert. Es war spannend zu sehen, was der Wille des amerikanischen Volkes ist. Ich denke, was wir von dieser Wahl gelernt haben, ist, dass das amerikanische Volk doch viel gespaltener ist, als wir erwartet haben. Wir müssen jetzt herausfinden, warum es so viele Menschen gab, die sich alleingelassen fühlten, daran werden wir arbeiten und uns deshalb hinter den gewählten Präsidenten stellen.

Alexa Wesner ist Diplomatin durch und durch. Den Namen Trump spricht sie nur ein einziges Mal aus, und zu provokanten Aussagen über den designierten amerikanischen Präsidenten nimmt sie einfach nicht Stellung. Wie schwer es ihr wohl fällt, über den polternden Nachfolger Obamas ja nichts Negatives zu sagen?

Müssen Sie sich gerade sehr anstrengen, so diplomatisch zu sein?
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich so diplomatisch bin. Was im Moment passiert, ist ein normaler Prozess des Machtwechsels. Den gibt es alle vier oder acht Jahre, und auch unser Zweiparteiensystem ist nichts Ungewohntes.

Die ehemalige US-Botschafterin Helene von Damm sagte, dass sie Donald Trump beschämend findet. Wie sehen sie das?
Ich habe Trump noch nicht als Präsident erlebt. Ich kann nicht spekulieren, was er für ein Präsident sein wird. Deshalb bin ich erstmal optimistisch.

Haben Sie seine Pressekonferenz gesehen?
Ich habe davon gehört.

Da hat Donald Trump gezeigt, was er für ein Präsident sein wird. Er beschimpfte zum Beispiel den Fernsehsender CNN als "Fake News".
(Alexa Wesner schweigt.)

Haben Sie die Rede von Meryl Streep gesehen?
Nicht live, aber ja. Da hat eine großartige Schauspielerin ihre Redezeit bei einer Preisverleihung nutzt, um darüber zu sprechen, woran sie glaubt. Solche Debatten sind gut und bringen uns weiter.

Donald Trump hat auch sie beschimpft.
(Alexa Wesner schweigt.)

Und Obamas Rede?
Die habe ich natürlich angeschaut. Er ist ein außergewöhnlicher, brillanter Präsident, er wird als einer der Besten, wenn nicht als der Beste in unsere Geschichte eingehen. Die First Family war ein Vorbild an Würde und Anmut, wir werden sie alle sehr vermissen.

Welche Worte sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Weil ich selber drei kleine Kinder habe, war es der Moment, in dem er Michelle und seinen Töchtern dankte. "Von allem, was ich in meinem Leben getan habe, bin ich am stolzesten darauf, euer Vater zu sein." Das hat mich auf einer ganz persönlichen Ebene berührt.

Hand aufs Herz, Frau Wesner: Kehren Sie jetzt gern ins Trump-Land zurück?
Schauen Sie, Amerika besteht nicht nur aus dem Amt des Präsidenten. Das sind 300 Millionen Menschen. Ich würde es niemals nach einer Person benennen, auch nicht nach Barack Obama. Dieses Land sollte nach seinen Werten beurteilt werden, - Freiheit, Sicherheit, Wohlstand - und die werden nicht verschwinden.

Ist das noch Ihr Amerika, das Sie vor drei Jahren verlassen haben?
Nein, es ist ein viel besseres Amerika. Wir haben viel erreicht: Frauenrechte, Kinderrechte, LGBT-Rechte, Gesundheitsversorgung. Unsere Wirtschaft steht toll da, die Arbeitslosigkeit ist auf 4,8 Prozent gefallen, der Arbeitsmarkt ist gewachsen.

Was lassen Sie zurück?
Ein Stück meines Herzens … Das wiegt mehr als mein Gepäck. Der Abschied ist bittersüß, denn Österreich ist in den letzten drei Jahren auch ein bisschen unsere zweite Heimat geworden. Ich und meine Familie sind 95.538 Kilometer durch Österreich gereist, das ist mehr als zweimal um die ganze Welt. Meine jüngste Tochter trug noch Windeln, als wir hier ankamen. Zuletzt fragte sie: "Wann fahren wir wieder nach Salzburg?" Die Kinder werden Wien vermissen. Wir sind jeden Sonntag nach dem Frühstück in ein Museum gegangen. Dieses Ritual wird uns fehlen.

Was wird am 21. Jänner sein?
Ich werde den kommenden Monat nutzen, um mich auszuruhnoch einmal durchgehen, all die Menschen, die ich kennengelernt habe und die Orte, die ich besucht habe. Ich werde Fotos durchschauen, ich werde Briefe lesen und alles noch einmal Revue passieren lassen.

Könnten Sie sich vorstellen, für den Kongress zu kandidieren?
Ich habe eine große Vorstellungskraft, aber ich werde nicht spekulieren, wo ich in einem Jahr sein werde. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich nichts geplant habe. Die Arbeit hier war einfach zu intensiv, um auch noch Pläne zu schmieden. Wenn ich zuhause bin, werde ich in Ruhe darüber nachdenken. Und mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen.

Im Oktober 2013, als die Demokratin, Triathletin und dreifache nach Österreich kam, suchte sie zwei Spielgefährten für ihre Kinder und fand sie im Wiener Tierschutzhaus. "Das nennt man Katzenglück" schrieb die "Krone" damals auf Seite 1. Fast wie im Film "Aristocats" zogen zwei verwaiste Tigerkätzchen in die Residenz, einer Bauhausvilla in Wien-Hietzing, ein.

Was passiert mit Ihren Katzen?
Oh, sie sind bereits seit Weihnachten in Amerika und genießen das Leben dort. Ein Tiertransport-Service - First Class, nein ich scherze! - hat sie sicher von Wien-Schwechat nach Denver, Colorado, gebracht. Wir sind von Texas dorthin übersiedelt, weil uns in Colorado die Berge nicht so abgehen werden.

Frau Botschafterin, Sie haben den Medien nie Ihr genaues Geburtsdatum verraten. Verraten Sie uns jetzt Ihren Geburtstag?
Okay. 4. November 2008. Der Tag, an dem Obama gewählt wurde, ist mein zweiter Geburtstag.

Ihre Karriere:
Geboren als Tochter von Einwanderern (ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Lette) in Washington. Biologie-Studium an der renommierten Stanford-University. In Texas gründet die Demokratin 1997 ihre erstes, 2000 ihr zweites Unternehmen. Die erfolgreiche Triathletin ist verheiratet mit dem Unternehmer Blaine Wesner, das Paar hat drei Kinder: Natalie, Tennyson und Livia. Wesner war US-Botschafterin seit 2013.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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