Mi, 17. Jänner 2018

Gefahr Atombombe

16.10.2006 07:12

Undercover: Operation Wintersonne

Die Nazis wollen die Atombombe, oder besitzen sie sie bereits? Das herauszufinden ist die Aufgabe von Dr. John Russel, Hauptfigur in "Undercover: Operation Wintersonne". So gerät der schüchterne britische Wissenschaftler weit hinter die feindlichen Linien und muss mitten in Deutschland die Bombe suchen und unschädlich machen.

Unterstützt wird Professor Russel vom britischen Geheimdienst MI6, der schönen Anne Taylor und dem toughen Agenten Peter Graham - allein würde der zauderndene Professor wohl auch nicht sehr weit kommen.

Der Einstieg ins Adventure ist gelungen, unvermittelt wird der zurückhaltende Brite nach Deutschland geschleppt und muss dort auch gleich einen Weg in eine gut bewachte Nazi-Zentrale finden. Gesteuert wird in üblicher Point-and-Click-Manier, und zwar durch 2D-Welten, die mit vielen Details und gelungener Grafik glänzen.

Reise quer durch Nazi-Deutschland
Zuerst wollen die Wachen abgelenkt sein, danach muss eine Säure das Schloss aufätzen - die muss natürlich selbst zusammengemischt werden. Wer sich irrt, hat immer die Möglichkeit, den Fehler zu beheben, was das Säurecocktail-Mixen zu einem lustigen Abenteuer macht. Danach schleichen Russel und Graham auf der Suche nach Hinweisen auf oben erwähnte Atombombe durch die Gemäuer. Die Nachforschungen führen Dr. Russel und seine Begleiter quer durch Deutschland, wo dunkle Nazi-Schergen und verschlossene Dorfbewohner warten.

Anti-Frust-Hotspots
Beschreibungen für nützliche - und auch viele, viele weniger brauchbare - Objekte werden beim Darüberfahren mit der Maus angezeigt. Leider verschwimmen viele kleine Gegenstände geradezu mit der Umgebung und der Spieler bemerkt sie erst beim wiederholten Durchsuchen eines Screens. Von den Entwicklern ist - für Einsteiger - zwar eine Hotspot-Funktion eingebaut worden, die wichtige Stellen anzeigt, die zu benützen macht jedoch auf Dauer wenig Freude.

Die Charaktere sind von den Entwicklern mit hübschen, für zahlreiche Gelegenheiten passenden Animationen versorgt worden - schließlich bewegen sie sich in 3D durch die Welt. Letztere gefällt durch Licht- und Schattenanimation, Rauch steigt aus Gullys auf, Feuer flackert und sendet flimmernde Hitze in die Luft, die das Bild realistisch beeinflusst. In der Kulisse scheinen die Figuren allerdings manchmal zu klein.

Wozu brauche ich Kreide, Schaufel und alte Stiefel?
Dass gerade die Zwischensequenzen durch kantige Figuren - Anne Taylor müsste demnach wahre Pranken statt zarter Hände haben - auffallen, stört den ansonsten filmreifen Genuss. Schlimmer, weil wirklich nervig: das unübersichtliche, riesengroße Inventar. Zwar werden nach manchen entscheidenden Sequenzen einige Teile entfernt, vieles, was aufsammelbar ist, wird aber schlicht nie gebraucht. Das macht auch einige Rätsel zu einem reinen Geduldsspiel - bei einer Unzahl an möglichen Gegenstandskombinationen keine rechte Freude.

Gelungen sind die Rätsel dennoch, vor allem, weil nur eine Handvoll unter Zeitdruck zu erledigen sind. Großes Lob an die Entwickler, die sich nicht vom unseligen Trend zu zeitabhängigen Rätseln in Adventures, der derzeit die Spielebranche fest in seinen Krallen hält, beeinflussen ließen. Die wenigen wahren Logikrätsel sind allesamt lösbar, dennoch meist knackig und fordernd.

"Uranprojekt" bleibt im Dunkeln
Gespräche gibt es einige, über die Nichtspielercharaktere erfahren Dr. Russel und der Spieler leider trotzdem nur wenig, wirklich kennenlernen kann man die Figuren in "Undercover: Operation Wintersonne" nicht. Der Eindruck bleibt, dass sich die Entwickler zwar ein überaus interessantes alternatives Szenario rund um den Zweiten Weltkrieg ausgedacht haben, es aber bei der Grundidee geblieben ist. Die Geschichte rund um das "Uranprojekt" bleibt schwammig, die Akteure weitgehend unbekannt. Selbst als Dr. Russel und die schöne Anne Taylor erschossene Wissenschaftler finden, wird nicht klar, wer sie waren oder für wen sie woran gearbeitet haben.

Der geschichtliche Hintergrund ist relativ gut umgesetzt, Nazi-Symbole wurden naturgemäß durch andere, unverkennbar ähnliche, ersetzt. Die dunklen deutschen Charaktere sind intensiver gelungen als die farblosen Briten, die ohne Emotion und Charaktertiefe durch das Adventure staksen. Insgesamt ist das Spiel relativ kurz geworden - jedenfalls, wenn man die Ladezeiten (zwischen jedem Screen!) von der Gesamtspieldauer abzieht.

Fazit: Ein interessantes Setting, wie gemacht für ein Adventure. Die Erwartungen, die die Entwickler in den ersten Minuten dank interessanter Einleitung wecken, werden leider nicht erfüllt - es fehlt den Charakteren an Tiefe, der Geschichte an konsequenter Fortsetzung der Atombombentheorie und dem Game insgesamt an Spannung. Die Rätsel sind hingegen sehr gelungen, besonders die Logikrätsel. Sie fordern immer einen unterschiedlichen Zugang, wiederholen sich nicht und zeigen im besten Sinne, wie unterhaltsam Denksport sein kann. Die Grafik ist liebevoll gestaltet, die Bewegungen der Figuren geschmeidig und die Soundkulisse passend. Sehr nett: Nichtspielercharaktere verhalten sich genau so, wie es auch im wahren Leben denkbar wäre. So hat ein Soldat, der Dr. Russel eigentlich das Licht ausblasen sollte, genug vom Krieg und haut einfach ab - ein Glück!

Plattform: PC
Publisher: dtp
Krone.at-Wertung: 80%

Von Bernadette Geißler

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