So, 19. November 2017

„Krone“ im Irak

07.01.2017 13:42

Lokalaugenschein im Sumpf des Verbrechens

Am 30. Dezember 2006 wurde der irakische Diktator Saddam Hussein hingerichtet. Nun, zehn Jahre später, ist eines seiner schlimmsten Verbrechen an Mensch und Natur fast in Vergessenheit geraten. Ein Besuch in den "Mesopotamian Marshes", der Sumpflandschaft im Südirak.

Die Ebene im Südirak. Entlang des Highway 8. Von Bagdad nach Basra. "Die Einheimischen fahren hier selten", erzählt Ammar, der Fahrer des Kleinbusses. "Zu viele Überfälle durch Beduinen." Man lacht. Hält es für einen Scherz. Bis einen die Vollbremsung des vorfahrenden Security-Fahrzeugs eines Besseren belehrt. Ein dickes Stacheldraht-Kabel, quer über die Straße gespannt. Im Süden des Irak ist man zwar weit weg vom IS. Ungefährlich ist es dennoch nicht. Auch nicht in unserem Zielgebiet: den "Mesopotamian Marshes", dem Sumpfgebiet rund um die Millionenstadt Basra. Wo Gläubige den Garten Eden von Adam und Eva vermuten. Heimat der Sumpfaraber, auf Arabisch "Madan" genannt. "Ein freundliches, aber stolzes Volk", sagt Ammar. Ein abschätziger Blick auf den "Krone"-Reporter. "In dir werden sie aber wohl nur einen großen Geldsack sehen."

Viele Sumpfaraber wurden zu Opfern Saddam Husseins
In Chibayish, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Basra, sticht einem sofort eine riesige Kuppel ins Auge. Wie die einer monumentalen Moschee. Doch handelt es sich um ein Denkmal. Für die unzählbaren Bewohner der Sümpfe, die Saddam Husseins Schreckherrschaft zum Opfer fielen. Symbolische Gräber. Rund um die Kuppel aufgestellt. Ein weiteres Denkmal, etwa zehn Meter hoch, in Form einer Hand, aus der Schilfhalme wachsen, steht vor dem Eingang in die Gedenkstätte. "Wenn du mich fragst, rausgeschmissenes Geld", sagt Quasim, nachdem er den Motor gestartet hat und das kleine, längliche Boot durch die Sümpfe steuert. Seine Heimat. Quasim ist Sumpfaraber.

Seit 5000 Jahren bewohnen die Sumpfaraber dieses einzigartige Ökosystem. Ende der 1980er-Jahre noch 20.000 Quadratkilometer groß. Bis zum Aufstand der Schiiten während des Golfkriegs 1991. Das Feuchtgebiet diente Oppositionellen als Rückzugsgebiet. Auch die Madan unterstützten den Aufstand. Was Saddam Hussein mit harter Hand bestrafte. Sukzessive begann er mit der Trockenlegung der Sümpfe. Zum einen, um Jagd auf politisch Andersdenkende zu machen. Zum anderen, um die Ölquellen unter dem Feuchtgebiet anzuzapfen. Binnen eines Jahres wurde ein gewaltiger Hauptkanal von etwa 560 Kilometern Länge errichtet. Weitere zwei lenkten die Flüsse Euphrat und Tigris östlich und südlich um.

Saddam wollte Leben im Garten Eden unmöglich machen
Saddam gelang es, 95 Prozent des Sumpfes trockenzulegen. Und nun kamen Armee und Artillerie. Von Dezember 1991 bis Jänner 1992 wurden laut Statistiken der irakischen Armee 50.000 Menschen aus den Sümpfen vetrieben, insgesamt sollen es 175.000 Menschen gewesen sein. Viele von ihnen wurden ermordert. Vergiftetes Wasser, Brandschatzung und weitere Dämme taten ihr Übriges, um ein Leben im Garten Eden unmöglich zu machen. Eine Katastrophe. Humanistisch wie ökologisch.

Dämme von Beduinen gesprengt
Heute hat das Sumpfgebiet wieder weite Teile seiner ursprünglichen Größe. "Ohne die Beduinen wäre das nicht möglich gewesen", sagt Quasim. "Sie haben die Dämme gesprengt." Seit 2013 haben die Sümpfe den Status eines Nationalparks. Quasim hält an einer der ärmlichen Hütten, in der die Sumpfaraber leben. Es gibt Kekse und Tee. Einem Hochwasser halten die Hütten nicht stand. "Dann bauen wir sie eben wieder auf", Quasim zuckt mit den Achseln. "Wir haben Saddam überlebt. Wir überleben auch das."

Clemens Zavarsky, Kronen Zeitung

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